Michael Schöllhorn: Zivile Innovationskraft mit sicherheitsrelevanten Fähigkeiten verbinden
Interview mit Michael Schöllhorn, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI).
Wir brauchen den „Speer“ und das „Schild“. Reine Abwehrfähigkeiten reichen nicht aus, betont Michael Schöllhorn, Präsident des Bundesverbandes der
Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI).
ES&T: Herr Schöllhorn, welche thematischen Schwerpunkte setzt die ILA 26 und wie sieht das zugrunde liegende Gesamtkonzept aus?
Michael Schöllhorn: In diesem Jahr erwarten wir etwa 650 Aussteller aus 35 Ländern, die die Zukunft der zivilen und militärischen Luft- und Raumfahrt präsentieren. Der Fokus liegt auf Wettbewerbsfähigkeit, Technologie und Souveränität. Das Gesamtkonzept folgt einer klaren Logik: In einer Welt der systemischen Rivalität ist technologische Überlegenheit und industrielle Stärke die Bedingung für unsere Handlungsfreiheit in Europa.
ES&T: Wie beeinflusst die verschärfte sicherheitspolitische Lage die Entwicklung und die Strategien der Luft- und Raumfahrtindustrie?
Michael Schöllhorn: Wir müssen in Europa wieder glaubhaft abschreckungsfähig werden und uns darauf einstellen, dass wir es wieder mit Gegnern zu tun haben werden, die modernste Technologie einsetzen – von unbemannten Systemen bis zu Hyperschallraketen. Abschreckung heißt, ein Widersacher weiß, dass wir vorbereitet sind, sowohl mit defensiven Fähigkeiten zum Schutz als auch mit offensiven Fähigkeiten, um dagegenhalten zu können.

ES&T: Wie erreichen wir das?
Michael Schöllhorn: Das erreichen wir erstens über technologische Exzellenz. Wir haben die industriellen Voraussetzungen, jetzt müssen wir schnell in die Verfügbarmachung zu kommen. Wenn wir bis 2029 glaubhaft abschreckungsfähig sein wollen, zählt jeder Monat. Das bedeutet: Wir brauchen Mut zum „Spiral Development“. Eine einsatzbereite und adaptierbare 80-Prozent-Lösung heute ist wertvoller als ein „perfektes“ System in zehn Jahren. Zugleich müssen wir über 2029 hinausschauen und konsequent an Weiterentwicklungen und Technologiereifmachung arbeiten. Nur so können wir auch im kommenden Jahrzehnt Spitzentechnologie bereitstellen.
ES&T: Und zweitens?
Michael Schöllhorn: Zweitens kommt es auf Masse und auf materielle Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit an. Dafür müssen wir Systeme in der gesamten technologischen Tiefe betreuen und modernisieren können – bei Hardware wie bei Software. Dazu gehört auch, die Lieferketten resilienter zu machen, bis hin zu kritischen Komponenten und Rohstoffen. Und wir brauchen durch neue Vertragsmodelle die strategische Bevorratung von Material, damit unsere Streitkräfte auch durchhalten können.
ES&T: Die Bundeswehr ist der größte Einzelaussteller. Wie gestaltet sich vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedrohungslage die Zusammenarbeit zwischen der Branche und den deutschen Streitkräften?
Michael Schöllhorn: Die enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Bundeswehr ist ein bewährtes Erfolgsmodell mit jahrzehntelanger Erfahrung. Wir wissen, wie wir Systeme über lange Zeit einsatzbereit halten und im Betrieb weiterentwickeln. Genau dieses Modell müssen wir jetzt auf die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung im 21. Jahrhundert ausrichten. Denn die Innovationsgeschwindigkeit steigt – bei Hardware und vor allem bei Software.
Darum müssen Industrie und Truppe noch enger verzahnt arbeiten. Nutzerfeedback muss schneller und systematisch in Entwicklung, Updates und Nachrüstung einfließen. Wir als Industrie können damit die Systeme konsequent anpassen und die Bundeswehr so ausstatten, dass sie ihren Auftrag auch erfüllen kann. Dafür brauchen wir entsprechende Innovationsräume wie das neue Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding, in dem wir gemeinsam testen und erproben können.

©Stefan Petersen
ES&T: Welche Relevanz hat die kontinuierliche Weiterentwicklung des Eurofighter-Programms?
