Die Luftwaffe setzt in Ihren Beiträgen zur zukünftigen Ausrichtung stets wichtige Impulse, insbesondere hinsichtlich der Notwendigkeit einer zunehmenden Vernetzung, der Rolle und Relevanz unbemannter Systeme und der System-of-Systems-Ansätze im Future Combat Air System (FCAS). In diesem Beitrag soll die Perspektive über die Relevanz des bemannten Kampfflugzeuges als zentralem Träger militärischer Handlungsfähigkeit im Vordergrund stehen.

Die Zeiten, in denen das Kampfflugzeug nur Träger von Effektoren war, sind vorbei. Gerade im Kontext der Landes- und Bündnisverteidigung muss die Rolle des zukünftigen Kampfflugzeugs klarer konturiert werden: als offensiv befähigter, führungsfähiger und tief in NATO-Strukturen integrierter „Command Fighter“.

Der „Command Fighter“ führt unbemannte Plattformen.
©MBDA

Das bemannte Kampfflugzeug als zentrales Element offensiver Kampfführung

Die Diskussion um die Zukunft der Luftkriegsführung wird häufig von Begriffen wie „Remote Carrier“, „Unmanned Systems“ oder „Autonomie“ dominiert. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, dass die Fähigkeit zur offensiven Wirkung im Gefecht weiterhin maßgeblich durch bemannte Kampfflugzeuge getragen wird.

Ein zukünftiger Air-to-Air-Fighter muss daher mehr sein als ein Plattformknoten in einem vernetzten System – er ist und bleibt der entscheidende Wirkungsträger zur Erringung von Luftüberlegenheit. Diese Fähigkeit ist Grundvoraussetzung für alle weiteren Operationen der Streitkräfte.

Gerade im hochintensiven Konflikt, wie er sich in Europa wieder als realistische Möglichkeit darstellt, ist offensive Kampfführung keine Option, sondern Notwendigkeit.

Wer im High-End-Fight bestehen will, muss zuerst überleben. Das ist keine neue Erkenntnis, aber die Konsequenzen sind heute radikaler denn je. Ein Future Fighter, der im gegnerischen IADS früh aufgeklärt wird, ist im Grunde schon aus dem Spiel. Deshalb ist Low Observability kein Feature, sondern Grundvoraussetzung. Signaturmanagement über alle Spektren hinweg – Radar, IR, elektromagnetisch – entscheidet darüber, ob man überhaupt ins Gefecht kommt oder bereits auf dem Weg dahin abgefangen wird.

Gleichzeitig verschiebt sich der Kampf zunehmend in das elektromagnetische Spektrum. Wer heute funkt wie früher, ist morgen tot. In Echtzeit verfügbare Informationen waren und sind jedoch der Grundstein für die Operationsführung. LPI/LPD-Kommunikation ist damit nicht nur ein technischer Zusatz, sondern überlebensentscheidend. Daten müssen fließen – aber so, dass der Gegner weder mithört noch ortet. Das gilt für den Austausch mit anderen Plattformen genauso wie für die Führung von unbemannten Systemen.

Zusammen mit Gegenmaßnahmen im elektromagnetischen Spektrum und einem integrierten Selbstschutz entsteht daraus das, was man heute als echte Survivability bezeichnen muss: nicht nur schwer entdeckt zu werden, sondern auch dann noch handlungsfähig zu bleiben, wenn der Gegner aktiv versucht, dich aus dem Spiel zu nehmen.

Ein zukünftiges Kampfflugzeug muss daher agil und durchsetzungsfähig im Luftkampf sein, über kinetische und nicht-kinetische Wirkmittel verfügen und gleichzeitig in der Lage sein, gegnerische Systeme aktiv zu stören und zu dominieren.

Unbemannte Systeme können hierbei unterstützen, erweitern und entlasten – sie ersetzen jedoch nicht die Fähigkeit des Piloten, in komplexen, dynamischen Gefechtssituationen Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen.

Der „Command Fighter“: Vom Sensorträger zur vollständigen Kill Chain

Der entscheidende Entwicklungsschritt liegt nicht allein in der Plattform selbst, sondern in ihrer Rolle als Führungs- und Entscheidungsknoten. Der zukünftige Fighter muss als „Command Fighter“ ausgelegt sein.

