Die ILA ist nicht nur eine Show, sondern ein sicherheitssensibles Großereignis. Carsten Baeck, Geschäftsführer der Deutschen Risikoberatung, spricht über Drohnen, Zuständigkeiten, operative Schnittstellen, Kostendruck und die Frage, warum gute Sicherheitsarbeit oft gerade dann unterschätzt wird, wenn sie funktioniert.

Wenn auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) Industrie, Militär, Politik und Zehntausende Besucher zusammenkommen, geht es um weit mehr als Flugvorführungen und Messeauftritte. Hinter der Kulisse steht ein Sicherheitsgefüge, das nur dann trägt, wenn viele Akteure zusammenspielen. Die Deutsche Risikoberatung begleitet die ILA seit Jahren mit Sicherheitskonzepten und Koordinierungsarbeit. Im Gespräch mit ES&T erläutert Geschäftsführer Carsten Baeck, wo die eigentlichen Verwundbarkeiten liegen, warum Bedrohungen heute anders bewertet werden müssen und weshalb gute Sicherheitsarbeit oft gerade dann übersehen wird, wenn sie funktioniert.

ES&T: Herr Baeck, für die meisten Besucher ist die ILA vor allem Flugshow, Technikschau und politisches Schaulaufen. Wann beginnt für Sie die Veranstaltung?

Carsten Baeck
Foto: Carsten Baeck / ILA

Baeck: Sehr viel früher. Für uns beginnt die ILA nicht mit dem ersten Messetag, sondern mit der Risikoanalyse, und zwar ein gutes Jahr, bevor die Messe ihre Tore öffnet. Dann wird im Hintergrund bereits durchdacht, was später im Betrieb funktionieren muss: Abläufe, Zuständigkeiten, Schnittstellen und denkbare Störungen. Das Sichtbare ist am Ende nur das Ergebnis. Die eigentliche Arbeit besteht darin, aus vielen Einzelbereichen rechtzeitig ein belastbares Gesamtsystem zu machen.

 

 

ES&T: Warum braucht eine Messe wie die ILA dafür überhaupt externe Risikoberatung?

Baeck: Weil die ILA eben nicht nur Messebetrieb ist. Auf der ILA kommen Luft- und Raumfahrtindustrie, Streitkräfte, internationale Delegationen, hochrangige politische Gäste, Publikumstage, Flughafenbezug und mediale Aufmerksamkeit zusammen. Ein Veranstalter kann vieles selbst organisieren, aber bei so einer Verdichtung hilft ein externer Blick, der Risiken strukturiert, Schnittstellen sichtbar macht und Dinge auch dann anspricht, wenn sie intern nicht besonders beliebt sind. Externe Beratung ist in so einer Lage kein Luxus, sondern ein Korrektiv.

ES&T: Heißt das auch, dass Sie oft genau die Dinge ansprechen müssen, an denen aus Kostengründen am liebsten gespart würde?

Baeck: Natürlich ist das ein Spannungsfeld. Jeder Veranstalter muss wirtschaftlich denken. Problematisch wird es aber dann, wenn Kostenfragen die Lagebewertung verdrängen. Kosten und Sicherheit müssen ausgewogen betrachtet werden. Entscheidend ist, dass sicherheitsrelevante Maßnahmen auf Basis einer fundierten Risikobewertung priorisiert werden. Unsere Aufgabe ist nicht, Maximalforderungen aufzustellen, sondern sauber zu benennen, wo eine Maßnahme sinnvoll ist und wo Sparen irgendwann ins Risiko kippt.

ES&T: Was machen Sie konkret und was machen Sie ausdrücklich nicht?

Baeck: Wir stellen nicht selbst die großen Mannschaften an die Eingänge. Das ist wichtig, weil das oft durcheinandergeht. Wir entwickeln das Sicherheitskonzept mit der Messe Berlin und schreiben es fort, koordinieren die sicherheitsrelevanten Akteure und begleiten die Umsetzung. Das umfasst Risikoanalysen, Abstimmungen mit Behörden, Einbindung privater Dienste, Schnittstellen zum Flughafen, zu Rettungsdiensten, Polizei, Bundeswehr, ausländischen Streitkräften, den großen oder besonders kritischen Ausstellern und weiteren Beteiligten. Wir sind also nicht die sichtbare Bewachung, sondern die Ebene dahinter, die dafür sorgen muss, dass die sichtbare Sicherheit überhaupt trägt.

Personenkontrolle an der Sicherheitsschleuse zur ILA
Foto: ILA

ES&T: Das klingt nach viel Verantwortung, aber auch nach einer Rolle, die man leicht überschätzen kann. Wo liegen Ihre Grenzen?

