Am 16. Juni 2026 wurden sudanesische Goldminen im al-Ogaidat und al-Ansari im Nordosten des Sudan zum Ziel ägyptischer Luftschläge. Die Abbaustätten befinden sich im Bundesstaat Nilland nahe der ägyptischen Grenze, tief in einem Territorium, das unter der Kontrolle der sudanesischen Streitkräfte (SAF) steht. Eine operative Präsenz der rivalisierenden paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) ist in dieser Region nicht verzeichnet. Dass Ägypten also von der SAF kontrolliertes Gebiet attackiert, scheint auf den ersten Blick paradox. Kairo unterstützt die sudanischen Regierungstruppen im seit 2023 andauernden Bürgerkrieg im Kampf gegen die RSF. Dieser Widerspruch zeigt die hochkomplexen Dynamiken und Interessen in Ostafrika.
Bei der Bombardierung der zivilen Bergbaustätten im Gebiet Jabal al-Uqaydat sind, nach vorläufigen, noch nicht unabhängig bestätigten Berichten, mindestens 30 Menschen getötet worden, mehr als 80 weitere erlitten teils schwere Verletzungen. Augenzeugenberichten zufolge mussten die Verwundeten zunächst notdürftig mit Lastwagen in benachbarte Ortschaften wie Abu Hamad transportiert werden, bevor eine medizinische Verlegung nach Atbara möglich war. Nach tagelanger Luftüberwachung lösten die plötzlichen Schläge eine sofortige Massenflucht aus angrenzenden Abbaugebieten wie Jabal al-Ahmar aus.
Weder die ägyptische Regierung noch andere Akteure haben sich bislang offiziell zu der Militäraktion bekannt. Amjad Farid, politischer Berater von SAF-Chef al-Burhan, bestätigte, dass ägyptische Kräfte sudanesische Schürfer nahe der Grenze angegriffen haben und dabei Todesopfer zu beklagen sind. Farid beschrieb den Angriff auf X als Teil einer Reihe wiederkehrender Grenzvorfälle und forderte eine ernsthafte Befassung beider Regierungen. Er betonte, die Sache müsse mit „staatlicher Logik und Verantwortung“ angegangen werden, und versicherte, die offiziellen Kommunikationskanäle zwischen Khartum und Kairo seien offen.

Strategische Ressourcen und militärische Präsenz
Sollten sich die Berichte bestätigen, fügt sich der Vorfall in ein breiteres Muster direkter militärischer Aktivitäten seitens Ägypten im Sudan ein. Bereits in den Monaten Juni, Oktober und November 2025 sowie im Januar 2026 verzeichneten Beobachter Drohnenschläge auf Waffenkonvois, die zwischen dem Kufrah-Luftwaffenstützpunkt und Darfur verkehrten. Diese Operationen zielten jedoch darauf ab, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützten Nachschublinien der RSF zu kappen.
Die Angriffe auf Bergbaugebiete richten sich jedoch gegen von Regierungstruppen kontrolliertes Gebiet und berühren handfeste territoriale und wirtschaftliche Fragen. Die bombardierten Minen liegen in der Nähe des Hala’ib-Dreiecks, dessen völkerrechtliche Zugehörigkeit historisch umstritten ist. Während ein Abkommen von 1899 die Region dem Sudan zuspricht, leitet Ägypten aus einer Verwaltungsvereinbarung von 1902 Ansprüche ab. Bereits in der Vergangenheit dokumentierten sudanesische Goldschürfer nahe dem El-Uwaynat-Dreiländereck Übergriffe durch ägyptische Armeeeinheiten, die Berichten zufolge zugunsten ägyptischer Bergbauunternehmen intervenierten.

Hintergrund des Konfliktes im Sudan
Diese grenzüberschreitenden Spannungen und allgemeine Instabilität lassen sich nur vor dem Hintergrund des seit April 2023 wütenden sudanesischen Bürgerkriegs fassen. Die Kämpfe sind das Resultat eines erbitterten Machtkampfes zwischen den regulären Streitkräften unter General Abdel Fattah al-Burhan und den RSF unter der Führung von Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als „Hemedti“.
Nach Jahren der Instabilität und dem Sturz des langjährigen Präsidenten Omar al-Bashir im Jahr 2019 eskalierte die Situation an der Frage, wie die rund 100.000 Mann starken, paramilitärischen RSF in die reguläre Armee integriert werden sollten. Aus ehemaligen Verbündeten, die 2021 noch gemeinsam geputscht hatten, wurden erbitterte Kriegsgegner, die das Land in einen militärischen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand versetzten.
Andauernde humanitäre Krise und internationale Akteure
Der Konflikt hat sich längst zu einem komplexen Stellvertreterkrieg mit weitreichender internationaler Beteiligung entwickelt. Während die SAF logistisch und politisch stark von Ägypten unterstützt wird, erhalten die RSF, Berichten der Vereinten Nationen zufolge, proaktive Hilfe durch Waffenschmuggel und Söldnerrekrutierung seitens der VAE.
Der Konflikt befindet sich militärisch nicht mehr in einem einfachen Patt: Nach der Rückeroberung Khartums durch die SAF im März 2025 und der Rückkehr der Militärregierung in die Hauptstadt im Januar 2026 haben die regulären Streitkräfte im Osten des Landes an Boden gewonnen. Weite Teile des Westens – insbesondere Darfur und Kordofan – verbleiben jedoch unter RSF-Kontrolle, und der Krieg ist weit von einem Ende entfernt. Die Zerstörung der Hauptstadt Khartum, die Belagerung von Städten wie El-Fasher und der Ausbruch von Cholera in schwer umkämpften Gebieten zeichnen das Bild einer multidimensionalen Krise. Schätzungen zum tatsächlichen Todesopfer variieren stark. Während die Konfliktdatenbank ACLED über 58.000 dokumentierte Fälle erfasst, gehen unabhängige Analysen unter Einbeziehung kriegsbedingter Hunger- und Krankheitstode von 150.000 bis über 400.000 Todesopfern aus – mit weiter steigender Tendenz.
Dennoch bleibt die internationale Reaktion verschwindend gering. Kürzungen von Hilfsgeldern führen zur Schließung von Notküchen, und mehrere Runden von Friedensgesprächen brachten bislang keine Lösung. Inmitten anderer globaler Krisenherde läuft der Sudan Gefahr, als vergessener Krieg aus dem Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu verschwinden, während externe Akteure weiter das Machtvakuum nutzen, um ihre eigenen strategischen Positionen zu festigen.
Jannis Düngemann










