Seit der russischen Vollinvasion hat die NATO ihre Abschreckung an der Ostflanke verstärkt. Doch wie belastbar ist die kollektive Verteidigung ohne US-Unterstützung, wenn Washington den Schwerpunkt in den Indopazifik verlagert?

Bedrohung ist das Produkt aus politischen Absichten und militärischen Fähigkeiten. Die politischen Absichten des Kremls unter der Führung von Präsident Wladimir Putin sind klar erkennbar. Das heutige Russland versucht gezielt, die demokratischen europäischen Gesellschaften zu destabilisieren und die NATO sowie die EU zu schwächen.

Am 22. Mai 2025 wurde in Vilnius öffentlich die Panzerbrigade 45 aufgestellt. Kommandeur ist Brigadegeneral Christoph Huber.
Bundeswehr/Mario Bähr

Politische Absichten und geografischer Raum

Putin verfolgt eine revisionistische imperiale Interessenpolitik mit dem Ziel der Wiederherstellung ehemaliger geostrategischer Einflusssphären. Dabei rückt die NATO-Ostflanke in den Mittelpunkt der Betrachtung. Sie reicht geografisch von der Arktis über das Baltikum und Polen bis zum Schwarzen Meer und umfasst Nordnorwegen, Finnland, die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Die norwegische Grenze zu Russland ist 200 Kilometer, die finnische 1.340 Kilometer lang. Die Länge der baltisch-russischen Grenze beträgt 840 Kilometer. Die direkte polnisch-russische Grenze ist mit 210 Kilometern vergleichsweise kurz. Ihre militärische Bedeutung ergibt sich jedoch aus der Kombination mit der russischen Exklave Kaliningrad und der 400 Kilometer langen Ostgrenze zu Belarus. Dadurch entsteht ein nur durch die Suwalki-Lücke unterbrochener, zusammenhängender Operationsraum.

Die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien teilen keine Landgrenze mit Russland. Daher wird dieser Teil der Ostflanke hier nicht weiter betrachtet. Die russische Exklave Kaliningrad fungiert als vorgeschobene A2/AD-Zone (Anti-Access/Area Denial)-Zone und erlaubt Russland, die Bewegungsfreiheit der NATO einzuschränken.

Wappen der russischen Streitkräfte
Foto: MRV

Operativer Rahmen an der Ostflanke

Belarus dient als strategischer Aufmarschraum und logistische Drehscheibe gegenüber dem Baltikum und Polen. Militärisch handelt es sich bei der Ostflanke um einen Raum mit begrenzter strategischer Tiefe, der zu überraschenden und schnellen mechanisierten Vorstößen einlädt. Die dafür erforderlichen militärischen Fähigkeiten Russlands belastbar zu beurteilen, ist herausfordernd, weil die Aussagen zu den personellen und materiellen Verlusten im Ukrainekrieg eine große Spannbreite haben.

Gleiches gilt für den Umfang und die Dauer des Rekonstitutionsprozesses der russischen Streitkräfte nach Kriegsende. Moderne Kriegsführung ist technologisch hoch entwickelt, aber sie folgt einem zeitlosen Gesetz: Raum kann nur durch bodengebundene Kräfte gehalten werden. Unabhängig von Drohnen, Präzisionswaffen und Cyberfähigkeiten entscheidet am Ende die Verfügbarkeit von kampfkräftigen Verbänden der Landstreitkräfte über den Erfolg auf dem Gefechtsfeld.