Baeck: Unsere Grenzen liegen dort, wo wir keine hoheitlichen Befugnisse haben und wo Entscheidungen bei anderen Stellen liegen. Wir beraten, wir koordinieren, wir drängen auf Maßnahmen, wir dokumentieren Risiken. Aber wir ersetzen keine Polizei, keine Behörde, keinen Veranstalter. Genau das macht die Arbeit so anspruchsvoll: Man ist an vielen Punkten entscheidend beteiligt, aber nicht allmächtig. Wer das nicht sauber trennt, redet sich schnell in eine Zuständigkeit hinein, die er gar nicht hat.

ES&T: Bevor wir über die heutigen Bedrohungen sprechen: Woher kommt eigentlich Ihr Blick auf Sicherheit?

Baeck: Ich komme ursprünglich aus dem staatlichen Bereich. Ich bin sehr früh in den Personenschutz gegangen und habe damals Bundesminister weltweit begleitet, in einer Zeit, in der die Bedrohung durch die RAF den Alltag stark geprägt hat. Das schärft den Blick. Man lernt sehr schnell, dass Sicherheit nichts Abstraktes ist, sondern von Aufmerksamkeit, Disziplin und Verlässlichkeit im Detail lebt. Und man lernt auch, dass es oft nicht die große Lage ist, an der etwas scheitert, sondern die kleine Unachtsamkeit.

ES&T: Was haben Sie aus dieser Zeit in Ihre spätere Arbeit in der Wirtschaft und in Ihre eigene Firma mitgenommen?

Baeck: Vor allem den Blick für Schwachstellen und die Überzeugung, dass Sicherheit praktisch funktionieren muss. Ich habe später in der Wirtschaft erlebt, dass vieles auf dem Papier gut aussieht, in der Umsetzung aber nicht unbedingt trägt. Daraus ist auch unser Ansatz entstanden: nicht möglichst viel Theorie zu produzieren, sondern Konzepte so aufzubauen, dass sie im Alltag und im Ernstfall belastbar sind. 2005 haben wir dann die Deutsche Risikoberatung gegründet, genau mit diesem Anspruch.

ES&T: Sie prüfen mit Ihrem Team auch sensible Räume und Besprechungsbereiche in Unternehmen. Was sagt Ihnen diese Arbeit über den Umgang von Vorständen und Führungspersönlichkeiten mit Sicherheit?

Baeck: Dass Sicherheitskultur oft genau dort schwach wird, wo man eigentlich besondere Sensibilität erwarten müsste. In vielen Unternehmen gelten für Mitarbeiter klare Regeln, etwa beim Umgang mit Unterlagen, Geräten oder Geschenken. In Vorstands- und Führungsbereichen sieht man dann nicht selten, dass diese Regeln deutlich lockerer gehandhabt werden. Da stehen Gegenstände, die dort aus Sicherheitssicht nichts zu suchen haben, oder es wird mit Dingen zu unbefangen umgegangen, nur weil sie prestigeträchtig oder harmlos wirken. Das ist ein Problem, denn Sicherheitskultur scheitert häufig nicht an fehlenden Vorschriften, sondern daran, dass sie an der Spitze nicht konsequent vorgelebt wird.

ES&T: Kritisch gefragt: Leben Leute wie Sie nicht auch davon, dass Bedrohungen möglichst groß wirken?

Baeck: Nein, jedenfalls nicht, wenn sie seriös arbeiten. Wer Risiken künstlich aufbläht, wird vielleicht kurzfristig gehört, verliert aber langfristig Vertrauen. Unser Geschäft ist nicht Panik, sondern Plausibilität. Wir müssen sauber begründen, welche Risiken realistisch sind, wie sie sich verändert haben und welche Maßnahmen angemessen sind. Sicherheit ist keine Dramatisierungskunst. Sie ist die Disziplin, Unsicherheit nüchtern zu bewerten und daraus vernünftige Konsequenzen zu ziehen.

ES&T: Was hat sich seit 2018, seit Sie die ILA begleiten, verändert?

Baeck: Vor allem das Umfeld. Wir haben heute eine andere Drohnenlage, eine andere Sensibilität für Sabotage, ein anderes geopolitisches Umfeld und insgesamt eine höhere Verwundbarkeit offener Systeme. Die ILA ist nicht nur eine Fachmesse, sondern eine Veranstaltung, auf der Streitkräfte, Industrie, Politik und Öffentlichkeit gleichzeitig präsent sind. Gerade diese Verdichtung macht die Sicherheitslage heute anspruchsvoller als noch vor einigen Jahren. Wer mit den Maßstäben von gestern plant, wird der Realität nicht gerecht.

