Wie in den Vortagen basiert die Analyse auf einer Triangulation militärischer Lageberichte (CENTCOM, US‑Navy, Ministère des Armées, UK MoD), maritimer Warnmeldungen (UKMTO, JMIC, MICA), Think‑Tank‑Analysen (u.a. CSIS, INSS), Sicherheits‑ und Risikoanalyse‑Unternehmen wie CastorVali sowie heuristisch als vertrauenswürdig erwiesene OSINT‑Quellen und Fachmedien (USNI, defenceWeb, Reuters, BBC, FT).

Carrier‑Architektur und Operationsgeometrie

Die US‑Flugzeugträger‑Architektur verfestigt sich zu einem Dreieck Ostmittelmeer – Rotes Meer – Golf von Oman/nördliches Arabisches Meer. Nach USNI‑Angaben operiert die USS „Abraham Lincoln“ weiterhin im Raum Golf von Oman/nördliches Arabisches Meer als Flaggschiff von CSG 3 für Luftschläge und Seeraumkontrolle gegenüber Iran. Die USS „Gerald R. Ford“ hat den Suezkanal passiert und befindet sich im Roten Meer. Dort fungiert sie als Scharnier zwischen Ostmittelmeer und Bab el‑Mandeb– mit Blick sowohl auf mögliche Huthi‑Einstiege als auch auf die Sicherung der Suez‑Zuläufe. Parallel befindet sich die US‑Navy die USS George H.W. Bush als dritter Trägerverband im Anmarsch für den Einsatz im östlichen Mittelmeer.

USS Abraham Lincoln während der Operation Epic Fury (Foto: US Navy)

Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande konsolidieren im östlichen Mittelmeer eine europäische Abschirmungsfront: Paris hat sich politisch auf eine bis zu zehn Schiffe umfassende Präsenz um den Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ festgelegt, Rom trägt mit der FREMM‑Fregatte „Martinengo“ zur Luftverteidigung für den Raum Zypern bei. Madrid und Den Haag flankieren mit F‑100‑ bzw. LCF‑Fregatten. Europäische Marinen schließen damit derzeit vor allem Lücken beim Schutz der NATO‑ und EU‑Südostflanke. Zugleich drängt Präsident Macron darauf, dass europäische Seestreitkräfte mittelfristig auch im eigentlichen Begleitschutz und der SLOC‑Sicherung vom Roten Meer bis zur Straße von Hormus stärker in die Verantwortung gehen.

Aus dieser Disposition entsteht eine zweigeteilte Operationsgeometrie der westlichen Kräfte. Im östlichen Mittelmeer dienen die Verbände primär als vorgelagerter Schutzschirm für Europa und Israel gegen horizontale Eskalation (Libanon, Syrien, iranische Raketen auf Zypern/Griechenland). Die US-Kräfte im Roten Meer, in der Straße von Hormus, im Golf von Oman, im Persischen Golf und im nördlichen Arabischen Meer wirken kinetisch und protektiv.

SLOC Hormus: rechtlich offen, faktisch geschlossen

Die Straße von Hormus ist formal nicht blockiert, faktisch aber nahezu leer. USNI wertet AIS‑Daten so, dass zwischen 1. und 9. März nur 39 Frachtschiffe die Straße passiert haben – gegenüber rund 98 Schiffen am 28. Februar. Schon am 2. März waren es nur sieben Schiffe. Risk‑Advisories und JMIC‑Berichte sprechen von einem Rückgang der Transite um etwa 85–90 Prozent. Faktisch seien es vor allem iranisch assoziierte Tanker und regionale Versorgungsschiffe, die die Meeresstraße noch nutzen.

Gegen einen Totaleinbruch: „Operation Epic Escort“

Unter dem Arbeitstitel „Operation Epic Escort“ diskutieren Pentagon und US‑Navy verschiedene Modelle für einen späteren Geleitschutz von Tankern durch Hormus. Gleichzeitig haben Vertreter der US Navy gegenüber der Schifffahrtsindustrie den Standpunkt vertreten, dass regelmäßige Eskorten unter den aktuellen Bedrohungsbedingungen – kombinierte Gefahr aus Minen, Raketen, Drohnen und Schnellbooten – „derzeit nicht möglich“ sei. Politisch wird in Washington signalisiert, man sei zur Eskorte bereit. Operativ bleibt es vorerst bei einem Mix aus Luftüberlegenheit, Fernschutz und punktuellen Eingriffen zur Bekämpfung der iranischen Anti‑Access‑Kapazitäten.

