Fünf Monate früher als geplant kommt das neue Offshore Patrol Vessel „Rajah Sulayman“ und steht für einen Kurswechsel Manilas: weg von reiner Küstensicherung, hin zu Abschreckung im Südchinesischen Meer. Im 35-Milliarden-US-Dollar-Programm „Re-Horizon 3“ wird Flottenaufbau zur direkten Antwort auf Chinas Schiffbau-Tempo und den wachsenden Druck im Indopazifik.
Die maritimen Machtverhältnisse im Indopazifik sind dynamischer denn je. Während Spannungen in der Region zunehmen, bemühen sich Anrainerstaaten intensiv um die Modernisierung ihrer Seestreitkräfte. Ein aktuelles Beispiel für diese Dynamik ist die vorgezogene Auslieferung eines neuen Patrouillenschiffs an die philippinische Marine durch den südkoreanischen Schiffbaugiganten HD Hyundai Heavy Industries (HHI). Das Unternehmen gab am 23. Februar bekannt, das Offshore Patrol Vessel (OPV) „Rajah Sulayman“ fünf Monate vor dem ursprünglich vereinbarten Termin an die philippinische Marine übergeben zu haben.
Das 2.400 Tonnen schwere Schiff ist die erste von insgesamt sechs Einheiten, die HHI für die Philippinen fertigt. Technologisch stellt die „Rajah Sulayman“ eine signifikante Aufwertung für die Inselnation dar. Zu diesem technologischen Sprung tragen auch mehrere europäische Teilsysteme bei. Die Ursprünge dieser neuen Offshore Patrol Vessels gehen auf die „Horizon 2“-Phase des philippinischen Modernisierungsprogramms zurück. Bereits im Juni 2018 billigte der damalige Präsident Rodrigo Duterte das Beschaffungsvorhaben mit einem Budget von umgerechnet rund 555 Millionen US-Dollar.

Konzeption und Bewaffnung der neuen Schiffsklasse
Ausgestattet mit einem Kongsberg Kamewa Verstellpropellersystem, modernen Hensoldt Mk11 SharpEye Navigationsradaren und dem integrierten Navigationssystem Synapsis NX von Anschütz, ist das Schiff für komplexe maritime Operationen ausgelegt. Die taktische Führungsebene wird durch ein Combat Management System von Hanwha Systems sowie das optronische Feuerleitsystem PASEO XLR von Safran abgerundet. Ergänzt durch das gezogene aktive und passive Sonarsystem TRAPS von GeoSpectrum, befähigt die Sensorik das Schiff sowohl zur Überwachung der Wasseroberfläche als auch zur U-Boot-Abwehr bei der maritimen Grenzsicherung.
Bei der Konzeptionierung nutzte eine technische Arbeitsgruppe die wertvollen Erfahrungen, die die Marine zuvor beim Bau der Fregatten der „Jose Rizal“-Klasse gesammelt hatte. Im direkten Vergleich zu diesen Fregatten oder schwereren Korvetten sind die neuen Einheiten jedoch bewusst kleiner und weniger stark ausgerüstet, da sie primär für Friedensmissionen sowie maritime Konflikte von niedriger bis mittlerer Intensität vorgesehen sind.
Zur weiteren geforderten Sensorausstattung gehörten ein 2D-Luft- und Oberflächensuchradar, ein sekundäres Navigationsradar, Feuerleitradar sowie elektro-optische Zielerfassungssysteme und Anlagen zur elektronischen Kampfführung. Auffällig an den frühen Planungen war der anfängliche Verzicht auf ein Sonarsystem, was im späteren Verlauf durch die Integration des TRAPS-Systems korrigiert wurde. Die kinetische Bewaffnung der Schiffe stützt sich auf ein schnelles Oto Melara 76-Millimeter-Schiffsgeschütz vom Typ Super Rapid als Hauptwaffe. Ergänzt wird diese Feuerkraft durch zwei 30-Millimeter-Sekundärgeschütze sowie zwei manuell bedienbare schwere 12,7-Millimeter-Maschinengewehre, die eine angemessene Reaktionsfähigkeit bei asymmetrischen Bedrohungen auf See gewährleisten.

