Das US-Unternehmen Sikorsky, eine Tochtergesellschaft von Lockheed Martin, strebt den Aufbau einer eigenen europäischen Produktionslinie für das NATO-Hubschrauberprogramm Next Generation Rotorcraft Capability (NGRC) an. Wie das Unternehmen 16. Juli bekannt gab, soll dieser Schritt die Zusammenarbeit mit dem Bündnis vertiefen und die europäische Forschung sowie Entwicklung stärken. Dennis Goege, europäischer CEO von Lockheed Martin, betonte in diesem Zusammenhang, dass eine lokale Fertigung nicht nur die industrielle Basis und hochqualifizierte Arbeitsplätze in Europa sichert, sondern über optimierte Logistikketten auch die unmittelbare Einsatzbereitschaft der Allianz erhöht.
Lokale Wertschöpfungskette für X2-Technologie
Für das Vorhaben setzt Sikorsky auf eine tief integrierte, lokale Wertschöpfungskette. Durch strategische Allianzen mit führenden europäischen Luftfahrtunternehmen und Zulieferern sollen Technologietransfer, Beschäftigung und die langfristige Wartung der Systeme in der Region verankert werden. Parallel dazu führt das Unternehmen Studien zu neuen Zellenkonfigurationen, offenen Avionikarchitekturen und erweiterten Einsatzfähigkeiten durch, um den modernen Anforderungen der NATO-Abschreckung gerecht zu werden.
Ein weiteres Standbein der Strategie stellt die Entwicklung einer internationalen Variante auf Basis der hauseigenen X2-Technologie dar, die parallel in Zusammenarbeit mit asiatischen Industriepartnern vorangetrieben wird, um eine global anpassungsfähige Plattform bereitzustellen.

NSPA führt das NGRC-Programm der NATO
Das übergeordnete NGRC-Programm wurde bereits 2022 ins Leben gerufen und umfasst aktuell die Kernnationen Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, die Niederlande, Großbritannien und Kanada, während die USA und Spanien den Prozess als Beobachter begleiten. Ziel der Rüstungsinitiative, die zentral von der NATO-Agentur NSPA koordiniert wird, ist der zeit- und kosteneffiziente Ersatz veralteter, mittelschwerer Mehrzweckhubschrauber durch eine völlig neue Generation von Luftfahrzeugen, die modernste Produktionsmethoden und Einsatzkonzepte in sich vereint.
2024 hat die NSPA die drei Hubschrauberhersteller Airbus Helicopters, Lockheed Martin Sikorsky und Leonardo in der 5. Konzeptstudie im Programm NGRC beauftragt, unabhängig voneinander Perspektiven zu potenziellen integrierten Plattformkonzepten zu erarbeiten.
Technische Kernanforderungen
Die NATO stellt hohe Anforderungen für das NGRC, da das System als sogenanntes „Advanced Rotorcraft“ weit über die Fähigkeiten klassischer Hubschrauber hinausgehen soll. Eine der zentralen Zielvorgaben ist eine Reisegeschwindigkeit von mindestens 220 Knoten (rund 400 km/h). Diese Forderung macht voraussichtlich völlig neue Antriebskonzepte notwendig, wie etwa die Nutzung von Kipprotoren oder den Bau von Verbundhubschraubern mit zusätzlichen Schubpropellern. Neben der hohen Geschwindigkeit wird eine operative Reichweite von über 1.650 Kilometern verlangt, um weite Distanzen ohne Zwischenstopps überbrücken zu können.
Gleichzeitig muss die Plattform über eine enorme Transportkapazität verfügen, die eine Nutzlast von mehr als 4.000 Kilogramm ermöglicht oder alternativ ausreichend Platz für ein voll ausgerüstete Infanterie-Gruppe bietet. Ein weiteres Hauptmerkmal betrifft die digitale Vernetzung und die Schnittstellen des Luftfahrzeugs. Das System soll vollständig in das moderne, digitale Gefechtsfeld im Rahmen von Multi-Domain Operations integriert werden. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit, im Einsatz als fliegende Kommandozentrale beziehungsweise als „Mutterschiff“ zu agieren, um unbemannte Begleitdrohnen direkt aus der Luft zu steuern und zu koordinieren.
Gerhard Heiming




