Gerade ein halbes Jahr nach dem Ende von Quadriga 2025 hat bereits die diesjährige Ausgabe des Übungsclusters begonnen. Die Bundeswehr selbst spricht nicht mehr von reinen Übungen, sondern „einsatznahen Operationen“. Ein besonderer Schwerpunkt ist der Anteil Medic Quadriga, bei dem ein Massenanfall von Verwundeten in Litauen, ihr Transport nach Deutschland und ihre Verteilung auf inländische Krankenhäuser in Zusammenarbeit mit zivilen Hilfsorganisationen durchgespielt wird.
Als „Hub“ dafür dient das Expo-Center Airport am Flughafen BER. Wo in wenigen Monaten wieder die zweijährliche internationale Luftfahrtausstellung ILA stattfindet, empfangen Sanitätskräfte der Bundeswehr, des Deutschen Roten Kreuzes, der Johanniter Unfallhilfe, des Malteser Hilfsdienstes und weiterer Organisationen jetzt 200 Übungsverwundete, bewerten ihren Zustand und veranlassen ihren Weitertransport in Berliner und Brandenburger Krankenhäuser. Insgesamt sind hier und in Litauen 1.400 Kräfte beteiligt.

MEDEVAC-Airbus wegen Lage in Nahost abgezogen
Eigentlich sollte tatsächlich ein MEDEVAC-Airbus für den Flug aus dem Baltikum eingesetzt werden, wo das Sanitätsbataillon 45 am Anfang der Rettungskette steht. Wegen der Situation in der Nahostregion nach dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran wurde dieser allerdings kurzfristig für mögliche echte Missionen in Alarmbereitschaft versetzt. Jetzt „poppen“ die Übungsverwundeten draußen vor der Messehalle auf, in der zehn Zeltstationen eingerichtet worden sind.
Auf dem Flughafen-Vorfeld steht allerdings eine A400M, mit der die Übergabe von Patienten an zivile Krankenwagen geübt wird. Diese fahren sie wiederum ein paar hundert Meter weiter zu wartenden Rettungshubschraubern für den Weitertransport. Die DRF und ADAC Luftrettung sowie das Bundesinnenministerium haben fünf Maschinen der Typen EC 135 und H145 für Medic Quadriga zusammengezogen. Das Übungsgeschehen endet erst in den Notaufnahmen der Krankenhäuser.

Im Ernstfall bis zu 1.000 Verwundete pro Tag
Für die hohe Patientenzahl wurde eigens das digitale Berliner Rettungsleitsystem umprogrammiert. Im Ernstfall wäre deutschlandweit mit dem Eintreffen von bis zu 1.000 Verwundeten zu rechnen – pro Tag. Die Frage, wann die Aufnahmekapazität der Krankenhäuser erschöpft wäre, spielt bei der Übung keine Rolle. Die Teilnehmer konzentrieren sich darauf, was bei den bestehenden Verfahren funktioniert und was nicht. Nach zwei Tagen gebe es da schon erheblichen Erkenntnisgewinn, heißt es aus der Leitung.
In der Halle werden die Übungsverwundeten durch zwei Zelte am Tor eingeschleust und dann zur Bewertung ihres Zustands und der Dringlichkeit von Weitertransport und Behandlung auf die übrigen Stationen verteilt. Die zivilen Organisationen arbeiten bei dieser Triage üblicherweise mit den Farbcodes Rot, Gelb und Grün, während in der NATO die Stufen T1 bis T4 verwendet werden. Da Patienten im Ernstfall auch in andere Länder weiterverlegt werden könnten, wird hier einheitlich das NATO-System genutzt.

Auch Eigensicherung ist Thema bei Medic Quadriga
Noch werden bei der Übung weitgehend herkömmliche Methoden wie Laufzettel zur Dokumentation verwendet. Beobachter der verschiedenen Organisationen mit Klemmbrettern verfolgen die Abläufe. In einer Nachbarhalle stellen verschiedene Anbieter moderne technische Lösungen vom unbemannten Bodenfahrzeug für den Verwundetentransport bis zur digitalen Rettungskette vor. Draußen präsentiert neben dem Sanitätsdienst der gesamte Unterstützungsbereich der Bundeswehr Fahrzeuge und anderes Gerät.
Künftig sollen auch wieder wie im Kalten Krieg Lazarettzüge für den Bahntransport zur Verfügung stehen. Das Gelände am Flughafen BER, der auch über einen Bahnanschluss verfügt, ist mit seinen großen Hallen auch deswegen ein idealer „Hub“. Allerdings macht man sich auch Gedanken über den Eigenschutz. In der Ukraine greifen russische Streitkräfte gezielt Sanitätseinrichtungen an. Bei Medic Quadriga gibt es ein Drohnenabwehrsystem, Soldaten des Wachbataillons und der Heimatschutzdivision sichern das Gelände.

Künftig privilegierte Zusammenarbeit der Organisationen
Kurzfristig hat sich zum Abschlusstag der Übung auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius angesagt. Zusammen mit der Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Ina Czyborra, dem Befehlshaber des Unterstützungskommandos Generalleutnant Gerald Funke, dessen Stellvertreter und Befehlshaber des Sanitätsdienstes Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann und dessen Stellvertreterin Generalstabsarzt Almut Nolte lässt er sich über das Geschehen informieren.
Am Nachmittag unterzeichnet Generalarzt Hoffmann mit Oliver Meermann, Mitglied des Bundesvorstands der Johanniter-Unfallhilfe, und Albrecht Prinz von Croy, Vizepräsident des Malteser Hilfsdienstes, noch eine Vereinbarung über eine privilegierten Partnerschaft zur Vertiefung ihrer wechselseitigen Unterstützung. Dazu sollen öffentlich-rechtliche Verträge zwischen ihnen abgeschlossen werden, in denen etwa Verwendungsauftrag und Verhaltensregeln bei der Unterstützung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr festgelegt werden.

Stefan Axel Boes








