Nach langen politischen Auseinandersetzungen kann die Bundeswehr jetzt erstmals Kampfdrohnen bestellen. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat in seiner Sitzung am 25. Februar den Abschluss von zwei Sieben-Jahres-Rahmenverträgen mit einem Gesamtvolumen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro gebilligt, mit denen bei zwei Herstellern zunächst insgesamt 6.500 Loitering Munition Systeme (LMS) bestellt werden dürfen. In einem ersten Abruf soll Helsing Germany 4.300 LMS für rund 270 Millionen Euro liefern. Ebenfalls rund 270 Millionen Euro ist der Auftragswert für SKD SE (Stark), die 2.200 LMS liefern sollen.
Nur selten entscheidet der Ausschuss gleichzeitig über zwei 25-Millionen-Euro-Vorlagen, mit denen eine Fähigkeitslücke geschlossen werden soll.

LMS für die Panzerbrigade 45
Die Panzerbrigade 45 in Litauen soll bis 2027 einen Aufklärungs- und Wirkverbund mit einem LMS-Anteil herstellen. Dadurch ist Zeitdruck entstanden, dem das BMVg mit einem neuen Verfahren Rechnung tragen will. Wichtige Meilensteine wie die Produktanpassung, erste Truppentests und Ausbildungen werden nicht nacheinander durchgeführt, sondern laufen parallel, was erhebliche Zeitgewinne ermöglicht, schreibt das BMVg. Die Machbarkeit sei in Qualifizierungs- und Testverfahren nachgewiesen. Abbruchmeilensteine im Vertrag erlauben den einseitigen Rücktritt, wenn die Qualifikation nicht erbracht wird. Innovationsklauseln verpflichten die Unternehmen zur Weiterentwicklung.
Billigung unter Auflagen
Den Rahmenverträgen hat der Ausschuss allerdings nur unter Auflagen zugestimmt. In einem Maßgabebeschluß wurden die Auftragswerte beider Verträge auf jeweils einen Milliarde Euro begrenzt. Ein Überschreiten ist nach aktualisierter Bedarfsbegründung, Marktanalyse, Preisprüfung sowie Leistungsnachweis, möglich, wenn der Haushaltsausschuss dies gebilligt hat. Weiteren Abrufe aus den Verträgen will der Ausschuss nur zustimmen, wenn der Nachweis der abgeschlossenen Qualifikation und Serienreife vorliegt. Zudem wurde das BMVg zu umfangreichen Sachstandsberichten verpflichtet, die unter anderem über Qualifikations- und Serienreifezustand und Wettbewerbssituation informieren.
Bis Ende September soll die Qualifikation der LMS abgeschlossen sein.
Loitering Munition Systeme
Loitering Munition Systeme sind eine Ergänzung des indirekten Feuers mit Reichweiten bis 100 Kilometer. Die mit einem Gefechtskopf beladenen Drohnen fliegen ins Zielgebiet und können dort kreisen, bis der Bediener die Bekämpfung auslöst. Die Systeme werden als Einsatzsets geliefert, die aus 50 (Helsing) beziehungsweise 20 (Stark) Fluggeräten, einer Bodenkontrollstation und einem Ersatzteilpaket bestehen.
Die Loitering Munition selbst setzt sich zusammen aus dem Flugkörper inklusive Sensorik und Avionik, einer Batterie und einem Lethal Package mit Gefechtskopf und Zünder. In der Bodenkontrollstation finden sich eine Bedieneinheit, ein Laptop, die Energieversorgung, eine Kommunikationseinheit mit Antenne, die Startvorrichtung (nur Helsing) und vier Batterieladegeräte. Zusätzlich zu den LMS sind Simulationssystem und Dummy-Gefechtsköpfe zu liefern, mit denen eine Ausbildung ohne Verwendung der Original-LMS möglich ist.
Virtus und HX-2
Stark liefert den One-Way-Effektor Virtus, der für schnelles, präzises und flexibles Wirken auf dem Gefechtsfeld entwickelt wurde. Er kombiniert robuste Hardware mit KI-unterstützter Software, um autonome Zielerkennung, -verfolgung und -bekämpfung auch in komplexen oder elektronisch gestörten Umgebungen zu ermöglichen. Der Antrieb erfolgt über vier elektrisch angetriebene Propeller an den Flügelspitzen. Die Drohne kann autonom navigieren, Ziele identifizieren und Angriffe durchführen, gesteuert über Starks C2-Software Minerva, die auch Schwarm- oder Verbundoperationen mit ISR-Drohnen ermöglicht.
Die Kampfdrohne HX-2, die Helsing liefert, ist speziell für präzise, autonome Angriffe auf taktische Ziele entwickelt worden. KI-gestützte autonome Navigation, hohe EW-Resilienz und hohe Reichweite ermöglichen effektive Wirkung auch in komplexen und elektronisch umkämpften Umgebungen. Der Start der elektrisch angetriebenen Drohne erfolgt über eine Rampe. Am Heck treiben vier Propeller das Fluggerät an. Geführt wird die Drohne über die integrierte Altra Recce-Strike Softwareplattform von Helsing. Die Software ermöglicht die skalierte Koordination einer großen Anzahl von HX-2 Drohnen im Schwarm, integriert mit ISR- und Artilleriesystemen sowie existierender Gefechtsmanagementsoftware.
FV-014
In den Startlöchern steht Rheinmetall. An den bisher bekanntgewordenen Untersuchungen der Bundeswehr hat das Unternehmen nicht teilgenommen. Beobachter erwarten jedoch, dass das kürzlich vorgestellte LMS FV-014 in die Beschaffungen einbezogen wird.
FV-014 ist ein LMS in der 20-Kilogramm-Klasse und ausgelegt für dynamischen Gefechtsfeldeinsatz auf Entfernungen bis 100 Kilometer. Sensorik, Netzwerkfähigkeit und GNSS-unabhängige Navigation und nicht zuletzt der fünf-Kilogramm-Gefechtskopf führen zu hoher Wirksamkeit gegen gepanzerte und ungepanzerte Ziele. Das klassische Flügelkonzept mit elektrischem Heckantrieb mit einem Propeller und facettierten Strukturen reduziert Signaturen zu reduzieren und ermöglicht hohe Anfluggeschwindigkeiten in den Zielraum.
Technische Daten im Vergleich
| Virtus | HX-2 | FV014 | |
| Hersteller | Stark Defence | Helsing | Rheinmetall |
| Start | VTOL | Container | Container |
| Startgewicht | 30 kg | 12 kg | 20 kg |
| Max. Geschwindigkeit | 250 km/h | 120 km/ (Cruise) 250 km/h (Angriff) |
k.a. |
| Reichweite | Bis 130 km | Bis 100 km | Bis 100 km |
| Flugdauer | 90 min | 60 min | 70 min |
| Navigation | GNSS-unabhängig schwarmfähig |
KI-unterstützt, autonom | GNSS-unabhängig schwarmfähig |
| Gefechtskopf | 5 kg | 4,5 kg – 5 kg | 5 kg |
Lieferungen
Da die Angebotsbindefrist am 28. Februar abläuft, ist mit Abschluss der Verträge demnächst zu rechnen. Stark soll erste Systeme bereits zwei Monate nach Vertragsschluss liefern. Der Lieferzeitraum ist auf etwas mehr als zwei Jahre (bis 2028) angelegt. Helsing soll mit der Lieferung im dritten Quartal 2026 beginnen. Das letzte Einsatzset wird 2027 erwartet.
Gerhard Heiming
















