MBDA ist bestens aufgestellt, um bei der Entwicklung und Produktion von Deep Precision Strike-Fähigkeiten zu unterstützen, berichtet Guido Brendler, Senior Vice President Sales & Business Development Germany bei der MBDA Deutschland GmbH, im Interview. 

 

ES&T: Herr Brendler, welche Lehren zieht die MBDA Deutschland aus den aktuellen Kriegen und Krisen?

Guido Brendler: Angesichts der sicherheitspolitischen Gesamtlage geht es heute mehr denn je um nationale und europäische Souveränität. Geschwindigkeit und Produktionsfähigkeit sind klar in den Vordergrund gerückt. Und wir müssen weg von Goldrandlösungen. Iteration statt Perfektion ist das Ziel.

Eine Firma wie MBDA ist bekanntermaßen europäisch aufgestellt, kann Fähigkeiten und Technologien aus verschiedenen Ländern vereinen. Dies ist mit Blick auf Masse und technologische Überlegenheit entscheidend. Wir müssen unsere Streitkräfte mit modernen Waffensystemen im defensiven und offensiven Bereich ausrüsten. Gleichzeitig müssen wir auch in der Lage sein, hohe Stückzahlen in kurzer Zeit zu produzieren. Starke, modern und mit ausreichenden Stückzahlen ausgerüstete Streitkräfte sind für Durchhaltefähigkeit und Abschreckungsfähigkeit unabdingbar. Gelenkte Munition jeder Art, ob Loitering Munition oder netzwerkfähige Lenkflugkörpersysteme von kurzer Reichweite bis hin zu Deep-Strike, sind durch ihre Präzision und Abstandsfähigkeit elementar. Gleichermaßen relevant sind Sperrmittel und Drohnenabwehr, letzteres sowohl kinetisch als auch nicht-kinetisch. Wir sind aufgefordert, uns noch gezielter aufzustellen, sowohl mit Blick auf innovative Produktion, als auch bzgl. der iterativen Implementierung von Innovationen und ad-hoc Reaktion auf neue Bedrohungen. Die aktuelle Herausforderung liegt in der Notwendigkeit des schnelleren Zusammenspiels von Mensch, Maschine und Daten. Die Welt wird multidimensionaler, dem stellen wir uns. Ein reines Mehr ist heute nicht genug – übergreifende Innovation ist keine Option, sondern strategische Notwendigkeit. Wir in der MBDA haben das erkannt und uns entsprechend ausgerichtet.

MBDA arbeitet an Deep Strike-Lösungen für Reichweiten von wenigen 100 Kilometern, bis in den Bereich von über 2.000 Kilometern.
(©MBDA)

ES&T: Auf der Prioritätenliste der Bundeswehr steht Air Defence ganz oben. Mit welchen neuen Systemen kann MBDA dazu beitragen?

Guido Brendler: Luftverteidigung ist eine der Kernkompetenzen der MBDA. Der Ukraine- und der Irankrieg zeigen deutlich die neue Bedrohungssituation für Deutschland und Europa insbesondere durch Hyperschallflugkörper und unbemannte Flugsysteme. Wir brauchen neue Fähigkeiten, höhere Feuerkraft und eine vollständig integrierte Luftverteidigung. MBDA unterstützt die uns befreundeten Nationen über alle Höhenbänder und Bedrohungsklassen hinweg.

Werfen wir den Blick auf Deutschland. Vor wenigen Monaten haben wir mit dem BAAINBw einen Entwicklungs- und Beschaffungsvertrag für den DefendAir geschlossen. Der Lenkflugkörper bedeutet insbesondere bei der Bekämpfung gegen kleine und mittlere Drohnen auf größere Entfernung einen Fähigkeitsgewinn für die Streitkräfte. Wir sind mit Hochdruck dabei, dieses Produkt zu entwickeln und für den Skyranger 30 zur Verfügung zu stellen.

Im Bereich Hochenergielaser haben wir mit Rheinmetall einen Demonstrator eines Marine-Lasersystems entwickelt. Es ist das einzige Laserwaffensystem, das gemeinsam mit der Bundeswehr unter operationellen Bedingungen über ein Jahr auf See erfolgreich erprobt wurde. Wir beabsichtigen mit diesem System einen weiteren, entscheidenden Beitrag zur Drohnenabwehr zu leisten. Zudem ist MBDA auch bei landbasierten und kleinen, tragbaren Lösungen für z.B. Landanwendungen in der Entwicklung proaktiv und weit fortgeschritten.