Michael Schöllhorn: Der Eurofighter ist das Rückgrat der Luftwaffe und wird dies auch noch viele Jahre bleiben. Mit der Tranche 5 und dem Entwicklungspaket Long-Term-Evolution (LTE) sind wir dabei, das Flugzeug zukunftsfähig zu machen. Ziel ist ein Eurofighter, der vernetzt und im Verbund mit unbemannten Systemen wirkt.
Gerade das Zusammenwirken von bemannten und unbemannten Systemen wird der Gradmesser für die Schlagkraft der Luftstreitkräfte sein. Der bemannte Fighter wird nicht durch Drohnen ersetzt, sondern durch sie massiv in seiner Wirkung multipliziert. Genau deshalb ist der Eurofighter für uns mehr als nur ein Waffensystem. Er ist Fähigkeits- und Technologieträger, und damit beim Thema Vernetzung und Software Defined Defence die Brücke zu Systemen der sechsten Generation. Er ist sozusagen der „Mittler zwischen den Generationen“.
ES&T: Welche weiteren militärischen Programme sind für Sie besonders wichtig?
Michael Schöllhorn: Glaubwürdige Abschreckung setzt drei Dinge voraus: Ein dichtes Netz an Luftverteidigung, Luftüberlegenheit und die Fähigkeit, frei im Weltraum operieren zu können. Das sind die Grundvoraussetzungen. Entscheidend ist dabei ein robustes und schlagkräftiges Paket aus defensiven und offensiven Fähigkeiten. Reine Abwehrfähigkeiten reichen nicht aus. Wir brauchen den „Speer“ und das „Schild“, zur Abschreckung und falls nötig, um einen Konflikt schnell und zu unseren Gunsten entscheiden zu können.
ES&T: Was heißt das konkret?
Michael Schöllhorn: Konkret heißt das, mehrschichtige Luftverteidigung gegen Drohnen und ballistische Raketen und zugleich Deep-Strike-Fähigkeiten mit großer Reichweite, um gegnerische Ziele auch im Hinterland wirksam zu bekämpfen. Für die Luftüberlegenheit bleiben klassische Plattformen zentral, etwa bemannte Kampfflugzeuge, Kampfhubschrauber und Transportflugzeuge. Der entscheidende Unterschied wird sein, dass sie zukünftig stärker miteinander vernetzt agieren. Vernetzung ist der Schlüssel. Ohne die nahtlose Integration aller Plattformen – vom A400M bis zum Kampfhubschrauber – bleibt Masse wirkungslos.
ES&T: Der Weltraum wird auch für die Bundeswehr immer wichtiger. Wie gut sind wir – sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich – in diesem Themenfeld aufgestellt?
Michael Schöllhorn: Der Weltraum ist die „First Domain“ jedes modernen Konflikts. Ohne Souveränität im All sind wir am Boden blind und taub. Und hier haben wir insbesondere im militärischen Bereich noch viel Nachholbedarf. Die Bundeswehr betreibt aktuell nur wenige eigene Satelliten, und die meisten sind schon in die Jahre gekommen. Der Bedarf liegt künftig in einem mittleren dreistelligen Bereich. Dies ist erkannt und wird beherzt angegangen.
ES&T: Und wie sind wir in Deutschland aufgestellt?
Michael Schöllhorn: Technologisch sehr gut. Insbesondere im Bereich der Erdbeobachtung, Radartechnik und Navigation spielen wir ganz vorne mit. Aber Souveränität braucht auch den gesicherten Zugang zum All: Wir benötigen eigene, flexible Startkapazitäten, sprich mehr eigene Launcher, und eine Konsolidierung der europäischen Raumfahrtindustrie. Wir brauchen einen „European Space Champion“, um gegen globale Giganten wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig ein vitales Ökosystem für Startups und kleine und mittelständische Unternehmen zu fördern.

©Airbus DS
ES&T: Wie beurteilen Sie die Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung?
Michael Schöllhorn: Wir begrüßen diese Initiative ausdrücklich. Eine verteidigungsfähige, resiliente Weltraumsicherheitsarchitektur ist essenziell für den Einsatz moderner Waffensysteme in allen Dimensionen. Nun gilt es, die ambitionierten Pläne in konkrete Programme umzusetzen. Unsere Industrie braucht Planungssicherheit für die immensen Investitionen, die nötig sind, um technologische Vielfalt abzubilden und die straffen Zeitlinien einzuhalten. Der Staat muss hierbei als strategischer Taktgeber und Gestalter auftreten.