Drei neue Angriffe am 11. März

Die Ereignisse des 11. März bestätigen dieses Bild einer faktisch unpassierbaren Seestraße. UKMTO verzeichnet allein an diesem Tag drei relevante Vorfälle:

  • 50 Seemeilen nordwestlich von Dubai wird ein Bulk Carrier von einem unbekannten Projektil getroffen. Keine Verletzten und keine Umweltverschmutzung.
  • Straße von Hormus, 11 sm nördlich des Oman wird der thailändische Frachter „Mayuree Naree“ von einem unbekannten Projektil getroffen. Feuer an Bord, der Havarist fordert Hilfe an, die Besatzung wird evakuiert.
  • 25 sm nordwestlich von Ras al‑Khaimah (VAE) wird ein Containerschiff von einem mutmaßlichen, aber nicht identifizierten Projektil getroffen. Keine Verletzten. Untersuchungsergebnis liegt noch nicht vor.

Zusammengenommen erhöhen diese Vorfälle die Zahl der seit Kriegsbeginn durch Projektileinschläge oder Nahtreffer betroffenen Schiffe auf rund ein Dutzend.

Der Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse USS Delbert D. Black (DDG 119) feuert am 28. Februar 2026 eine Tomahawk-Landangriffsrakete (TLAM) zur Unterstützung der Operation Epic Fury ab. (Foto: US-Navy)

Minenbedrohung

Parallel verdichtet sich das Bild einer akuten Minenbedrohung. US‑ und Expertenquellen gehen davon aus, dass Iran über 2.000–6.000 Seeminen verfügt. Sie ließen sich mit kleinen, schwer aufklärbaren Booten, bis zu drei Minen transportieren können, verbringen. Am 10. März meldete CENTCOM die Zerstörung von 16 iranischen Minenlege‑Booten nahe der Straße von Hormus durch US‑Streitkräfte.

Damit verschiebt sich die maritime Lage in eine Phase der „prekären Stabilisierung unter Dauerbeschuss‑ und Minenrisiko“: Die großen Verbände halten Abstand, die Handelsschifffahrt routet systematisch um, und die Anti‑Access‑Kapazitäten Irans werden fortlaufend, aber nicht gänzlich, reduziert.

Kaproute als „neues Normal auf Zeit“

Als unmittelbare Folge der kombinierten Risiken in der Straße von Hormus und im Roten Meer beginnt sich der Weg um das Kap der Guten Hoffnung für große Teile des Europa–Asien‑Verkehrs zu etablieren. defenceWeb und akademische Analysen sprechen von zusätzlichen Laufzeiten zwischen 10 und 14 Tagen, einem messbaren Verlust an verfügbarer Schiffs‑Kapazität und signifikant erhöhten Fracht‑ und Versicherungskosten.

Gegenseitige Eskalation

US‑ und israelische Schläge konzentrieren sich weiter auf iranische Raketen‑, Luftwaffen‑ und Marinebasen entlang der Küste und im Hinterland (Bandar Abbas, Buschehr, Chah Bahar, Kharg, Inseln Abu Musa/Sirri/Farsi), ergänzt um Operationen gegen IRGC‑ und Proxy‑Strukturen in Libanon, Syrien, Irak und Jemen. Im Vergleich zum 12‑Tage‑Krieg 2025 zeigt sich eine größere räumliche und systemische Breite: Neben der physischen Neutralisierung von Einheiten der Seestreitkräfte und Abschusseinrichtungen rücken nuklearrelevante Infrastruktur und Öl‑/Energieanlagen des Iran in den Fokus.

Iran reagiert mit anhaltenden Raketen‑ und Drohnenangriffen auf Israel, US‑Stützpunkte in der Region und Energieinfrastruktur in den Golfstaaten. Die VAE melden für den 10. März neun ballistische Raketen (davon acht abgefangen) und 35 Drohnen (26 abgefangen) sowie aggregiert seit Beginn der Angriffe 262 ballistische Raketen und 1.475 Drohnen. Die türkische Tageszeitung Yeni Şafak erfasst in einer Infografik für die ersten zehn Kriegstage insgesamt 3.095 iranische Raketen‑ und UAV‑Angriffe auf sieben arabische Staaten.

