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Vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Herausforderungen an der Ostgrenze des NATO-Bündnisgebietes, wie auch im Mittleren Osten und Afrika, haben die NATO Mitgliedstaaten auf ihrem Gipfel 2014 in Wales die Bildung einer Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) beschlossen.

 Dazu gehört auch ein militärischer Verband in der Größenordnung einer verstärkten Kampftruppenbrigade, VJTF (L) Brigade, der aus nationalen und multinationalen Einheiten besteht. Die VJTF (L) -Brigade wird abwechselnd von den verschiedenen NATO-Staaten gestellt. Die Verlegung der VJTF (L) Brigade erfolgt während der Stand-By-Phase in zwei Schritten: Ein kleiner Teil dieses Verbandes, die sogenannte Speerspitze, muss befähigt sein, innerhalb von zwei Tagen auf Befehl zu verlegen. Der die Hauptkräfte müssen befähigt sein, nach fünf bis sieben Tagen zu verlegen. Dies bedeutet, der Verband muss für ein Jahr permanent auf eine schnelle Verlegung vorbereitet sein, um auch auf mögliche Bedrohungen an den Grenzen der NATO reagieren zu können. 

Dieser Artikel beleuchtet den Hintergrund zu den logistischen Vorbereitungen und Zeitabläufen, die es bei der VJTF (L) 2019 generell und bei der multinationalen Übung TRJE 18 im Besonderen zu berücksichtigen galt. Truppenführer und ihre Soldaten denken oftmals in erster Linie daran, wo und wie sie kämpfen müssen. Doch bevor eine militärische Operation beginnt, bedarf es einer Menge an logistischer Planung und Vorbereitung.

Multinationale Brigade VJTF (L) 2019

Im Zeitraum vom 1. Januar 2018 bis zum 31. Dezember 2020 führt die Panzerlehrbrigade 9 die multinationale Brigade VJTF (L) 2019. Truppenstellende Nationen sind neben Deutschland, Norwegen, die Niederlande, Frankreich, Belgien, Tschechien, Lettland, Litauen und Luxemburg. Im Jahr 2018 befand sich die Brigade in der Stand-up-Phase, im Jahr 2019 in der Stand-by-Phase und im Jahr 2020 folgt dann die Stand-down-Phase.

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Ein GTK Boxer wird in die Ark Germania in Emden für die Übung TRIDENT JUNCTURE verladen. Fotos: Bundeswehr

Logistische Schwerpunkte in der Stand-up-Phase

Im Stand-up-Jahr 2018 musste die VJTF-Brigade nach Aktivierung befähigt sein, innerhalb von 45 Tagen verlegebereit zu sein. Der Weg zu einer einsatzbereiten multinationalen Brigade war lang und fordernd, zumal mit Ausbildungen und Übungen schon im Jahr 2017 begonnen wurde, um zeitgerecht die notwendigen Abholpunkte für die nationalen und multinationalen Zertifizierungsübungen zu erreichen. So wurde der Stab der VJTF (L) 2019 Brigade nach den gültigen NATO-Kriterien gemäß Combat Readiness Evaluation of Land Headquarters (HQ) and Units (CREVAL) im Rahmen der Übung WIZARD SWORD in Wildflecken unter Leitung des I. Deutsch-Niederländischen Korps aus Münster multinational zertifiziert. Die nationale Zertifizierung der Verbände erfolgte im Anschluss auf dem Truppenübungsplatz Bergen und im Gefechtsübungszentrum Heer.

Im Rahmen der Aufstellung der VJTF (L) 2019-Brigade musste viel Material bereitgestellt werden. Die Instandhaltungs- und Materialerhaltungsmaßnahmen mussten intensiviert werden, um die materielle Einsatzbereitschaft der Truppenteile sicherstellen zu können. Eine enge Einbindung der Heeresinstandsetzungslogistik (HIL GmbH) in die Planung und Organisation der Instandhaltungsmaßnahmen sowie Abstimmungsprozesse mit der Kommandoebene und dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr zur Optimierung und Beschleunigung der Beschaffung von Ersatzteilen waren weitere unabdingbare Maßnahmen, um die materielle Einsatzbereitschaft zeitnah und nachhaltig für diesen Auftrag gewährleisten zu können.

Aber nicht nur die Instandhaltung mit dem Halten des hohen Einsatzbereitschaftsstatus ist eine Herausforderung. Für die logistische Unterstützung der VJTF (L) 2019 Brigade ist es auch erforderlich, jegliche Art von Versorgungsgütern bereitzustellen bzw. als Vorrat verlegebereit mit den gleichen Reaktionszeiten in den ortsfesten logistischen Einrichtungen der Streitkäftebasis vorzuhalten.

