In Tel Aviv wächst die Anspannung vor einem möglichen neuen Krieg mit Iran. Beobachter spekulieren über ein enges Zeitfenster, während die USA Kräfte in die Region verlegen. In Israel setzt man auf Genf als letzte Bremse und rechnet dennoch mit dem Ernstfall. Werner Sonne berichtet für ES&T aus Tel Aviv.

Ein Abendessen in Tel Aviv, die Gastgeberin berichtet von dem iranischen Raketenangriff auf ihre Familie. Eine Rakete schlug vor dem Haus ihrer Tochter ein, die Druckwelle zerstörte ihr Apartment. Sie überlebte, wie auch ihr Kind, weil sie sich in einem geschützten Raum aufgehalten hatte. Solche Shelter gibt überall, jeder Israeli weiß, wohin er flüchten muss, wenn der Alarm ertönt.

Schutzräume gehören zur Routine

Die Spuren des zwölftägigen Schlagabtauschs im Juni 2025 mit dem Iran sind noch zu sehen. Gleich neben dem Verteidigungsministerium schlug ebenfalls eine Rakete in ein Hochhaus ein, die schwarzen Spuren an der Fassade sind noch da.

Nicht weit davon hat vor einigen Tagen eine Batterie des Iron Dome-Abwehrsystems in einem kleinen Park Stellung bezogen. Die Gespräche der Menschen drehen sich um die drohende Gefahr eines neuerlichen Raketenangriffs aus dem Iran. Sie wissen, dass ihr Militär sich darauf vorbereitet, aber sie wissen auch, dass beim letzten Mal rund 85 Prozent der Geschosse abgewehrt wurden. Aber 15 Prozent eben nicht, und das waren viele, die zum Teil schwerste Schäden verursacht haben. 29 Israelis wurden dabei getötet.

Spuren des Juni 2025 sind noch sichtbar

Westliche Militärbeobachter zucken mit den Schultern. Auch sie wissen es nicht. Sonst gut informierte israelische Medienleute rätseln ebenfalls, verweisen aber darauf, dass hohe amerikanische Generale bei einem kürzlichen Besuch betont hätten, das US-Militär sei noch nicht so weit. Man brauche noch etwa zwei Wochen. Das stimmt mit der Ankunft des weiteren US-Flugzeugträgers Gerald R. Ford überein, der von der Küste Venezuelas Richtung Naher Osten beordert wurde, um dort die gewaltige Streitmacht aus Schiffen und Kampfflugzeugen zu verstärken.

Die Zeitung Haaretz berichtete am Wochenende, zwei offizielle US-Quellen hätten erklärt, die amerikanischen Streitkräfte bereiteten sich derzeit auf eine wochenlange Angriffswelle vor, wenn Präsident Trump den Befehl dazu gegen würde. Dies werde dann sehr viel größer und nachhaltiger werden als beim letzten Mal, als die USA und Israel zusammen zuschlugen und dabei vor allem auch das iranische Atomprogramm angriffen. Die israelische Luftwaffe zerstörte dabei außerdem rund 200 Abschussrampen und verhinderte so eine noch größere Zahl von iranischen Raketentreffern.

Ein Zeitfenster von zwei Wochen macht die Runde

Völlig zerstört, wie Trump das behauptete, wurden die Atomanlagen dabei nicht. Noch immer verfügt der Iran über rund 400 Kilogramm hoch angereichertes Uran. Israelische Quellen behaupten, man wisse, wo es gelagert werde. Auch wenn man derzeit wieder von einem gemeinsamen Schlag gegen den Iran ausgeht.

Dabei steht zwar aus US – Sicht die Bekämpfung des Atomprogramms im Vordergrund. Aber nach einem CBS -Bericht hat Trump nun zugestimmt, auch gegen das große Raketenarsenal des Iran vorzugehen.

Die Israelis wollen mehr. Sie wollen unbedingt auch einen Verzicht auf die weitreichenden iranischen ballistischen Raketen. Sie argumentieren, solange der Iran keine einsatzfähigen Atomwaffen habe, seien die Raketen auch mit konventionellen Sprengköpfen eine schwere Bedrohung – wie sich 2025 ja schon gezeigt habe.

Ziele unterscheiden sich zwischen Washington und Jerusalem

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reiste eigens nach Washington, um Trump diese Forderung zu überbringen. Tatsächlich zieht man auch in Teheran den bisher ungebremsten Bau von sowohl Raketen mit kurzer wie mittlerer Reichweite wie auch von ballistischen Flugkörpern mit hoher Reichweite als Abschreckung gegen weitere Angriffe an und will daran unter allen Umständen festhalten.

Verhandlungsbereitschaft gibt es hier bislang nur zum Atomprogramm, zumindest nach außen. Der bekannte israelische Militäranalyst Ron Ben Yishai berichtet auf der Internet Plattform ynet, der Iran baue derzeit in unterirdischen Fabriken mit Hochdruck hunderte Raketen im Monat. Diese hohen Zahlen würden es schwer machen, sie abzuwehren. Und das gelte nicht nur für Israel, sondern stelle eine Gefahr für den gesamten Mittleren Osten dar. Das ist auch ein entscheidendes Argument, auf das man im Weißen Haus hört.

Die arabischen Verbündeten am Golf sind gegen einen neuerlichen Schlagabtausch. Sie fürchten nicht zuletzt Auswirkungen auf den Ölmarkt. Präsident Trump nimmt diese Einwände ernst. Er erhöht zwar den militärischen Druck, setzt aber weiterhin auf eine diplomatische Lösung. Zwar erklärte er öffentlich, das Beste wäre ein neues Regime in Teheran, aber in Washington und auch in Jerusalem ist man sich einig, dass dies nur von innen oder mit Bodentruppen erreicht werden könnte. Keine dieser Optionen gilt derzeit als realistisch.

Diplomatie in Genf soll den Ernstfall verhindern

So bleibt nur die Hoffnung darauf, dass die militärischen Drohgebärden aus Washington ausreichen, um den Iran, der wirtschaftlich extrem unter Druck steht, zum Einlenken zu bewegen. Ab Dienstag wird in Genf verhandelt. In Israel halten die Menschen den Atem an, ob so ein neuer Krieg verhindert werden kann.

Werner Sonne, derzeit Tel Aviv