Auf der ersten ordentlichen Hauptversammlung charakterisierte CEO Oliver Burkhard die nunmehr eigenständige, börsennotierte TKMS AG & Co. KGaA als ein Unternehmen, das sich in kurzer Zeit strategisch, organisatorisch und industriell neu aufgestellt habe. Nun gehe es darum, dieses Fundament in Wachstum, Leistung und Innovation zu übersetzen („Unleashing the Maritime Powerhouse“). Angesichts eines Rekordauftragsbestands, zweistelligem Wachstum und einer EBIT‑Marge von sechs Prozent solle die operative Entfaltung gelingen.

Die Luftaufnahme zeigt das Betriebsgelände von TKMS und GNYK mit den jeweiligen Fertigungsstätten. Im Bereich des Überwasserschiffbaus bietet das große Baudock erhebliche Fertigungskapazität für den schnellen Zulauf der künftigen Fregatten der Klasse F128, F127 und F126. (Foto: Michael Nitz / Naval Press Service)

Rekordaufträge und Margenziele

In der Erörterung der wirtschaftlichen Kennzahlen verwies Burkhard auf den historisch hohen Auftragsbestand. Ende Q1 des Geschäftsjahres 2025/26 lägen Aufträge in Höhe von 18,7 Milliarden Euro vor. Für das abgelaufene Jahr nannte er einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro (ein Plus von knapp 10 Prozent) und eine EBIT‑Marge von sechs Prozent. Im Verlauf der Hauptversammlung wurden die Erwartungen an das laufende Geschäftsjahr 2025/26 beziffert: Umsatzwachstum von 2–5 Prozent gegenüber dem Vorjahr sowie eine bereinigte EBIT‑Marge von über 6 Prozent (mittelfristig 7 Prozent). Angestrebt wird eine Dividendenlinie von 30-50 Prozent des Konzernüberschusses (berechnet nach IFRS-Standards). Bedingung sei eine Deckung durch freien Cashflow. Die erste Dividende soll für das laufende Geschäftsjahr gezahlt werden, Auszahlung damit im Jahr 2027.

Aus der Diskussion ergaben sich weitere Kennzahlen: 74,38 Prozent des Grundkapitals waren auf der virtuellen Hauptversammlung vertreten. Das entspricht 47.249.688 Aktien. Die Aktionärsstruktur wurde mit 51 Prozent thyssenkrupp AG, 10 Prozent Alfried Krupp von Bohlen und Halbach‑Stiftung und 39 Prozent Streubesitz angegeben.

Das für eine diesjährige Ablieferung vorgesehene israelische U-Boot INS Drakon in der Endausrüstung bei TKMS. Zum Zeitpunkt der Aufnahme firmierte TKMS noch als thyssenkrupp Marine Systems mit entsprechender Namensführung am Portalkran. (Foto: Michael Nitz / Naval Press Service)

Wismar: Hebel und Risiko zugleich

Industrieseitig stellte Burkhard den Ausbau der Produktion heraus. Wismar, der ehemalige Kreuzschiffbau-Standort, werde als High‑Tech‑Standort für U‑Boote, Fregatten und Spezialschiffe aufgebaut und künftig die parallele Abwicklung mehrerer Großprogramme ermöglichen. Burkhard sprach von einer „Hybrid‑Werft“. In der Diskussion wurden Eckdaten genannt: Investitionen von rund 200 Millionen Euro, perspektivisch bis zu 1.500 Arbeitsplätze bis Ende 2029. In der Diskussion wurde der Ausbau Wismars als ‚vollständig finanziert und durch die öffentliche Hand vorfinanziert‘ beschrieben. Details zu Fördermix, Anzahlungen, Bürgschaften blieben offen. Zum Kapazitätsausbau gehört auch die in der Aussprache auf Nachfrage gemachte Bestätigung, gegenüber German Naval Yards ein nicht bindendes Angebot abgegeben zu haben. Die Gespräche würden ‚ergebnisoffen‘ weitergeführt.

Wiederholt wurde in der Diskussion betont, dass der Vorstand (ohne Zeitdruck!) eine Verlegung des Gesellschaftssitzes von Essen nach Norddeutschland prüfe.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme des in Bau befindlichen U-Bootes RSS Impeccable für die Republic of Singapore Navy firmierte TKMS noch als thyssenkrupp Marine Systems mit entsprechender Namensführung am Portalkran. Im Hintergrund ist die von TKMS 2021 an die Israeli Navy abgelieferte Korvette INS Nitzachon erkennbar. (Foto: Michael Nitz / Naval Press Service)

Personal

Zur Personalsituation verwies der Vorstand, ohne eine konsolidierte Beschäftigtenentwicklung vorzustellen, auf rund 40.000 Bewerbungen im Geschäftsjahr 2024/25. Die Abgangsfluktuation läge in Deutschland bei 4,6 Prozent, ein für die Industrie vergleichsweise niedriger Wert. Anmerkung: Branchenstudien zeigen, dass die Industrie signifikant niedrigere Fluktuationswerte aufweist als andere Sektoren. Für Industrieunternehmen in Deutschland liegen vergleichbare Abgangsquoten typischerweise im Bereich von ca. 4–6 Prozent, im Handel und bei Dienstleistungen sind Werte um 15–25 Prozent üblich.