In dem multinationalen Combat Support Bataillon müssen auf dem Truppenkörper abgestimmte Lager mit notwendigem Vorrat an Ersatzeilen sowie querschnittlichen Versorgungsgütern aufgebaut werden. Des Weiteren sind Maßnahmen zur Beschaffung, Einlagerung und Bewirtschaftung von Verpflegung, Bekleidung, Betriebsstoff und Munition einzuleiten und mit dem Logistikkommando der Bundeswehr abzustimmen, um ausreichend Bestände für einen möglichen Einsatz der VJTF-Brigade verfügbar zu haben.

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Bergepanzer und BV 206 Hägglunds des Gebirgsjägerbataillons 232 werden im norwegischen Roros entladen

 

Darüber hinaus muss logistisches Personal nicht nur in militärischen Fähigkeiten ausgebildet werden, sondern es muss auch die zivilen Bestimmungen für die Vorbereitung der Transporte von Gütern und Material kennen. Das bedeutet, das Personal muss im Packen und Beladen von Containern, in der Vorbereitung von Gefahrgutsendungen für verschiedene Transportmittel und im Umgang mit Zollbestimmungen ausgebildet werden.

Für Übungen im multinationalen Umfeld sind Absprachen zu treffen und Maßnahmen im Rahmen des Host Nation Support (HNS) oder Contractor Support to Operation (CSO) einzuleiten. So wurde beispielsweise Unterkunft, Wasser und Verpflegung für die Übung TRJE 18 in Norwegen im Rahmen HNS zur Verfügung gestellt.

Logistische Schwerpunkte in der Stand-by-Phase 2019

In Phase 2 befindet sich die VJTF-Brigade in ihrer Stand-by-Phase. Ein Vorausverband der Brigade in Bataillonsstärke muss als „Speerspitze“ innerhalb von zwei Tagen verlegebereit sein, die Hauptkräfte der VJTF-Brigade innerhalb von fünf bis sieben Tagen. Während dieser Stand-by-Phase wird die Brigade die Ausbildung ihrer Kräfte auf allen Ebenen fortsetzen. Logistische Versorgungsgüter werden daher in zusätzlich beschafften Containern und angemieteten Lagerhäusern vorgehalten und sind für den Transport vorbereitet. Der logistische Grundbetrieb wird in den gültigen angewiesenen Verfahren und Prozessen weitergeführt und in der Instandhaltung wird die Einsatzbereitschaft des Gerätes verbessert.

Phase 3, Stand-down-Phase 2020

Im Stand-Down-Jahr wird Polen als Leitnation Verantwortung für die Bereitstellung einer multinationalen VJTF-Brigade übernehmen. Die Verlegebereitschaft der deutschen VJTF-Brigade ist nun innerhalb von 30 Tagen nach Aktivierung der VJTF durch die NATO herzustellen.

Übung Landes- und Bündnisverteidigung

Vor dem Hintergrund aktueller sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen und Bedrohungen ergibt sich wieder die Notwendigkeit für die NATO, die Landes- und Bündnisverteidigung vermehrt zu üben. 2018 Jahres fand die Übung „TRIDENT JUNCTURE 2018“ (TRJE 18) in Norwegen statt. Ein wichtiges Übungsziel ist das Abbilden der Fähigkeit zu einer schnellen strategischen Verlegung eines großen Truppenkörpers. Norwegen bot die Möglichkeit, unter möglichst realistischen Bedingungen Operationen in der Luft, auf See und an Land zu kombinieren und dabei Luft-, See- und Landstreitkräfte gemeinsam zu beüben.

Alle 29 NATO-Staaten leisteten ihren Beitrag zu dieser Übung. Insgesamt nahmen etwa 44.000 Soldatinnen und Soldaten aktiv an TRJE 18 teil. Abgesehen von ausreichend Raum, um im Gelände mit Kampfpanzern und anderem schweren Gerät operieren zu können, wurden ausreichend Möglichkeiten geschaffen, um Lagereinrichtungen und gute logistische Verbindungslinien aufzubauen. Besonders für die Be- und Entladung von schwerem Gerät mussten geeignete und verfügbare See- und Flughäfen in Deutschland und Norwegen gefunden werden. Um alle teilnehmenden Truppenteile unterbringen zu können, errichteten norwegische Unternehmen Feldlager mit Massenunterkünften, um die übende Truppe witterungsgeschützt unterzubringen. 