Die USS Gerald R. Ford (CVN 78) durchquert während der Operation Epic Fury den Suezkanal. (Foto: US Navy)

Mangelware: Die Munitionsökonomie des Mehrfrontenkonflikts

Die Doppelbelastung – Schutz Israels und der Golfmonarchien einerseits, fortgesetzte Unterstützung der Ukraine andererseits – entwickelt sich angesichts begrenzter Produktionskapazitäten für Patriot‑Abfangraketen zunehmend zu einer strukturellen Herausforderung. Dmytro Lytvyn, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, stellte gegenüber der NYT fest (veröffentlicht am 9. März), dass Kiew in den gesamten vier Jahren des Krieges in der Ukraine nur etwa 600 moderne Patriot-Raketen erhalten habe. Unter Berufung auf den ukrainischen Präsidenten und EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius gibt das Blatt weiter an (9. März): „In den ersten Tagen des Iran-Krieges letzte Woche haben die Länder des Nahen Ostens laut Herrn Zelensky und Andrius Kubilius, dem EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, mehr als 800 Patriot-Raketen verschossen.“ Weiter weist das Blatt darauf hin, dass im Jahr 2025 nur 620 „an Militärs ausgeliefert [wurden], und das war ein Rekordniveau.“

Reuters und Bloomberg verweisen darauf, dass zusätzliche Lieferzusagen an Israel und Golfpartner den verfügbaren Rahmen für künftige Abgaben an Kiew einengen und die industrielle Nachproduktion – trotz laufender Kapazitätserhöhungen – zeitlich nur verzögert nachziehen kann.

Golfstaaten als Mit‑Opfer und Mit‑Akteure

In den Golfmonarchien verdichtet sich der Eindruck, dass die USA den Schlag gegen den unbeliebten Nachbarn geführt haben, wobei sie die unmittelbaren wirtschaftlichen Kosten tragen. Eine Reuters‑Analyse spricht davon, dass „die USA den Krieg entzündet haben, die Golfstaaten aber den Preis zahlen“. Disruptionen in Hormus treffen Öl‑ und Gasexporte, Luftfahrt, Tourismus und Handel empfindlich, während die US‑Wirtschaft durch eigene Energieproduktion robuster sei. Zugleich nutzen die Golfstaaten die Krise, um ihre sicherheitspolitische Verflechtung mit den USA und – in Teilen – mit Israel zu vertiefen (gemeinsame Luftlagebilder, Raketenabwehr, Koordination in CENTCOM‑Strukturen).

Great‑Power‑Spillover: Russland und China

Auf der Ebene der Großmächte verschränken sich Konfliktarenen. CSIS ordnet „Epic Fury“ ausdrücklich als Langzeitkampagne zur Degradation von Irans Raketen‑ und Nuklearinfrastruktur ein – mit Rückwirkungen auf das globale Abschreckungsgefüge und die Munitionsökonomie der USA. Moskau hofft, dass der Ressourcenabfluss in Richtung Nahost westliche Fähigkeiten zur Unterstützung der Ukraine schwächt. Peking versucht sich rhetorisch als Verfechter eines sofortigen Waffenstillstands und der Souveränität aller Staaten zu inszenieren. Dabei profitiert China ökonomisch und strategisch durch vergünstigte Ölimporte aus Russland und Iran, hohe Raffineriemargen und den Ausbau energiepolitischer Verflechtungen mit Iran, Saudi‑Arabien und den VAE.