ES&T: Das Thema Drohnen taucht inzwischen in fast jeder Sicherheitsdebatte auf. Ist das eine reale Gefahr oder inzwischen auch ein Standardargument?

Baeck: Die Gefahr ist real, aber der Begriff wird inzwischen auch schnell wie eine Sammelbegründung benutzt. Gerade im Umfeld eines Flughafens oder einer Großveranstaltung kann schon eine einzelne Drohne reichen, um Abläufe massiv zu stören. Deshalb reicht es nicht, einfach „Drohnenlage“ zu sagen. Man muss konkret beantworten, wie detektiert wird, wer reagiert und wie Zuständigkeiten im Ereignisfall sauber greifen.

ES&T: Wo ist die ILA aus Ihrer Sicht am verwundbarsten? Am Eingang, in der Luft oder im Hintergrund?

Baeck: Die größte Verwundbarkeit liegt meist nicht dort, wo sie für Besucher am sichtbarsten ist. Einlasskontrollen sind wichtig, aber das eigentliche Risiko sitzt oft an den Nahtstellen: in Aufbauphasen, bei Zufahrten, an Übergängen zwischen Zuständigkeiten, in Kommunikationswegen, in der Frage, ob Kräfte wirklich qualifiziert sind und ob im Ereignisfall Informationen schnell genug dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden. Sicherheit scheitert oft an kleinen Unschärfen, die niemand rechtzeitig geschlossen hat. Deshalb liegt bei der ILA ein besonderer Fokus auf klar definierten Zuständigkeiten und abgestimmten Kommunikationswegen.

Zugangskontrollen am militärischen Bereich der ILA
Foto: ILA

ES&T: Heißt das auch: Die Aufbauphase ist riskanter, als viele denken?

Baeck: In bestimmten Punkten ja. Während des eigentlichen Betriebs ist vieles unter größerer Beobachtung. In der Aufbauphase wird viel Material bewegt, viele Menschen kommen aufs Gelände, Abläufe sind noch im Entstehen. Das ist nicht chaotisch, aber es ist naturgemäß eine Phase, die noch nicht unter derselben Beobachtung steht wie der eigentliche Veranstaltungsbetrieb. Wer Sicherheit nur am Publikumstag denkt, greift zu kurz. Gerade dort, wo noch Routine im Entstehen ist, braucht man einen nüchternen Blick auf Schwachstellen. Durch abgestimmte Prozesse und frühzeitige Einbindung aller Beteiligten wird diese Phase gezielt abgesichert.

ES&T: Ihre Firma ist vergleichsweise klein. Warum traut man einer kleinen Struktur so ein Projekt zu?

Baeck: Weil solche Projekte nicht zuerst von Größe leben, sondern von Erfahrung, Netzwerk und Umsetzungsfähigkeit. Wir arbeiten mit einem kleinen festen Kern und ziehen für Projekte die passenden Partner hinzu. Das ist oft wirksamer als ein großer Apparat, der alles mit eigenen Leuten abdecken will. Entscheidend ist, dass die richtigen Personen mit den richtigen Kompetenzen in der Lage sind, ein Projekt zu führen. Nicht, dass man auf dem Papier besonders groß aussieht.

ES&T: Aber ist genau das nicht auch riskant, wenn am Ende viel an einigen wenigen hängt?

Baeck: Das wäre riskant, wenn man es so aufsetzt. Deshalb ist die Stellvertreterlogik für uns zentral. Ein System darf nie an einer Person hängen. Das gilt im Krisenmanagement grundsätzlich. Wenn eine Struktur zusammenbricht, weil eine einzelne Person ausfällt, dann war sie nicht robust genug. Gerade in kritischen Projekten muss Redundanz von Anfang an mitgedacht werden.

ES&T: Sie haben für die ILA erneut den Zuschlag erhalten. Was gibt bei so einer Vergabe am Ende den Ausschlag: Preis und Größe oder Erfahrung, Kontinuität und Kenntnis der konkreten Abläufe?

Baeck: Der Preis spielt natürlich eine Rolle, das ist bei solchen Verfahren selbstverständlich. Aber am Ende reicht das allein nicht. Bei einer Veranstaltung wie der ILA kommt es darauf an, dass man die Abläufe kennt, die Akteure einschätzen kann und weiß, wie die verschiedenen Bereiche zusammenwirken. Es hilft, wenn man die Strukturen über Jahre begleitet hat und nicht jedes Mal wieder bei null anfängt. Ich glaube, genau die Mischung aus Erfahrung, Kontinuität und operativer Umsetzbarkeit gibt bei solchen Projekten am ehesten den Ausschlag.

ES&T: Wie oft kollidiert Sicherheitslogik mit Kostenlogik?

