Am Flughafen Leipzig ist in der Nacht eine Drohne mit einem mutmaßlichen Sprengsatz unmittelbar neben einer ukrainischen Antonov AN-124 gefunden worden. Sollte sich der Vorfall bestätigen, wäre erstmals einer der wichtigsten Standorte für den strategischen Lufttransport der NATO direkt betroffen. Über den Vorfall berichtete zuerst die Bild-Zeitung.

 

„Kurz vor Mitternacht wurde auf dem Vorfeld am Boden eine Drohne entdeckt. Nach BILD-Informationen war an ihr eine unbekannte Masse angebracht. Brisant: Sie enthielt einen Zünder! Ermittler stuften sie als möglichen Sprengsatz ein“, berichtet die Bild heute morgen und führt weiter aus: „Die Drohne mit dem Zünder lag nach BILD-Informationen in unmittelbarer Nähe zu einer ukrainischen Frachtmaschine vom Typ Antonov. Die Bundespolizei schickte Entschärfer und plante, die unbekannte Masse mit dem Zünder kontrolliert zu sprengen. Ein ferngesteuerter Entschärfungsroboter war im Einsatz. Ob die Sprengung erfolgte, ist unklar.“

Der SALIS-Vertrag zum strategischen Lufttransport

In Leipzig wird mit diesen Antonov der strategische Luftransport (Strategic Airlift International Solution – SALIS) mehrerer NATO-Staaten sichergestellt. Genauer gesagt handelt es sich bei SALIS um eine multinationale Unterstützungspartnerschaft von neun NATO-Mitgliedstaaten, die den beteiligten Nationen den gesicherten Zugang zu strategischen Lufttransportkapazitäten ermöglicht. Das von der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) verwaltete Programm basiert dabei auf einem 2021 geschlossenen Fünfjahresvertrag mit Antonov Logistics SALIS und stellt den Teilnehmern Transportflugzeuge Antonov AN-124-100 für sehr schwere oder übergroße Fracht zur Verfügung.

Diese Antonov verlegen also alles, was nicht in die kleineren Transportflugzeuge wie die A400M passen. Die Antonov sind damit die wirklich schweren Arbeitspferde der teilnehmenden NATO-Staaten, deren Fähigkeiten zum strategischen Lufttransport – inklusive Landung auch unter widrigen Umständen auf nicht idealen Pisten – bisher kaum wieder erreicht wurden.

Der Vertrag garantiert dabei den Teilnehmern den Zugriff auf bis zu fünf Maschinen: Drei Flugzeuge stehen mit Vorlaufzeiten von 72 Stunden, sechs Tagen beziehungsweise neun Tagen bereit, zwei weitere können abhängig von ihrer Verfügbarkeit eingesetzt werden. Die teilnehmenden Staaten garantieren im Gegenzug eine jährliche Mindestabnahme von 1.500 Flugstunden, was üblicherweise allerdings deutlich überschritten wird. Ergänzend können bei Bedarf weitere Großraumfrachtflugzeuge wie die Iljuschin IL-76 im Rahmen des Vertrags genutzt werden.

Die Antonov AN-124

Mit einer Nutzlast von bis zu 120 Tonnen zählt die AN-124 zu den leistungsfähigsten Transportflugzeugen weltweit und kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn militärisches Großgerät oder umfangreiche Hilfsgüter kurzfristig verlegt werden müssen.

So wurde SALIS in der Vergangenheit unter anderem für militärische Transporte von und nach Afghanistan, zur Unterstützung der Erdbebenhilfe in Pakistan sowie für Missionen der Afrikanischen Union in Darfur genutzt. Auch während der Corona-Pandemie spielte SALIS eine wichtige Rolle beim Transport dringend benötigter medizinischer Ausrüstung.

Heute unterstützt SALIS die Verlegung von Material zu den multinationalen NATO-Gefechtsverbänden an der Ostflanke und trägt damit wesentlich zur schnellen strategischen Verlegefähigkeit der beteiligten Staaten bei. Die operative Koordinierung der Flugkapazitäten erfolgt durch die Strategic Airlift Coordination Cell im Movement Coordination Centre Europe (MCCE) im niederländischen Eindhoven.

Nach Drohnenalarm: Kollision in Leipzig

Doch stationiert sind die Antonov für SALIS üblicherweise am Flughafen Leipzig/Halle (LEJ), also dort, wo nun die Drohne mit Zünder gefunden wurde und vielleicht sogar ein weiterer Drohnenangriff erfolgte. Denn die Bild-Zeitung schreibt zu den Ereignissen der gestrigen Nacht am Flughafen Leizig: „Der Flugbetrieb wurde sofort gesperrt, der Flugverkehr umgeleitet. Eine Frachtmaschine musste daher durchstarten. Nach BILD-Informationen kollidierte sie kurz darauf rund 6 Kilometer vom Flughafen entfernt in 400 Metern Höhe mit einem unbekannten Objekt. Das Flugzeug landete in Hannover, wo leichte Beschädigungen im Frontbereich festgestellt wurden.“

Dabei ist der Flughafen Leipzig bereits seit dem Start des SALIS-Programms im Jahr 2006 eine der operativen Basen der Antonov-Flugzeuge für die NATO. Von dort aus werden die Maschinen alarmiert, gewartet und zu ihren weltweiten Einsätzen entsandt.

Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war die eigentliche Heimatbasis Hostomel bei Kiew (Ukraine), während sich in Leipzig vor allem die Wartungs- und Einsatzbasis befand. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 wurde allerdings die gesamte flugfähige Antonov-An-124-Flotte schrittweise nach Leipzig/Halle verlegt. Damit ist der Flughafen faktisch zum Hauptstützpunkt von Antonov Airlines außerhalb der Ukraine geworden. Dort befinden sich inzwischen auch die Wartungseinrichtungen und Antonov baut sogar einen eigenen großen Wartungshangar.

Doch der gestrige Vorfall zeigt: Die Sicherheit dieses überaus wichtigen militärischen Transporthubs ist durch Drohnen und mögliche Sabotage zumindest gefährdet. Und sie muss angepasst werden, denn Alternativen zu den Antonov existieren im Grunde nicht, zumindest nicht in den SALIS-Partnerländern (Belgien, Deutschland, Frankreich, Norwegen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Ungarn).

Autorin: Dorothee Frank, Chefredakteurin Online