Die Logistik setzt die operativen Grenzen für den Einsatz

Der Aufbau logistischer Bestände ist eine große Herausforderung. Aufgrund der in den letzten Jahren durchgeführten Stabilisierungsoperationen werden Bestände nicht mehr im dem Umfang vorgehalten, der für einen möglichen Einsatz zur Unterstützung der VJTF-Brigade nötig ist. Allein für die deutsche Beteiligung mussten die vorgehaltenen logistischen Bestände deutlich erhöht werden. Dabei waren unter anderem die Bestände an Verpflegung, Winterbekleidung, Kraftstoff, Munition und Ersatzteilen zu berücksichtigen. All dies musste in Fahrzeuge und Container geladen und verstaut werden. Als Vorbereitung mussten Containerabstellflächen in den Kasernen geplant und eingerichtet werden. Ausreichend Staumaterial wurde beschafft und vorbereitet. Zudem waren sämtliche transportbegleitenden Papiere zu erstellen. Aufgrund des grenzüberschreitenden Transports war zusätzlich die Vorlage der entsprechenden Zolldokumente form- und fristgerecht erforderlich.

Das gesamte Material rechtzeitig nach Norwegen zu bringen, war nicht nur für die VJTF-Brigade eine komplexe Herausforderung, sondern auch für das Logistikzentrum der Bundeswehr (LogZBw). Die Umsetzung der Verlegeplanung erfolgte durch das LogZBw in enger Zusammenarbeit mit der Panzerlehrbrigade 9. Die Verlegung nach Norwegen wurde so geplant, dass das gesamte Personal und Material so effizient und effektiv wie möglich per See- und Lufttransport verbracht werden konnte. Für Deutschland wurde Emden als Verladehafen festgelegt. In Norwegen kam das Material im Entladehafen von Fredrikstad per Schiff an. In Deutschland wurden zudem sogenannte Vorlauftransporte per Eisenbahn für die Kettenfahrzeuge und sonstiges schweres Gerät vorgesehen, um das gesamte Material rechtzeitig und möglichst materialschonend nach Emden zu transportieren. Zu berücksichtigen war dabei, dass die Übung TRJE 18 unter Beachtung aller Friedensbestimmungen stattfand. Das bedingte die Beachtung und Berücksichtigung des Zeitbedarfs zur Beantragung und Zuweisung eines entsprechenden Marschkredites oder den Vorlauf für einen Antrag auf Eisenbahn- oder Lufttransport.

Bevor die Fahrzeuge die Erlaubnis bekamen, auf ein Schiff zu fahren, mussten diese desinfiziert, kontrolliert und durch einen Veterinär zertifiziert werden. Personal wurde vom Militärflughafen Wunstorf zum Flughafen Gardermoen in Norwegen geflogen. Von dort aus erfolgte die Weiterverlegung per Bus zum Hafen Fredrikstad, wo die Rückübernahme der per Schiff verlegten Fahrzeuge erfolgte.

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Kontrolle und Desinfektion vor der Verladung nach Norwegen in einer eigens vorbereiteten Schleuse in Emden.

 

Aber es ist nicht nur die deutsche militärische Ausrüstung, die aus Nordwest-Europa nach Norwegen verbracht werden musste. Auch die Niederlande, Belgien und Frankreich beanspruchten gleichzeitig die knappen Transportmittel. Dadurch entstand auch eine hohe Nachfrage nach zivilen internationalen Transportmitteln. Um die nationalen strategischen Verlegungen zu organisieren und zu entflechten, koordinierte das Movement Coordination Centre Europe (MCCE) in Eindhoven die Umsetzung der benötigten Transportmittel.

An der Übung TRJE18 zeigte sich auch die Komplexität nationaler Transportbestimmungen. Für die Truppenteile erschwerte das die Planung und Organisation ihrer strategischen Verlegungen. Waren keine militärischen Schiffe verfügbar, mussten Schiffe auf dem zivilen Markt gechartert werden. Das Gleiche galt für Luftransportkapazitäten. Obschon es in der NATO eine Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern gibt, bei der jedes Land seine Kapazitäten anbietet, besteht immer eine große Nachfrage nach zivilem Transportraum.

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A400M auf dem Flughafen Gardermoen bei Oslo in Norwegen

Zusammenfassend hat die Verlegung des gesamten Truppenkörpers nach Norwegen mehr als sechs Wochen gedauert. 13 Schiffe wurden für die Hin- und Rückverlegung gechartert. Auf den Hafen- und Luftumschlag spezialisierte Einheiten der Bundeswehr führten in den Seehäfen Emden und Fredrikstad die Beladung und Entladung der Schiffe durch und unterstützten die Verlegung an den Flughäfen.

Conclusion

Die Übung TRJE 18 deckte im Zusammenwirken der Militärischen Organisationsbereiche die Herausforderungen der strategischen Planung, der Verlegung sowie die Ressourcenknappheit der deutschen Streitkräfte auf. In 2019 gilt es nun, das Gelernte konsequent umzusetzen, um in Vorbereitung und Durchführung der Übungsserie NOBLE JUMP 2019 das Zusammenwirken aller Teile der deutschen Streitkräfte sowie den multinationalen Partnern weiter zu optimieren.

 Autor: Major Alfred Strijker ist Angehöriger der G4-Abteilung der 1. Panzerdivision.