Das „Re-Horizon 3“ Modernisierungsprogramm
Die Beschaffung der „Rajah Sulayman“ ist Teil einer weitaus größeren strategischen Neuausrichtung Manilas. Im Rahmen des „Re-Horizon 3“ Modernisierungsprogramms investieren die Philippinen über das nächste Jahrzehnt hinweg rund 35 Milliarden US-Dollar in ihre Streitkräfte. Ursprünglich in drei Fünfjahresphasen gegliedert, zielt das Programm darauf ab, den Fokus der Streitkräfte von der inneren Sicherheit auf Verteidigung und Abschreckung zu verlagern.
In der Vergangenheit führten budgetäre Engpässe häufig dazu, dass die philippinische Regierung bei der Beschaffung komplexer Waffensysteme nicht auf traditionelle US-amerikanische Lieferanten, sondern auf kosteneffizientere Partner wie Südkorea, Israel oder europäische Staaten zurückgriff. Um die eigene Abhängigkeit von Rüstungsimporten langfristig zu reduzieren, unterzeichnete die philippinische Regierung im Oktober 2024 den sogenannten Self-Reliant Defense Posture Revitalization Act. Dieses Gesetz soll den Grundstein für eine eigenständige Verteidigungsindustrie legen, auch wenn bisherige geplante Beschaffungen des Re-Horizon 3 Programmes hauptsächlich amerikanische Systeme wie die F-16, FA-50 und S-70 Black Hawk umfassen.

Chinas Schiffsbau: Die zivil-militärische Fusion
Der drängende Bedarf der Philippinen nach einer schnellen Flottenmodernisierung lässt sich nur vor dem Hintergrund der maritimen Ambitionen der Volksrepublik China vollumfänglich verstehen. Neben sich wiederholenden Provokationen und Zusammenstößen der philippinischen Küstenwache mit „maritimen Milizen“ Chinas, sind die breiteren industriepolitischen Entwicklungen ebenso relevant.
Denn China baut seine Marine in einer beispiellosen Geschwindigkeit aus. Aktuell sichern sich chinesische Werften über 60 Prozent der weltweiten zivilen Schiffsbauaufträge. Diese immense industrielle Basis verleiht dem Land eine Schiffbaukapazität, vom International Institute of Strategic Studies auf etwa das 200-fache der Vereinigten Staaten geschätzt wird.
Die chinesische Führung forciert dabei gezielt Dual-Use Mechanismen beim Bau von Fähren und Schiffen. In gigantischen Werften wie beispielsweise in Dalian werden kommerzielle Frachter und hochmoderne Kriegsschiffe oftmals in unmittelbarer Nachbarschaft gefertigt. Allein zwischen 2019 und 2023 produzierten die vier größten chinesischen Werften 39 Kriegsschiffe mit einer Gesamtverdrängung von 550.000 Tonnen. Diese nahtlose Integration von ziviler und militärischer Produktion ermöglicht es der Marine der Volksbefreiungsarmee (PLAN), in Krisenzeiten enorm schnell auf Ressourcen zuzugreifen und ihre Flotte mit einer Kadenz zu erweitern. Neben dem Bau von Großkampfschiffen für die PLAN werden jedoch auch zivile Fähren nach militärischen Standards gebaut, um sie im Ernstfall auch für militärische Zwecke operativ nutzbar zu machen. Besonders bei möglichen Invasionsszenarien um Taiwan können diese aktuell kommerziell genutzten Schiffe eine effiziente und kostengünstige Logistikrolle einnehmen.
Herausforderung für die US Navy
Für die Vereinigten Staaten stellt diese Entwicklung ein massives strategisches Problem dar. Zwar verfügt die US Navy hinsichtlich der Tonnage, der Anzahl an großen Flugzeugträgern und der technologischen Reife bei U-Booten nach wie vor über qualitative Vorteile, doch die Lücke schließt sich rapide. Die US-amerikanischen Schiffbaukapazitäten sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geschrumpft, was die zeitgerechte Instandhaltung und Neubeschaffung von Kriegsschiffen erschwert. In diesem Zusammenhang scheint die besonders die neu angekündigte Trump-Klasse mehr als kontraproduktiv.
In einem möglichen asymmetrischen Konflikt oder einem langwierigen Abnutzungskrieg im Pazifik ist die Fähigkeit, schnell neue Schiffe zu bauen und beschädigte Einheiten zu reparieren, ein entscheidender Faktor. Während Peking kontinuierlich Kriegsschiffe zu Wasser lässt und seine Präsenz im Südchinesischen Meer und darüber hinaus festigt, suchen die USA und ihre regionalen Verbündeten wie die Philippinen fieberhaft nach Wegen, um dem Vorsprung Chinas eine effektive und vernetzte Abschreckung entgegenzusetzen. Die nun erfolgte vorgezogene Auslieferung des OPV ist daher ein wichtiges Signal für die Außenwirkung Philippinen, auch wenn es vom großen nördlichen Nachbarn scheinbar in den Schatten gestellt wird.
Jannis Düngemann
