Das bedeutet: Er ist kein „Shooter“ mehr im klassischen Sinne. Er führt nicht nur unbemannte Begleitsysteme, sondern bildet durch seine überlegene Sensorik und Datenverarbeitung die komplette Kill Chain ab:

  • Find: Eigene Sensoren und vernetzte Datenquellen erkennen Ziele.
  • Fix: Zielverfolgung und Priorisierung erfolgen in Echtzeit.
  • Track & Target: Fusionierte Daten ermöglichen präzise Zielzuweisung über mehrere Plattformen hinweg.
  • Engage: Eigene oder fremde Effektoren werden eingesetzt.
  • Assess: Wirkung wird bewertet und erneut in den Entscheidungsprozess eingespeist.

Moderne Systeme wie die F-35 zeigen bereits heute, wie Datenfusion, Sensorüberlegenheit und Vernetzung den Piloten in die Lage versetzen, als zentraler Entscheider im Gefechtsraum zu agieren.

Der zukünftige europäische Fighter muss diesen Ansatz konsequent weiterentwickeln. Er muss dabei als Informationsüberlegenheitsplattform, als Führungselement im Luftkampfverbund und als entscheidungsfähiger Mensch-Maschine-Verbund agieren. Die Sensorfusion sorgt dafür, dass aus einzelnen Tracks ein belastbares Lagebild wird. Eigene Sensoren, Daten aus dem Verbund, Beiträge von F-35, AWACS oder Remote Carriern – alles läuft im Cockpit zusammen. Der Pilot kämpft nicht mehr um Information, sondern schafft Entscheidungsüberlegenheit auf Basis dieses Lagebildes.

Und genau hier liegt der Unterschied. Der Future Fighter ist das Führungselement und entscheidet, welches Ziel wann, wie und womit bekämpft wird. Ob er selbst schießt oder einen Effektor aus dem Verbund einsetzt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass er die Wirkung orchestriert.

Die Rolle des Menschen ist in diesem Bezug von besonderer Bedeutung. Der Mensch im Cockpit bleibt dabei unverzichtbar – nicht trotz, sondern gerade wegen der zunehmenden Komplexität des Gefechtsfeldes.

Wenn wir über Schlagkraft sprechen, geht es nicht mehr nur um Reichweite oder Anzahl von Lenkflugkörpern. Es geht um die Fähigkeit, Wirkung flexibel, abgestuft und dimensionsübergreifend einzusetzen.

Der Future Fighter muss das gesamte Spektrum bedienen können: vom klassischen BVR-Fight, über Stand-off-Wirkung gegen hochverteidigte Ziele, bis hin zu nicht-kinetischen Effekten im elektromagnetischen Raum. Jamming, Täuschung, Desintegration gegnerischer Sensorik – das sind keine Add-ons, sondern integrale Bestandteile moderner Luftkriegsführung.

Hinzu kommt die Fähigkeit zur kooperativen Wirkung. Remote Carrier, vernetzte Effektoren, vielleicht sogar Schwärme – all das erweitert die Reichweite und Durchsetzungsfähigkeit massiv. Aber auch hier gilt, ohne einen klar führenden Kopf im Gefecht bleiben die Einzelelemente Stückwerk. Und dieser führende Kopf sitzt im bemannten Fighter.

„Der Command Fighter ist im Gefechtsraum, der die Lage erkennt, bewertet und Wirkung durchsetzt. Er ist nicht irgendwo im Backend, sondern vorne, im contested Airspace.“

Aus Vernetzung mit NATO-Systemen, insbesondere der F-35, entsteht europäische Schlagkraft.
©Björn Trotzki

Vernetzung in der NATO: Interoperabilität und Growth Potential als Schlüssel zur Schlagkraft Europas

Die Zukunft der Luftwaffe ist untrennbar mit der NATO verbunden. Kein System wird isoliert wirken – vielmehr entsteht militärische Stärke aus der Integration in ein multinationales Gefechtsnetzwerk.

Hier kommt neben den sich abzeichnenden Ambitionen zu GCAP der F-35 eine Schlüsselrolle zu. Sie entwickelt sich zunehmend zum Standardkampfflugzeug der NATO und fungiert als Referenzsystem für Vernetzung, Datenfusion und Interoperabilität.