Darüber hinaus sind wir auch im Bereich anderer Lösungen gegen Drohnenbedrohungen, im kinetischen sowie nicht-kinetischen Bereich, sehr aktiv.

ES&T: Weit oben steht auch das Thema Deep Precision Strike (DPS). An welchen Initiativen beteiligen Sie sich?

Guido Brendler: MBDA steht für offensive wie defensive Fähigkeiten, also Schild und Schwert zugleich. Neben Lösungen zur Luftverteidigung verfügen wir über einen großen Erfahrungsschatz im Bereich abstandsfähiger Präzisionsbewaffnung und können zu DPS entscheidende Beiträge liefern. Eine Vielzahl an Programmen und laufenden Entwicklungen sind hierfür Beleg.

Wir engagieren wir uns aktuell aktiv im Rahmen der Erklärungen, die aus den Washington Summits und den ELSA-Aktivitäten (Anm.: European Long-Range Strike Approach) resultieren. Das betrifft Lösungen für Reichweiten von wenigen 100 Kilometern, bis in den Bereich von über 2.000 Kilometern. Hier ist MBDA in Gänze beitragsfähig. Ein starker Fokus liegt daher auf der Entwicklung verschiedener Optionen für den Bereich 2.000 Kilometer plus. Ein wirklich spannendes Betätigungsfeld bei der wir unsere Expertisen sowohl national als auch international hervorragend einbringen können.

MBDA ist demzufolge bestmöglich integriert aufgestellt, seine europäischen Heimatländer bei Entwicklung und Produktion von Deep Precision Strike-Fähigkeiten zu unterstützen.

Aus deutscher Sicht ist ein ja schon fast klassisches System der Taurus und, ganz vereinfacht gesagt, sind wir in der Lage, von diesem sehr guten System aus im Bereich der Cruise Missile-Fähigkeiten „quasi links und auch rechts“ abzubiegen.

MBDA arbeitet an Deep Strike-Lösungen für Reichweiten von wenigen 100 Kilometern, bis in den Bereich von über 2.000 Kilometern. ©MBDA

ES&T: Was meinen Sie damit?

Guido Brendler: Bei der aktuellen Diskussion geht es ja auch um die Frage der verschiedenen Reichweitenbänder und Zieltypen. Hier ist ein Reichweiten- und Effektormix sinnvoll.  Auf der einen Seite sehe ich Lösungen mit einer geringeren Reichweite, möglicherweise auch geringeren Kosten und einer anderen Fähigkeit. Mit dem Remote Carrier RCM², bieten wir ein Produkt an, das domänenübergreifend sowohl kinetisch als auch nichtkinetisch wirken kann. Es kann im Verbund agieren und anhand der KI-Anteile Aufgaben für verschiedene Fähigkeitsmodule erledigen, die ihm der Mensch gibt – wir nennen das neudeutsch „tasked based operations“.  RCM² beinhaltet also im Vergleich zum Taurus ein erweitertes Zielspektrum und operiert schwarmfähig in einem Netzwerk, ohne auf dieses angewiesen zu sein.

Auf der anderen Seite, können wir uns Reichweitensteigerungen im Bereich der Cruise Missiles vorstellen. Hier bieten wir bereits zeitnahe Lösungen an.

Ich möchte aber auch insbesondere auf unsere Entwicklungen von hypersonischen Flugkörpern – für noch größere Reichweiten und mit sehr geringer Flugzeit bis zum Ziel – hinweisen. Um verzugslos auf Abschussvorrichtungen eines Gegners reagieren zu können, kommt zum Beispiel eine Hyperschallösung in Betracht. Man spricht hier gerne von „Shoot the Archer“, also dem militärischen Prinzip, in Ergänzung zur Abwehr die Quelle einer Bedrohung zu zerstören. MBDA verfügt über jahrelange Erfahrungen und Expertisen in der Entwicklung und Test von hypersonischen Flugkörpern.

ES&T: Wenn die Luftwaffe in die Zukunft blickt, sieht sie einen Command Fighter, der eine ganze Reihe unbemannter Systeme führt.

Guido Brendler: Genau da setzt MBDA mit dem RCM² an. Wir bieten damit ein unbemanntes System, das man aus einer boden- oder luftgestützten Plattform verbringen kann. Dieses vielfältige, modulare System kann man sich, bildhaft gesprochen, wie ein Rudel Wölfe vorstellen, das arbeitsteilig Jagd auf ein Ziel macht. Sie sprechen sich untereinander ab, gehen koordiniert vor.

