Auf einem von Deloitte veranstalteten Side-Event am Rande der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz ging es um eine Frage, die inzwischen weit über „High Tech“ hinausreicht: Wie schützt man kritische Weltraumressourcen in einer Domäne, die zunehmend umkämpft ist? Der Panel-Titel brachte die Diagnose auf den Punkt: „Orbit Under Pressure“ – „Orbit unter Druck“.
Das Expertenpanel vereinte Perspektiven aus Wissenschaft, Industrie und Militär: Ulrich Walter von der TU München, Michael Schöllhorn an der Spitze von Airbus Defence and Space und zugleich BDLI-Präsident, Generalmajor Michael Traut als Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr sowie Paul Godfrey aus dem U.S. Space Command/U.S. Space Force. Die Diskussion moderierte Peter Wirnsperger, Partner bei Deloitte.
Vom „wissenschaftlichen Hobby“ zur kritischen Infrastruktur
Traut beschrieb den Perspektivwechsel als längst überfällig: Deutschland habe Weltraum über Jahrzehnte eher als Wissenschaftsthema behandelt. Dabei nutzten Wirtschaft und Gesellschaft Weltraumdienste permanent, oft ohne es zu merken. Genau deshalb sei der Orbit heute Teil der kritischen Infrastruktur und müsse geschützt werden.
Seine Lagebeschreibung war klar und für eine sicherheitspolitische Konferenz bewusst zugespitzt. „Wir stehen jeden Tag unter Bedrohung und wir werden im Weltraum jeden Tag angegriffen. Wir werden bedrängt, beobachtet, wir werden jeden Tag aus dem All und im All fotografiert“, erklärt Traut.
Der Punkt dahinter ist, dass sich Konfliktmuster im Weltraum zunehmend in den Alltag verschieben. Statt eines klaren Bruchs („Jetzt ist Krieg“) sehen wir ein permanentes Reiben: Satelliten werden beobachtet, bedrängt, gestört, Datenverbindungen beeinträchtigt. Alles so dosiert, dass es oft nicht als klassischer Angriff gilt, aber trotzdem Wirkung entfaltet. Der Wettbewerb findet also ständig statt, und zwar in einem Bereich, in dem Attribution, Beweisführung und Reaktion besonders schwierig sind. Seit der vom Verteidigungsminister angekündigten 35 Milliarden Euro steht das Thema auch politisch unter Hochdruck.
Folgerichtig skizzierte Traut weniger einen „Wunschzettel“ als einen sehr konkreten Fähigkeitskatalog: Erstens robuste, resiliente Satellitenkommunikation; SatCom 3 sei dabei bereits in einer „sehr finalen“ Phase. Zweitens eine deutliche Ausweitung von Aufklärung und Überwachung aus dem All, einschließlich der Fähigkeit, Signale zu erfassen und auszuwerten. Drittens mehr Sensorik und Auswertung für ein belastbares Lagebild im Orbit, also Space Domain Awareness. Der Zweck dahinter ist aus seiner Sicht klar: Schutz endet nicht bei Härtung und Redundanz, sondern braucht Handlungsfähigkeit, um auf Störungen, Bedrängung und Angriffe reagieren zu können.
Den politisch sensibelsten Punkt sprach Traut selbst an: Deutschland müsse sich darauf einstellen, Weltraumressourcen nicht nur „passiv“ zu schützen, sondern im Ernstfall auch aktiv zu verteidigen. Das Wort „offensiv“ versteht er ausdrücklich nicht als Angriffslust, sondern als notwendige Ergänzung wirksamer Verteidigung – am Ende gehe es um Abschreckung. Zur Erklärung griff er zu einem Bild, das im voll besetzten Raum hängen blieb: Wer wie ein Gladiator nur den Schild hochhalte und abwarte, überlasse dem Gegner die Initiative – und verliere Handlungsspielraum genau in dem Moment, in dem Reaktion zählen müsse.
Interoperabilität, Skalierung, Regeln: Europas riskante Baustellen
Aus US-Sicht verortete Paul Godfrey, ein britischer Offizier, der im U.S. Space Command eingesetzt ist, das Kernproblem weniger beim Gegner als bei den Alliierten selbst: Interoperabilität. Er warnte, die größte Bedrohung sei, abgesehen von der Cyber-Bedrohung, fehlende Interoperabilität. Wenn Verbündete Daten nicht reibungslos austauschen, entsteht kein gemeinsames, belastbares Lagebild und damit auch keine glaubwürdige Abschreckung. Für NATO-Planer bedeutet das: Ohne abgestimmte Datenstandards und Schnittstellen bleibt jedes nationale System im Ernstfall ein Inselnetz. Teuer, langsam und anfällig.
Godfrey unterfütterte die strategische Abhängigkeit mit einem zivilen Schadensbild: Der Verlust von Positionierung, Navigation und Timing – etwa über GPS – könne volkswirtschaftlich Schäden in der Größenordnung von 1,6 bis 1,7 Milliarden Euro pro Tag verursachen. Sein Punkt: Weltraumsicherheit ist nicht nur militärisch, sondern unmittelbar wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Schöllhorn-Appell: Europa muss skalieren
Die Sicht der Industrie brachte Michael Schöllhorn mit einer These ein, die sich wie ein roter Faden durch das Gespräch zog: Europa muss skalieren. Schöllhorn sagte: „Die Europäer müssen lernen zu skalieren.“ Er verwies auf Europas Trägerlandschaft (Ariane/Vega) und auf die aufkommenden Micro-Launcher in Deutschland, die Europas Zugang zum All ergänzen sollen.
Gleichzeitig machte er klar: Der Engpass sei nicht mehr ausschließlich Geld, sondern Geschwindigkeit, industrielle Schlagkraft und ein Ökosystem, das über Einzelprojekte hinauskommt. Wer in großen Konstellationen denkt, erzeugt Resilienz – und setzt Standards.
Ordnungslücke im Orbit: Wer setzt die Spielregeln?
Ein dritter Block der Diskussion drehte sich um die fehlende „Ordnung“ im Orbit. Mehrfach fiel die Frage nach den „rules of the road“: Wer definiert verbindliche Spielregeln, wer kann sie durchsetzen? Parallel dazu wächst die Belastung des Orbits: Im Panel wurden Größenordnungen von 13.000–14.000 aktiven Satelliten und rund 40.000 Objekten/Trümmerteilen größer als zehn Zentimetern genannt – zuzüglich sehr vieler kleiner Partikel.
Unterm Strich lief die Diskussion auf eine einfache Gleichung hinaus: Ohne Schutz und Reaktionsfähigkeit, ohne Interoperabilität und ohne Skalierung bleibt Europa im Orbit verwundbar – und abhängig. Dann bestimmen andere nicht nur die technische Architektur, sondern setzen auch die Standards und prägen die künftigen Spielregeln.
Jürgen Fischer


