Programme zuhause und im Ausland

Programmatisch stellte Burkhard Deutschland, Kanada und Indien in den Mittelpunkt. Für die Deutsche Marine betonte er die Programme F127 und MEKO A200 (die künftige Bezeichnung F128) und verwies auf den kürzlich geschlossenen Vorvertrag. TKMS sei zwar nicht am F126‑Bau beteiligt, befinde sich jedoch „auf der Überholspur“ zur F127. In der Diskussion wurde die Auslieferung des ersten F128‑Schiffes bis Ende 2029 in Aussicht gestellt. Für Kanada sprach Burkhard von einem dynamischen Wettbewerb und erwartete eine Entscheidung „in diesem Jahr“. Mit Indien befinde man sich in finalen Vertragsverhandlungen.

Das U‑Boot‑Programm 212CD bildet weiterhin das Rückgrat des Auftragsbestands. Produktionsbeginn war 2023 in Kiel, die erste Auslieferung an Norwegen ist für 2029 vorgesehen, das erste deutsche Boot für die frühen 2030er Jahre.

Der neue TKMS-U-Bootbaukomplex zur Wasserseite vereint modernste U-Boot-Fertigungsbereiche mit dem Sitz der Geschäftsführung und des Vorstandes sowie einem Veranstaltungsbereich. (Foto: Michael Nitz / Naval Press Service)

KI und Transrapid-Erbe

Hinsichtlich Technologie und Innovation adressierte Burkhard softwaredefinierte Systeme, KI‑gestützte Sensorauswertung, autonome Systeme und Multi‑Domain‑Integration. Genannt wurde unter anderem taktische KI zur Koordination bemannter und unbemannter Systeme sowie autonome Unterwasserfahrzeuge wie „BlueWhale“. Zudem werde das Portfolio durch die Integration der ehemaligen Transrapid‑Gesellschaft erweitert; auf Basis des bestehenden KI‑Hubs in München solle die KI‑Kompetenz gestärkt werden.

Insgesamt steht die Entwicklung zum integrierten Systemhaus im Zentrum der Bemühungen des Vorstands. Mit der vollständigen Integration von ATLAS ELEKTRONIK solle TKMS Plattformen, Elektronik, Software und Systemintegration „aus einer Hand“ anbieten und Unter‑/Überwasser, bemannte und unbemannte Systeme sowie Führung und Wirkung in einem gemeinsamen Verbund zusammenführen.

Die Beschlussfassungen erfolgten mit sehr hohen Zustimmungswerten; Vorstand und Aufsichtsrat wurden jeweils mit rund 98 Prozent entlastet.

Die neue TKMS-U-Bootbauhalle in Kiel hat ein Höhenmaß von 40 Metern und ein Längenmaß von 200 Metern und gehört zu den größten U-Bootbauhallen Europas. Ihre Errichtung hat zwischen 2021 und 2023 stattgefunden. Für die Umsetzung hat TKMS EUR 250 Millionen in den Kieler Standort investiert. (Foto: Michael Nitz / Naval Press Service)

Kapitalmarktstory vs. Lieferfähigkeit

Burkhards Rede setzte klare Akzente auf Systemintegration, Software‑ und KI‑Fähigkeiten sowie den Ausbau industrieller Kapazitäten. Gleichzeitig blieben zentrale Fragen der Lieferfähigkeit, der industriellen Reife und der Parallelisierung mehrerer Großprogramme weitgehend unbeantwortet.

Für die Deutsche Marine entsteht damit ein Spannungsfeld zwischen ambitionierter strategischer Positionierung und bislang nur begrenzt transparenter Umsetzung. Für sie ist die entscheidende Währung nicht die Größe des Auftragsbuchs, sondern belastbare Lieferfähigkeit: terminierte Zuläufe, stabile Qualität, beherrschte Systemintegration und dauerhaft hohe Verfügbarkeit im Betrieb. Burkhards Argumentation adressiert diese Erwartung, indem er das integrierte „Systemhaus“ und industrielle Skalierung – insbesondere über den Standort Wismar – in den Mittelpunkt stellt. Genau dort konzentrieren sich jedoch auch die größten Risiken.

Wismar als Belastungsprobe

Erstens ist die Positionierung Wismars als Hybrid‑Werft ein mehrjähriger Reifeprozess. Die Erwartung, mehrere große Programme parallel zu bedienen, birgt ein klassisches Programm‑Stacking‑Risiko: Engpässe verlagern sich erfahrungsgemäß vom Rumpfbau in Ausrüstung, Integration, Test und Abnahme. Der in der Diskussion genannte Zieltermin „erstes Schiff bis Ende 2029“ für die MEKO‑A200/F128‑Linie markiert den Maßstab, an dem sich diese Werftrealität messen lassen wird. Gerade der Integrationsanteil moderner Fregatten in späten Projektphasen ist besonders terminkritisch.

