MSC-Chef Wolfgang Ischinger warnt Europa vor einer strategischen Verzwergung. Zum 80. Geburtstag erzählt er von Gesprächen mit Kriegsverbrechern und einem bizarren Benefizball in Mar-a-Lago.
Vor wenigen Wochen hat Wolfgang Ischinger von den Europäern ein gemeinsames Zeichen der Selbstbehauptung gefordert. Nun ruft der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) Deutschland und Europa zu einer großen Nahost-Initiative auf. Statt „verstockt auf Trumps Krieg zu reagieren und ihn dadurch unnötig weiter zu provozieren“, sollte Europa seinem eigenen Führungsanspruch gerecht werden und an einem zukunftsfähigen Sicherheitsgerüst für die Region arbeiten, sagte Ischinger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Der MSC-Chef schlug vor, dieses Sicherheitsprojekt gemeinsam mit der Türkei und Staaten in der arabischen und asiatischen Nachbarschaft anzugehen. „Die Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg (…) könnte Modell stehen – falls Deutschland und Europa ernst genommen werden wollen.“
Ischinger über Gespräche mit Kriegsverbrechern
Es sei nicht genug, zu sagen, dass dies „nicht unser Krieg“ sei, sagte Ischinger. Diese Aussage bediene die strategische Verzwergung Europas. „So bringen wir Europa jedenfalls nicht auf die Landkarte global relevanter Mächte zurück.“ Natürlich sei dies nicht der Krieg der Europäer, erklärte Ischinger. Gleichzeitig suggerierten die Worte der Bundesregierung zum Iran jedoch, „dass wir den Vorgang allenfalls von der Seitenlinie aus kommentieren könnten“. Dabei berühre der Krieg im Nahen Osten europäische Interessen genauso wie der Krieg in der Ukraine.
Kurz vor seinem 80. Geburtstag an diesem Montag (6. April) erklärte Ischinger zudem, mit wem er derzeit lieber ein Gespräch unter vier Augen führen würde, Donald Trump oder Wladimir Putin. „Interessanter wäre Putin“, sagte der ehemalige Botschafter dem „Stern“. Er sei häufig gefragt worden, wie das eigentlich sei, mit einem Kriegsverbrecher am Tisch zu sitzen, sagte Ischinger: „Es gehört auch zu unserem Job als Diplomat, sich mit internationalen Schwerstverbrechern abzugeben.“
„Ben Hur“ in Mar-a-Lago
Ischinger schilderte auch eine Begegnung mit Trump im Jahr 2005, vor dessen politischer Karriere. „Trump veranstaltete in Mar-a-Lago einen Benefizball“, zu dem Ischinger eingeladen worden sei. Vor Trumps Residenz in Florida habe der Gastgeber einen langen roten Teppich ausrollen lassen, „links und rechts davon junge Männer mit mehr oder weniger nacktem Oberkörper, in einer Rüstung wie im Film ‚Ben Hur‘, dazu hatten sie Fackeln in der Hand“.
An der obersten Stufe einer Treppe habe Trump gewartet. „In dem Moment, in dem ich die zweitoberste Stufe erklommen hatte, reichte er mir nach unten die Hand – und dann wurde ein Foto gemacht“, erzählte Ischinger. So sei es mit jedem Gast geschehen. „Man gab sozusagen dem Paten die Hand nach oben.“
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