Die Indo‑Pazifik‑Dimension: Kontroverse um IRIS „Dena“

Die Versenkung der iranischen Fregatte IRIS Dena durch ein U‑Boot der US-Navy, mit dem Vernehmen nach mit australischem Personal an Bord, entfaltet politische Resonanz über den Golf hinaus. BreakingDefense und indische Medien berichten über Kritik in Australien („faktischer Kriegseintritt ohne Parlamentsmandat“). In Teilen der indischen Öffentlichkeit erregt der Vorfall Empörung, weil ein kurz zuvor in indischen Gewässern präsentes Schiff Ziel eines AUKUS‑Verbands wurde. Für Neu Delhi verstärkt der Vorfall das Dilemma zwischen den traditionell guten Beziehungen zum Iran, dem Bestreben nach einer engeren Sicherheitskooperation mit Australien und den USA sowie der eigenen Positionierung im Globalen Süden. Für AUKUS illustriert die Entwicklung, welche innenpolitischen Kosten entstehen, wenn „gemeinsame Plattformen“ Auseinandersetzungen mit Dritten eingesetzt werden.

Europäische Bruchlinien

Der Krieg treibt zudem politische Risse innerhalb der EU‑Spitze offen zutage. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach jüngst davon, man könne darüber streiten, ob der Konflikt in Iran ein „Krieg der Wahl oder der Notwendigkeit“ sei, und erklärte, Europa könne „nicht länger Hüter der alten Weltordnung“ sein. Kommissionsvize Teresa Ribera kritisierte diese Formulierung ungewöhnlich scharf als „nicht angemessen“. Sie betonte, die Verteidigung des Völkerrechts sei ein Kernelement des europäischen Projekts. EU‑Ratspräsident António Costa warnte vor Unilateralismus und mahnte, Freiheit und Menschenrechte ließen sich nicht „durch Bomben“ erzwingen.

Gleichzeitig relativiert Bundeskanzler Friedrich Merz die Wirksamkeit internationaler Regeln („haben relativ wenig Effekt“) und widerspricht nicht, als US‑Präsident Trump den spanischen Premier Sánchez öffentlich angreift, weil dieser den US‑Schlag als „illegal“ bezeichnet hatte. Während nordeuropäische und konservative Stimmen eher die Notwendigkeit harter Machtpolitik betonen, pochen südeuropäische Sozialdemokraten und Teile der Kommission auf eine strikte Verteidigung der rule‑based order – bei gleichzeitigem Schulterschluss mit den USA in der Praxis.

Fazit

Während die reguläre Marine, Artesh, des Iran als kohärenter Verband faktisch nicht mehr existiert, entfaltet die IRGC vor allem über asymmetrische Mittel – Minen, Raketen, Drohnen, Angriffe auf Handelsschiffe – Wirkung. Die Allianz kontrolliert die Luft und weite Teile des Seeraums. Trotz massiver Präsenz kann sie die sofortige Wiederherstellung sicherer Passage durch Hormus nicht garantieren. Die Disposition der IRGC-Kräfte um die Straße von Hormuz und die jüngsten Übergriffe deuten darauf hin, dass die Minenabwehr-Komponente von „Epic Fury“ schon eingesetzt hat, ohne dass die dazu benötigten Kräfte (Minenjagd- und -räumverbände) sichtbar sind.

Strategisch entwickelt sich der Konflikt zu einem Mehrfronten‑Abnutzungskrieg in drei Dimensionen. Erstens gegen Irans Raketen‑, Nuklear‑ und Marineinfrastruktur. Zweitens gegen dessen Fähigkeit, über Minen, Drohnen und Proxy‑Akteure die globalen Seehandelsströme zu beeinträchtigen. Drittens innerhalb der westlichen Bündnisse selbst, die ihre begrenzten Luftverteidigungs‑ und Seeziel‑Mittel nun zwischen Ukraine, Nahost und potenziellen Nebenfronten aufteilen müssen.

Damit ist Europa gleichzeitig materiell (Munitionsproduktion, Flottenpräsenz, SLOC‑Sicherung) und normativ (Völkerrecht, Umgang mit US‑Führung) gefordert. Die alte Arbeitsteilung – Amerika führt, Europa flankiert und beruft sich auf Regeln – trägt nicht mehr. Ob es gelingt, aus dieser Krise eine neue Balance zwischen maritimer Hard Power, wirtschaftlicher Resilienz und normativer Glaubwürdigkeit zu formen, entscheidet mit darüber, ob der „Vierte Golfkrieg“ am Ende als punktuelle Machtdemonstration oder als Katalysator einer veränderten Welt‑ und Seeraumordnung in die Geschichte eingehen wird.

Hans Uwe Mergener