Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hat erneut die Erprobung maritimer Waffensysteme persönlich beaufsichtigt. Im Zentrum stand der Lenkwaffenzerstörer „Kang Kon“, das zweite Schiff der Choe-Hyon-Klasse, dessen Typschiff bereits im Juni dieses Jahres in einer Zeremonie im Marinestützpunkt Nampho in den aktiven Dienst überführt wurde. Mit der nun anvisierten Kampfwertfeststellung der „Kang Kon“ rückt die vollständige Aufstellung einer zweiten nuklearfähigen Überwassereinheit in greifbare Nähe.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA fand die Erprobungsserie am Freitag, den 3. Juli, statt. Kim verfolgte das Manöver von einem Küstenbeobachtungspunkt aus, flankiert von hochrangigen Vertretern des Verteidigungsapparats. Kernstück der Übung war der Start eines strategischen Marschflugkörpers – nach Einschätzung von Beobachtern vermutlich aus der Hwasal-Baureihe, welche mit taktischen Nuklearsprengköpfen bestückt werden kann. Staatliche Fernsehaufnahmen zeigten den koordinierten Abschuss von rund zehn Flugkörpern in Serie.

Die Hwasal-Familie bildet das Rückgrat von Nordkoreas nuklearfähigen Marschflugkörpern gegen Landziele (LACM) – ein System, das inzwischen von mobilen Landstartgeräten, U-Booten und Überwassereinheiten gleichermaßen eingesetzt werden kann. Das System ist rund sieben Meter lang, etwa 0,6 Meter im Durchmesser und wiegt circa 1.300 Kilogramm bei einer geschätzten Sprengkopfmasse von 400 Kilogramm. Die angegebene Reichweite liegt zwischen 1.500 und 2.000 Kilometern – damit lägen sowohl südkoreanisches Staatsgebiet als auch US-Stützpunkte in Japan im Wirkbereich.

Parallel dazu wurden zentrale Waffenkomponenten des rund 5.000-Tonnen-Zerstörers geprüft: die Hauptgeschützlafette, mehrere automatische Bordkanonen sowie das integrierte System zur elektronischen Kampfführung. KCNA sprach von einer Überprüfung der Fähigkeit, „verschiedene Waffensysteme an Bord im Gefecht zur Anwendung zu bringen“. Ein Hinweis auf Tests der Feuerleit- und Zielerfassungsarchitektur des Schiffs.

Die Choe-Hyon-Klasse gilt als das größte und am schwersten bewaffnete indigene Überwasserkampfschiff Nordkoreas. (Bild: KNCA)

Technische Kenndaten und Fähigkeiten

Die „Kang Kon“ ist als zweite Einheit der Choe-Hyon-Klasse konzipiert, die als das größte und am schwersten bewaffnete indigene Überwasserkampfschiff gilt, das Pjöngjang bislang in Dienst gestellt hat. Satellitenbildauswertungen und offizielle Angaben zufolge verdrängt der Zerstörer rund 5.000 Tonnen und verfügt über etwa 74 Zellen eines vertikalen Startsystems, die Marschflugkörper, Anti-Schiff-Waffen, Flugabwehrraketen und mutmaßlich auch ballistische Kurzstreckenraketen aufnehmen können. Zur Sensorik und Bewaffnung gehören nach denselben Angaben phasengesteuerte Radarsysteme (Phased-Array-Radar), Nahbereichsverteidigungssysteme (CIWS), eine elektronische Kampfführungsarchitektur sowie Anti-Schiff-Flugkörperwerfer; ein Hubschrauberlandedeck am Heck soll zusätzlich die maritime Aufklärungsfähigkeit verbessern. In der jüngsten Erprobung wurden zudem, wie berichtet, die Hauptgeschützlafette, mehrere automatische Bordkanonen sowie das integrierte Feuerleit- und Zielerfassungssystem getestet

Verkürzter Zeitplan trotz Havarie

Im Anschluss an die Übung ordnete Kim an, die verbleibende Probefahrtenphase „verantwortungsvoll“, aber zügig abzuschließen. Die „Kang Kon“ solle binnen zwei Monaten formal in den Bestand der Marine überführt werden. Sicherheitspolitische Beobachter in Seoul – darunter Hong Min vom Korea Institute for National Unification – halten eine Indienststellung zum 78. Gründungstag der Volksrepublik am 9. September für wahrscheinlich, was der Zeremonie zusätzliches propagandistisches Gewicht verleihen würde.

Der forcierte Zeitplan überrascht angesichts der Vorgeschichte des Schiffs: Beim Stapellauf in der Werft von Chongjin im Mai 2025 kenterte die Einheit teilweise, wobei Teile des Rumpfes erheblich beschädigt wurden. Kim bezeichnete den Vorfall damals als „kriminale Fahrlässigkeit“ und ließ mehrere verantwortliche Offiziere zur Rechenschaft ziehen. Rund einen Monat später wurde das Schiff nach Instandsetzungsarbeiten erneut zu Wasser gelassen; seither absolvierte es eine Serie von Seeerprobungen. Dass die Einheit nun dennoch kurz vor der Übergabe an die Flotte steht, unterstreicht die strategische und politische Priorität, die das Regime dem Zerstörerprogramm beimisst – ungeachtet fortbestehender externer Zweifel an der tatsächlichen Einsatzreife.

Abschuss des Hwasal-2 Marschflugkörpers: Dieser wird von Pjöngjang durchgängig als „strategischen“ Marschflugkörper bezeichnet – ein Begriff, den nordkoreanische Staatsmedien üblicherweise für nuklearfähige Systeme reservieren. Nach westlicher Einschätzung ist der Hwasal-2 tatsächlich zur Bestückung mit dem Sprengkopf Hwasan-31 ausgelegt, einem taktischen Nukleargefechtskopf, den Nordkorea seit 2023 offiziell präsentiert. (Bild: KNCA)

Baustein einer maritimen Nukleardoktrin

Die aktuelle Erprobung fügt sich in die von Kim mehrfach bekräftigte Doktrin einer nuklear bewaffneten Marine ein. Bei der Indienststellungszeremonie der „Choe Hyon“ im Juni sprach er von einer „neuen Ära der Seemacht“ und kündigte an, künftig jährlich mindestens zwei Überwassereinheiten der 5.000-Tonnen-Klasse sowie perspektivisch Zerstörer der 10.000-Tonnen-Klasse fertigen zu lassen.

Die parallele Erprobung beider Einheiten – „Choe Hyon“ im Gelben Meer (Westmeer), „Kang Kon“ im Japanischen Meer (Ostmeer) – kann als Versuch gesehen werden, eine geografisch verteilte, nuklearfähige Seestreitmacht mit erhöhter Überlebensfähigkeit im Krisenfall aufzubauen. Offen bleibt allerdings, inwieweit Nordkorea über die notwendige Wartungsinfrastruktur, ausgebildetes Personal und die Fähigkeit zur Führung integrierter Seeoperationen verfügt, um die neuen Plattformen tatsächlich im Gefechtsfall einsetzen zu können.

Ungeachtet weitreichender internationaler Sanktionen treibt das seit 2011 von Kim Jong-un geführte Land sein Raketen- und Nuklearwaffenprogramm unvermindert voran. Seit 2023 ist der Status als Atommacht verfassungsrechtlich verankert. Begleitet wird die maritime Aufrüstung von einer anhaltenden Serie von Marschflugkörper- und Raketentests im sensiblen Seegrenzgebiet zu Südkorea.

Jannis Düngemann