Die taiwanischen Streitkräfte haben erstmals das US-Raketenartilleriesystem HIMARS im scharfen Schuss eingesetzt. Die Übung markiert den Abschluss der Integration des Systems und sendet ein Signal an China.
Am 10. Juni unterzogen Einheiten der 10. Armee der taiwanischen Streitkräfte das mobile Raketenartilleriesystem M142 HIMARS nahe dem Strand von Jiang’an einer umfassenden Einsatzprüfung. Insgesamt sechs Werfer des 58. Artilleriekommandos bezogen verdeckte Bereitstellungsräume und führten anschließend den standardisierten Gefechtszyklus aus Beziehen der Feuerstellung, Feuereröffnung und Stellungswechsel auf der Feuerlinie durch. Das primäre Ziel der Übung nahe der Mündung des Dajia-Flusses bei Taichung bestand darin, ein Szenario zur Abwehr feindlicher Landungskräfte unter realistischen Bedingungen zu trainieren. Neben den HIMARS-Systemen band das taiwanische Kommando auch die Selbstfahrlafetten M109A2 und M110A2, klassische 155-mm-Haubitzen sowie das im eigenen Land entwickelte Raketenwerfersystem Thunderbolt-2000 und Panzerabwehrraketen in den Verbund ein.

Während die taiwanesische Armee bereits im Oktober des vergangenen Jahres erste Schießübungen mit dem M142 absolvierte, lag das damalige Testgelände noch an der dem Pazifik zugewandten Südostküste. Das jüngste Manöver stellt hingegen eine qualitative Eskalationsstufe in der strategischen Kommunikation dar: Es war das erste Mal, dass Taiwan das Waffensystem an der exponierten Westküste in Stellung brachte und führte den scharfen Schuss erstmals von der dem chinesischen Festland zugewandten Westküste aus durch.

Time-on-Target-Verfahren mit technischen Problemen
Ein besonderer Schwerpunkt der Übung lag auf der Anwendung des sogenannten „Time on Target“-Verfahrens (TOT). Hierbei werden die Abschüsse aus unterschiedlichen und weit voneinander entfernten Feuerstellungen so koordiniert, dass die gesamte Munition zeitgleich im Zielgebiet eintrifft. Dies maximiert die kombinierte Wirkung im Ziel und erschwert es dem Gegner, rechtzeitig Deckung zu suchen. Beim eigentlichen Feuern verlief jedoch nicht alles reibungslos: Von den geplanten 36 Kurzstrecken-Übungsgeschossen konnten nur 32 erfolgreich gestartet werden. Vier Raketen versagten aufgrund eines Fehlers im elektronischen Steuerungs- und Datenkommunikationssystem. Das zuständige Artilleriekommando vermutet die Ursache in den Computerelementen – ein Problem, das bereits bei früheren Übungen auftrat und trotz eines jüngst bereitgestellten Software-Updates der US-amerikanischen Seite noch nicht vollständig behoben werden konnte.
Westküstenverteidigung im Fokus
Das Manöver bildet den Abschluss eines dreistufigen Entwicklungsprogramms zur vollständigen Integration des M142 in das nationale Verteidigungssystem. Nach anfänglichen reinen Funktionstests auf dem abgelegenen Schießplatz Jiupeng an der Südostküste und anschließenden simulierten Feuereinsätzen zur Verteidigung der Penghu-Inseln stand nun die konkrete Sicherung der dem chinesischen Festland zugewandten Westküste im Vordergrund. Das taiwanische Kommando hat den zentralen Teil der Hauptinsel als primären und dauerhaften Einsatzraum für die HIMARS-Einheiten definiert.
Aus dieser geografisch vorteilhaften Lage heraus können die hochmobilen Einheiten flexibel sowohl Invasionsstrände im Norden (Hsinchu und Taoyuan) als auch im Süden (Tainan und Kaohsiung) abdecken und zeitgleich die vorgelagerten Garnisonen auf den Penghu-Inseln unterstützen. Zudem verringert die Stationierung im Landesinneren die Notwendigkeit langer Verlegemärsche, was die Aufklärung durch gegnerische Kräfte erheblich erschwert.

Ausbau der Raketenartillerie geht weiter
Obwohl bei dieser Übung ausschließlich Kurzstreckenmunition eingesetzt wurde, liegt die eigentliche strategische Bedeutung des HIMARS in seiner potenziellen Bewaffnung mit den GMLRS-Lenkraketen (Reichweite 70–150 km) sowie den taktischen ATACMS-Raketen, die Ziele in bis zu 300 Kilometern Tiefe erreichen können. Damit lassen sich feindliche Truppenkonzentrationen, Gefechtsstände und Logistikeinrichtungen tief im Hinterland bekämpfen. Taiwan hat Ende 2024 die ersten elf Systeme erhalten; weitere 18 Werfer sollen noch in diesem Jahr folgen. Die langfristige Beschaffungsplanung sieht zudem die Lieferung von 82 zusätzlichen Systemen vor, die im Dezember von den USA genehmigt wurden. Ein weiteres US-Rüstungspaket im Wert von 14 Milliarden Dollar ist nach dem Trump-Xi-Gipfel im Mai vorerst zurückgehalten – offenbar als diplomatisches Druckmittel.
Trotz innenpolitischer Debatten über den genauen Umfang der Rüstungshilfe hält das taiwanische Militär am schrittweisen Aufbau dieses hochpräzisen, mobilen Abschreckungsnetzwerks nach dem Prinzip „Schießen und Stellungswechsel“ (Shoot-and-Scoot) fest.
Jannis Düngemann


















