Russland hat nach Angaben seines Präsidenten Wladimir Putin die Tests mit dem nuklear angetriebenen Marschflugkörpers 9M730 Burewestnik (NATO-Codename: SSC-X-9 Skyfall) erfolgreich abgeschlossen und bereitet nun dessen Stationierung vor. Westliche Beobachter bestätigten den jüngsten Test und blicken mit Sorge auf die Entwicklung einer Waffe, die aufgrund ihrer Konzeption das strategische Gleichgewicht verändern könnte.

Jüngster Test in der Arktis bestätigt

In einer Erklärung vom 26. Oktober bestätigte Putin während eines Besuchs im Hauptquartier der Vereinigten Streitkräfte die erfolgreichen Tests der Burewestnik. Er bezeichnete die nuklear angetriebene Rakete als global einzigartig und wies das Militär an, die Vorbereitungen für die Indienststellung einzuleiten.

Westliche Geheimdienste bestätigten diese Angaben kurz darauf. Der norwegische Militärgeheimdienst teilte laut Reuters am Montag mit, dass der jüngste Test vergangene Woche vom arktischen Archipel Nowaja Semlja in der Barentssee aus gestartet wurde. Russland hatte bereits am Sonntag einen erfolgreichen Test des Systems gemeldet, jedoch ohne den Startort zu präzisieren.

Screenshot eines Videos aus dem Jahr 2018, das während einer Werksbesichtigung vom russischen Verteidigungsministerium aufgenommen wurde. Das Bild zeigt den Moment, in dem Techniker an der roten Nasenspitze der Rakete arbeiten, während der Rest des Rumpfes noch von einer Plane bedeckt ist. (Bild: Russisches Verteidigungsministerium)

Unbegrenzte Reichweite?

Der Marschflugkörper Burewestnik, dessen Name übersetzt „Sturmvogel“ bedeutet, wurde der Öffentlichkeit erstmals 2018 von Putin vorgestellt. Die Entwicklung gilt als Moskaus direkte Antwort auf den US-Austritt aus dem ABM-Vertrag im Jahr 2001 und den Aufbau westlicher Raketenabwehrsysteme.

Das Alleinstellungsmerkmal der Burewestnik ist ihr Antrieb. Während ein Booster die Rakete startet, soll ein Miniatur-Kernreaktor den Flug antreiben. Diese Technologie ermöglicht theoretisch eine fast unbegrenzte Reichweite. Laut russischen Angaben soll die Waffe bei einem Testflug 14.000 Kilometer zurückgelegt haben und rund 15 Stunden in der Luft gewesen sein.

Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen Screenshot eines vom russischen Verteidigungsministerium aufgenommenen Bildes, das den Start des Marschflugkörpers zeigen soll. (Bild: CC 4.0)

Westliche Experten und Organisationen wie die Nuclear Threat Initiative (NTI) warnen, dass der Marschflugkörper tagelang in der Luft kreisen könnte, um Raketenabwehrsysteme zu umgehen und Ziele aus unvorhersehbaren Richtungen anzufliegen. Es wird angenommen, dass die Burewestnik im Konturenflug in niedriger Höhe operiert, was eine Ortung zusätzlich erschwert.

Technische Funktionsweise des Antriebs

Technisch gibt es zwei Hauptkonzepte für einen nuklearen Antrieb: Entweder ein nukleares Staustrahltriebwerk (Ramjet) nach dem Vorbild des US-Projekts „Pluto“, bei dem Umgebungsluft durch die Fluggeschwindigkeit komprimiert, direkt durch den offenen Reaktorkern geleitet, erhitzt und als radioaktiv kontaminierter Strahl ausgestoßen wird. Laut dem Think Tank BASIC, der sich mit nuklearer Abrüstung beschäftigt, ist dieses offene Reaktorsystem zwar einfacher zu realisieren, würde jedoch ein gewisses Maß an radioaktiven Partikeln während des Fluges ausstoßen.

Satellitenaufnahmen eines mutmaßlichen Startplatzes. (Bild: CC 4.0)

Die wahrscheinlichere, wenn auch komplexere Variante ist ein nukleares Turbojet-Triebwerk, das besser zum gemeldeten Unterschallprofil passt. Hierbei würde ein geschlossener Primärreaktorkreislauf – vermutlich mit Flüssigmetall gekühlt – seine Hitze über einen Wärmetauscher an die verdichtete Luft abgeben, was einen Schub ohne direkten Ausstoß von Spaltprodukten erzeugt. Beide Ansätze stellen extreme Anforderungen an die Materialwissenschaft, die Reaktorsteuerung unter Flugbedingungen und die Strahlungshärtung der Bordelektronik.

Ein risikoreiches Erbe des Kalten Krieges

Die Technologie eines nuklearen Antriebs für Marschflugkörper ist nicht neu. Konzepte für sogenannte „fliegende Kernreaktoren“ wurden bereits in den 1950er-Jahren sowohl in den USA als auch in der Sowjetunion erörtert, aber letztlich verworfen. Die Risiken galten als zu hoch, insbesondere die Gefahr einer radioaktiven Kontamination entlang der Flugbahn.

Trotz der jüngsten Erfolgsmeldungen war die Entwicklung der Burewestnik Berichten zufolge von erheblichen Problemen und Fehlschlägen geprägt. Westliche Nachrichtendienste zählten zwischen 2016 und 2019 mindestens 13 Tests, von denen die meisten als erfolglos galten. Einige Flüge sollen kaum mehr als 35 Kilometer Reichweite erzielt haben.

Hier soll sich der Unfall im Jahr 2019 laut dem Middlebury Institute of International Studies at Monterey abgespielt haben. (CC 4.0)

Internationales Aufsehen erregte der Nuklearunfall von Njonoksa am 8. August 2019, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen und Radioaktivität freigesetzt wurde. US-Geheimdienstquellen brachten diesen Vorfall mit dem Versuch in Verbindung, einen zuvor ins Meer gestürzten Burewestnik-Marschflugkörper zu bergen. Auch eine mysteriöse Freisetzung von Ruthenium südlich des Urals im Jahr 2017 wird von einigen Beobachtern mit dem Testprogramm in Verbindung gebracht.

Ein strategischer Marschflugkörper mit Nuklearsprengkopf und eigenem, zusätzlichem Nuklearantrieb birgt folglich schwer kalkulierbare Risiken – sowohl für Russland selbst als auch für potenzielle Abwehrmaßnahmen, bei denen ein Abschuss des Flugkörpers erfolgen könnte.

Jannis Düngemann