Baeck: Permanent. Kritisch wird es, wenn aus einer Risikofrage eine reine Budgetfrage wird. Dann geht es nicht mehr um das Notwendige, sondern nur noch um das gerade noch Machbare. Spätestens dann wird Sicherheit schwach.

ES&T: Wie viel Scheinsicherheit sehen Sie in der Praxis?

Baeck: Mehr als mir lieb ist. Nicht, weil Menschen bewusst täuschen wollen, sondern weil man sich schnell mit Formalien beruhigt. Es gibt Maßstäbe, Vorschriften, Nachweise, Hakenlisten. Alles das ist notwendig. Aber die eigentliche Frage lautet immer: Trägt die Maßnahme im konkreten Fall? Oder steht sie nur da, damit man sagen kann, man habe etwas getan? Wer Sicherheit nur abhakt, hat das Problem nicht verstanden.

ES&T: Lassen Sie uns noch einmal über das Personal sprechen. Wie groß ist das Problem, wenn private Sicherheitsdienste zwar formal eingesetzt sind, in Qualität und Vorbereitung aber nicht durchgehend überzeugen?

Baeck: Das ist ein reales Thema. Ein Konzept kann noch so sauber sein, wenn die Umsetzung in der Praxis nicht trägt, bekommt man Schwierigkeiten. Es geht eben nicht nur um die Zahl der eingesetzten Kräfte, sondern um Auswahl, Qualifikation, Einweisung, Führung und Kontrolle. In sensiblen Bereichen muss jemand Anweisungen verstehen, Ausweise sauber prüfen, Auffälligkeiten erkennen und in einer angespannten Lage verlässlich reagieren können. Wenn Kräfte zwar formal zulässig sind, praktisch aber schon beim Lesen eines Ausweises oder beim Verstehen einer Einweisung an Grenzen stoßen, dann ist das ein Risiko. Gerade bei großen Veranstaltungen wird gern so getan, als sei Personal vor allem eine Frage der Kopfzahl. In Wahrheit ist es eine Qualitätsfrage, bei der ILA werden Auswahl, Qualifikation und Einweisung daher besonders eng begleitet und überprüft.

ES&T: Sie kommen aus dem Personenschutz, aus der Konzernsicherheit, arbeiten auch im Bereich Lauschabwehr und Informationsschutz. Zeigt sich deutsche Sicherheitskultur nicht auch darin, dass Polizei, Bundespolizei, Behörden und private Akteure professionell arbeiten, das Zusammenspiel aber trotzdem nicht immer reibungslos ist?

Baeck: Das ist jedenfalls ein Teil des Problems. Es gibt viele professionelle Akteure, aber gutes Zusammenspiel entsteht nicht von selbst. Gerade in komplexen Lagen reicht es nicht, wenn jede Stelle nur ihren eigenen Bereich sauber bearbeitet. Entscheidend ist, dass Informationen zusammenlaufen, Zuständigkeiten ineinandergreifen und alle mit demselben Lagebild arbeiten. Gleichzeitig hat Prävention es schwer, weil man ihren Erfolg im besten Fall gar nicht bemerkt: Dann passiert nichts. Das gilt im Konzern ebenso wie im Veranstaltungsbereich. Und wenn hinterher nichts passiert ist, heißt das nicht, dass bestimmte Maßnahmen überflüssig waren. Häufig ist das gerade der Beleg dafür, dass sie gewirkt haben.

ES&T: Was ist die größte Illusion in Ihrem Geschäft?

Baeck: Zu glauben, Sicherheit sei irgendwann fertig. Sie ist nie fertig. Sie muss ständig überprüft, angepasst und ehrlich bewertet werden. Die Lage verändert sich, Technik verändert sich, Gegner verändern sich, Rahmenbedingungen verändern sich. Wer meint, er könne ein Konzept einmal schreiben und dann für erledigt erklären, denkt in einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

ES&T: Wenn Sie für die ILA einen Punkt sofort durchsetzen könnten, ohne Rücksicht auf Zuständigkeiten und Budgets, welcher wäre das?

Baeck: Noch klarere Verzahnung aller sicherheitsrelevanten Akteure auf Basis eines gemeinsamen Lageverständnisses. Technik ist wichtig, Personal ist wichtig, Konzepte sind wichtig. Aber am Ende entscheidet oft, ob alle, die handeln müssen, dieselbe Lage sehen und daraus abgestimmt handeln. Wenn das nicht funktioniert, helfen Ihnen die besten Einzelmaßnahmen nur begrenzt. Sicherheitsarbeit ist am Ende immer auch eine Frage gemeinsamer Wirklichkeit.

Das Gespräch führte Jürgen Fischer.