Schlüsselressource Personal

Zweitens ist Personal ein begrenzender Faktor, der sich nicht allein über Kopfzahlen abbilden lässt. Die hohe Zahl an Bewerbungen und eine niedrige Abgangsfluktuation sprechen für Attraktivität und Bindung. Das ist für einen Werftenhochlauf grundsätzlich positiv. Entscheidend ist jedoch die Verfügbarkeit spezifischer Schlüsselprofile – etwa im Systemengineering, in Software und IT, in Produktionsplanung, Konfigurationsmanagement sowie im Prüf‑ und Abnahmeingenieurwesen. Genau in diesen Funktionen entscheidet sich, ob die „aus einer Hand“-Erzählung in Termin‑ und Qualitätsstabilität übersetzt werden kann.

Exportregime und Zeit

Drittens wirkt die politische und administrative Zeitachse direkt auf die industrielle Lieferfähigkeit. Wenn – wie in der Diskussion benannt – rund die Hälfte der relevanten Umsätze exportgenehmigungspflichtig ist und Genehmigungsprozesse sechs bis acht Monate dauern, beeinflusst dies Vertragszeitpunkte, Zulieferdisposition und Programmplanung. Aus Marineperspektive ist das kein Randthema der Compliance, sondern ein struktureller Faktor für Planbarkeit.

KI-Hub

Initiativen wie der KI‑Hub in München unterstreichen den Anspruch von TKMS, Digitalisierung systematisch in Betrieb, Instandhaltung und Produktion zu überführen. Ob daraus kurzfristig messbare Effekte für Verfügbarkeit und Lieferfähigkeit entstehen, blieb auf der Hauptversammlung offen. Die Einbindung von Kompetenzen aus anderen Großprojekten, etwa aus der Transrapid‑Systemtechnik, kann hierfür ein Enabler sein, ersetzt jedoch nicht den Nachweis industrieller Reife im laufenden Programmgeschäft.

Kapazitätsausbau als Konsolidierungschance?

Die beiläufige Bemerkung über ein nicht bindendes Angebot an German Naval Yards kann als ein Kapitel zur Struktur der deutschen Werftenlandschaft gewertet werden. Eine weitere Konsolidierungsstufe im Marineschiffbau scheint sich ‚an der Kimm‘ abzuzeichnen. Für TKMS mit potenziellen Folgen für Kapazitäten, Arbeitsteilung und politische Flankierung künftiger Marineprojekte. Neben Rheinmetall mag auch TKMS in die Rolle eines Konsolidierers schlüpfen. Wie tragfähig diese Rolle ist, wird sich daran messen, ob und wie das Unternehmen seine eigenen Kapazitäten und Programme zunächst stabil in den Griff bekommt.

Überlegungen zu einem eventuellen Standortwechsel des Gesellschaftssitzes illustrieren die mögliche strategische Schwerpunktverlagerung des Unternehmens hin zu seinen operativen Kernstandorten im Norden.

TKMS-Familycard unter Wert gespielt

Im Auslandsgeschäft wird sichtbar, dass TKMS mehr anbietet als Plattformen. Mit U212CD erhält Ottawa nicht nur Plattformen, sondern den Eintritt in eine bestehende U-Bootfamilie mit gemeinsamem Lebenszyklusmanagement, Ausbildung und Logistikverbund von Deutschland und Norwegen. Perspektivisch andockbar an die U212‑Kooperationslogik mit Italien. Und ergänzt werden um Erfahrungen aus anderen HDW‑U‑Boot‑Programmen, etwa in Portugal, ohne dass diese Programme Teil der eigentlichen Betreiber‑ und Lebenszyklusfamilie sind.

Dieses ‚Familienangebot‘ adressiert jene Sustainment‑Risiken, auf die die kanadische Marine nach den Victoria‑Class‑Erfahrungen schielt. Was von TKMS im Kapitalmarktdiskurs weniger prominent platziert wird als Auftragsvolumen, Margenziele und Wachstumsstory.

Fazit

TKMS hat den strategischen Anspruch formuliert. Das Unternehmen will mit integrierter Systemkompetenz und industrieller Skalierung schneller liefern. Letztendlich werden Kunden (und Aktionäre) an Engineering‑Reifegraden, Integrationsfortschritt, Abnahmefähigkeit messen. An der tatsächlichen Fähigkeit, mehrere Programme parallel zu bauen, ohne Risiken in späte Projektphasen zu verschieben.

Ob aus dem „Maritime Powerhouse“ auch ein verlässlich lieferfähiges Industrieunternehmen wird, entscheidet sich nicht auf der Hauptversammlung, sondern in den Werften, den Programmen – und entlang der Lieferkette.

Hans Uwe Mergener