Technisch gesprochen werden verschiedene Fähigkeiten in eine Vielzahl von Flugkörpern ausgelagert, die miteinander kommunizieren und dadurch für taktische Variabilität sorgen. Sie bekommen eine Aufgabe gestellt, tauschen ihre Daten aus. Wenn zum Beispiel ein Panzersystem mit einer 75-Prozent-Wahrscheinlichkeit identifiziert werden soll, fliegen sie los, versuchen das über Radar oder mit optischen Sensoren aufzuklären. Sobald das gelingt, erfolgt eine Meldung an den Command Fighter. Dieser erteilt den Auftrag, es genauer zu identifizieren oder aber selbständig durch RCM² oder durch ein anderes Wirkungselement zu zerstören.

ES&T: Deutschland investiert massiv in die militärische Raumfahrt. Was können Sie dazu beitragen?

Guido Brendler: Der Weltraum war militärisch schon immer von großer Bedeutung, nur war das in der Öffentlichkeit weniger präsent. Dies hat sich seit Veröffentlichung der Weltraumsicherheitsstrategie geändert.

Wir nutzen Kommunikations-, Navigations- und Aufklärungsfähigkeiten, die für uns als Wirtschaftsnation aber auch für den Bereich der Sicherheit und Verteidigung besonders wichtig sind. Militärische Operationen im Weltraum haben in der Vergangenheit zugenommen und werden auch weiterhin zunehmen. Länder wie China und Russland haben offensive Fähigkeiten entwickelt. Wir werden uns hier entsprechend wappnen und schützen müssen.

MBDA ist im Weltraum kein neuer Akteur. Wir werden auf der ILA ein Space Wargaming und Simulations-Tool vorstellen, in dem der Nutzer befähigt wird, eine komplette Bedrohungs- und Wirkungskette durchspielen zu können. Darüber hinaus sind wir in verschiedenen Aktivitäten zur echten, auch physischen Abwehr im All sehr aktiv. Wir haben verschiedene Ideen, auch im Weltraum im Rahmen der Vorgaben des Nutzers wirken zu können. Laser ist hier sicherlich eine der naheliegenden Fähigkeiten. So ist MBDA z.B. in die Entwicklung der Plattform SPLINTER (Space Platform for LEO intervention Testing and Evaluation of Response) eingebunden, einem Satelliten, der mit leistungsstarken Antrieben, Sensoren und Lasergeräten ausgestattet ist. Er dient dazu, Bedrohungen in der erdnahen Umlaufbahn zu bekämpfen, ohne dabei neuen Weltraumschrott zu erzeugen. SPLINTER soll bereits 2027 in die Umlaufbahn gebracht werden.

ES&T: Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Produktionskapazitäten. Wie sieht es damit aus?

Guido Brendler: MBDA hat seine Produktionskapazitäten bereits von 2023 bis 2025 verdoppelt. Wir betreiben äußerst aktiv den weiteren Ausbau unserer Kapazitäten und investieren hierfür bis 2030 knapp 5 Milliarden Euro. Diese Investitionen fließen nicht nur in unseren Standort Schrobenhausen, sondern stärken die Fertigungskapazitäten an allen europäischen Standorten. Eine signifikante Herausforderung, denn wir müssen parallel auch die Gewinnung entsprechender Arbeitskräfte sicherstellen. Aber auch dafür sind wir gut aufgestellt.

MBDA stellt auf der ILA neue integrierte C-UAS Lösung mit DefendAir und Laserwafffe vor.
(©MBDA)

ES&T: Was steht für MBDA im Schwerpunkt der ILA?

Guido Brendler: Ein Fokus liegt auf dem Thema Counter UAS. Wir werden eine neue Lösung zum Thema DefendAir in Verbindung mit Hochenergielaser zeigen. Ein weiteres Schwerpunktthema betrifft das komplette Spektrum zu DPS, von RCM² über Cruise Missiles bis zu Hyperschall. Ein dritter Schwerpunkt ist das Thema Raketenartillerie, alles um den PULS Launcher, wie etwa die Joint Fire Support Missile. Hinzu kommt der Bereich Weltraum, für den wir einen Gaming Simulator vorstellen. So viel darf noch verraten, auch für Überraschungen ist gesorgt – und unser Pavillon wird schöner und größer als je zuvor!

Herr Brendler, vielen Dank für die interessanten Informationen. Wir sind gespannt, was uns auf der ILA bei MBDA erwartet!