Für den zukünftigen europäischen Fighter bedeutet das, dass eine nahtlose Integration in bestehende F-35-Netzwerke, die Nutzung gemeinsamer Datenstandards und Kommunikationsarchitekturen, sowie die Fähigkeit, als komplementärer Partner zur F-35 zu operieren eine wichtige Rolle spielen.

Die Stärke liegt dabei nicht in Konkurrenz, sondern in der komplementären Wirkung – mit der F-35 als bspw. „Sensor- und Stealth-First-Mover“ und mit dem zukünftigen Fighter als hochleistungsfähigen Air-to-Air- und Command-Fighter. Beide gemeinsam bilden das Rückgrat europäischer Luftmacht.

Eine europäisch entwickelte, mit NATO-Standards kompatible „Combat Cloud“ auf Grundlage einer offenen Referenzarchitektur ist der zwingende zentrale „Enabler“ des multinationalen Luftkrieges der Zukunft. Sie liefert den entscheidenden Fähigkeitsgewinn gegenüber Kampfflugzeugen der 5. Generation. Nur durch diese enge Verzahnung kann in Europa eine glaubwürdige, skalierbare und durchsetzungsfähige Schlagkraft entstehen.

Der Future Fighter ersetzt damit mit Blick auf den Eurofighter nicht nur ein Flugzeug, sondern transformiert die Art und Weise, wie Luftkrieg geführt wird, nämlich vom Plattformdenken hin zum führungsfähigen, vernetzten Wirkungssystem – mit dem bemannten Kampfflugzeug im Zentrum.

„Europäische Luftmacht entsteht erst im Verbund – nicht im nationalen Alleingang“

Der Fighter, den wir heute konzipieren, wird in 20 Jahren gegen einen Gegner antreten, den wir noch gar nicht vollständig kennen. Deshalb ist Growth Potential kein netter Zusatz, sondern überlebenswichtig.

Das System muss von Anfang an so ausgelegt sein, dass es wachsen kann. Offene Architekturen, softwaredefinierte Fähigkeiten, modulare Systeme – das sind die Stellhebel, mit denen man Geschwindigkeit in die Weiterentwicklung bringt.

Das gilt für die Avionik genauso wie für die Effektoren – und ganz besonders für das Triebwerk. Adaptive, modulare Antriebssysteme werden nicht nur über Leistung und Effizienz entscheiden, sondern auch über Signatur und Einsatzspektrum.

Der entscheidende Punkt ist: Der Future Fighter darf kein abgeschlossenes Produkt sein. Er muss eine entwicklungsfähige Plattform sein, die über Jahrzehnte hinweg an neue Bedrohungen angepasst werden kann – schnell, iterativ und ohne jedes Mal das ganze System neu zu bauen.

„Der Fighter von morgen wird nicht fertig ausgeliefert – er wächst mit dem Gefecht“

Fazit

Die Zukunft der Luftwaffe entscheidet sich nicht zwischen bemannt und unbemannt, sondern in der richtigen Balance – mit einem klaren Schwerpunkt.

Das bemannte Kampfflugzeug bleibt zentraler Träger offensiver Kampfkraft und bildet als Command Fighter das Herz der Kill Chain. In enger Vernetzung mit NATO-Systemen, insbesondere der F-35, entsteht europäische Schlagkraft.

Nur wenn diese drei Aspekte konsequent zusammengedacht werden, kann ein zukünftiger Fighter den Eurofighter nicht nur ersetzen, sondern die Luftwaffe in eine neue Dimension der Einsatzfähigkeit führen.

Der Fighter muss quasi unsichtbar genug sein, um innerhalb der gegnerischen Bedrohung agieren zu können. Vernetzt genug sein, um alle für die Entscheidung relevanten Informationen „at the edge“ verfügbar zu haben. Er muss durchsetzungsfähig genug sein, um den Kampf zu gewinnen! Und er muss offen genug sein, um im Gefecht von morgen noch operationell und technologisch relevant zu sein.

Autor Oberstleutnant Mirko Möhle ist Bevollmächtigter des Inspekteurs Luftwaffe für das Projekt NGWS/FCAS im Kommando Luftwaffe.