ES&T: Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen braucht die Luft- und Raumfahrtindustrie in Deutschland, um langfristig erfolgreich zu sein?
Michael Schöllhorn: Unsere Auftragslage ist natürlich auch Ausdruck der angespannten Sicherheitslage. Gleichzeitig spüren wir als Branche – wie weite Teile der Industrie – die Belastungen durch überbordende Bürokratie und hohe Energiepreise. Es gibt eine klare politische Erwartungshaltung an die Industrie, dass wir die Produktion hochfahren. Dazu gehört auch, dass wir vorausschauend notwendige kritische Grundstoffe für den Ernstfall vorhalten. Diese Erwartung nehmen wir an, wir brauchen dafür aber die entsprechenden Rahmenbedingungen, beispielsweise durch Vertragsmodelle die einen Kapazitätsvorhalt bei der Produktion oder bei Grundstoffen vergüten.
ES&T: Welche Hebel müssen wir in der Beschaffung ansetzen, um die Geschwindigkeit heimischer Innovationen zu erhöhen?
Michael Schöllhorn: Es hat sich gezeigt, dass unser Beschaffungssystem in der Lage ist, flexibel zu agieren, etwa bei der Anerkennung ausländischer Zertifizierungen anderer NATO-Staaten, so dass man nicht durch erneute Zulassungsverfahren Zeit verliert. Da ist es schwer vermittelbar, wenn wir als heimische Industrie häufig weiterhin den jahrelangen, komplexen Gang durch nationale Zulassungsprozesse gehen müssen. Insbesondere, wenn ausländische Systeme per „Fast Track“ beschafft werden, während heimische Innovationen durch langwierige politische Abstimmungsprozesse gebremst werden. Ein „Level Playing Field“ wäre hier ein wichtiges Signal, allein schon für das Thema Geschwindigkeit.
Wir brauchen zweitens eine echte industrielle Kapazitätsplanung und entsprechende Bestellung von Kapazität – mit eingeplanter „Surge Capacity“ ausgefallene Systeme ersetzen zu können. Wir brauchen wie erwähnt die Möglichkeit zum Spiral Development ohne Abstrafung im Vergabeprozess.
Gleichzeitig sehen wir, dass die Bundeswehr als Kunde den Wettbewerb nicht nur einfordert, sondern auch fördert. So zum Beispiel, wenn in frühen Phasen Parallelentwicklungen zugelassen werden, um anschließend das passende System für die Truppe auszuwählen. Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne.
ES&T: Wie lassen sich Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Wertschöpfung in Deutschland langfristig miteinander vereinbaren?
Michael Schöllhorn: Insgesamt brauchen wir eine selbstbewusste, engagierte und ganzheitlich gedachte Industriepolitik, die Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit als Standort- und Wertschöpfungsthema weiter konsequent ausbaut. Dabei sollten wir nicht vergessen: Jeder Euro, der in die heimische Industrie investiert wird, generiert laut IfW Kiel einen fiskalischen Multiplikator von bis zu 1,6. Sicherheit ist also auch ein Invest in unseren künftigen Wohlstand. Gerade wir als Luft- und Raumfahrtindustrie sind international aufgestellt und „dual-use by nature“, heißt, wir verbinden zivile Innovationskraft mit sicherheitsrelevanten Fähigkeiten, die wir brauchen, um uns in einer zunehmend unsicheren internationalen Lage zu behaupten.
ES&T: Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten mit Blick auf die ILA in Berlin?
Michael Schöllhorn: Ich freue mich auf den Moment, auf dem Static Display zu sehen, wie weit wir bei unseren innovativen Programmen – zum Beispiel den unbemannten Flugsystemen – gekommen sind und greifbar wird: Wir warten nicht, wir handeln. Aber am meisten freue ich mich auf den Austausch mit unseren Kunden und Nutzern in der Truppe. Zu hören, dass unsere Systeme im täglichen Einsatz den Unterschied machen, ist der eigentliche Antrieb. Die ILA 2026 wird zeigen: Europa ist bereit, industriell den Takt der Sicherheit zu finden.
ES&T: Herr Schöllhorn, vielen Dank für das interessante Gespräch!













