Mit „Arctic Sentry“ schaltet die NATO am 11. Februar 2026 die Sicherung der Arktis und des Hohen Nordens einen Gang höher. Unter Führung des Joint Force Command Norfolk in Virginia soll die als eine Multi‑Domain‑Aktivität ausgewiesene Operation, die wachsenden Einzelmaßnahmen der Alliierten in der Region operativ zusammenführen. Von norwegischen Großmanövern bis zu dänischen und kanadisch‑amerikanischen Aktivitäten im Rahmen von NORAD.

F-35B Lightning II-Jets des US Marine Corps mit dem Marine Fighter Attack Squadron (VMFA) 542 vor dem Start in Vorbereitung auf die Übung „Nordic Response 24” in Norwegen. Die Übung ist die erste Auslandseinsatzübung der Einheit als F-35B Lightning II-Jet-Geschwader. Foto: Orlanys Diaz Figueroa.

Vom politischen Zögern zur Operation

Der Schritt beendet eine Phase, in der die militärische Ebene bereits vorgearbeitet hatte, während politisch noch Zurückhaltung dominierte. Beim Treffen des NATO‑Militärausschusses am 21./22. Januar in Brüssel hatte der SACEUR, General Alexus G. Grynkewich, betont, man sei bereit, die Sicherheit in Arktis und rund um Grönland zu verstärken, habe aber „noch keine politische Anleitung erhalten“ – Planungen seien daher nicht angelaufen. Zugleich stellte der italienische Admiral Giuseppe Cavo Dragone, Chef des Militärausschusses, klar, dass die Militärplaner auf Vorgaben der Staats‑ und Regierungschefs zu einem Rahmenabkommen für Grönland warteten.

Hintergrund war die Zuspitzung um die dänische Insel Grönland durch die Übernahmeankündigungen des US-Präsidenten Donald Trump. Er hatte seine 2019 geäußerte „Kaufidee“ Anfang 2026 wiederbelebt und mit Verweis auf russische und chinesische Aktivitäten im hohen Norden mit Sanktionen gegen europäische Staaten gedroht. In Davos schwenkte Washington jedoch um und setzt auf eine stärkere NATO‑Rolle in der Region. „Arctic Sentry“ ist der sichtbare Ausdruck dieses Deals.

Ein Militärtransportflugzeug vom Typ A400M Atlas der deutschen Luftwaffe ist derzeit auf dem Luftwaffenstützpunkt Rovaniemi stationiert und wird dort vom finnischen Gastland unterstützt. Foto: Anne Torvinen & Ida Rossi.

Was „Arctic Sentry“ bündelt: Übungen, NORAD, Lagebilder

Nach NATO‑Angaben soll „Arctic Sentry“ den Planern einen vollständigen Überblick über Übungen und Operationen der Bündnispartner in der Arktis und im Hohen Norden verschaffen. Dazu zählen unter anderem die dänische Serie „Arctic Endurance“, norwegische Großübungen wie „Cold Response“ sowie NORAD‑Aktivitäten von USA und Kanada. Kurzfristig geht es vor allem um Koordinierung und Lagebilder. Daraus soll sich ein übergreifender Operationsansatz entwickeln. Ausdrücklich offen bleibt die dauerhafte Stationierung von Kräften in der Region.

Das kanadische Operations Aviation Squadron (SOAS) traf mit Bell CH-146 Griffon-Hubschraubern, die mit einem strategischen Transportflugzeug vom Typ C-17 eingeflogen worden waren, auf dem Luftwaffenstützpunkt Rygge in Norwegen ein, um sich auf die Übung „Nordic Response“ vorzubereiten. Foto: Fabian Helmersen / Norwegische Streitkräfte

Russland, China, Klimawandel: Der sicherheitspolitische Druck im Hohen Norden

Strategisch reagiert das Bündnis damit auf einen seit Jahren laufenden Fähigkeitsaufbau Russlands im Hohen Norden und eine intensivere Zusammenarbeit Moskaus mit Peking. Russland verfügt laut westlichen Analysen über rund drei Dutzend Überwasserschiffe, mehr als 30 U‑Boote und eine herausragende Eisbrecherflotte, darunter mehrere nuklear betriebene Einheiten. Sie unterstützen die russische Nordflotte in der Barents‑ und Kara‑See und sichern den Schiffsverkehr auf der Nordost-Passage. Gleichzeitig investieren USA, Kanada, Norwegen und Dänemark in neue Sensorik, Luftverteidigung und arktistaugliche Plattformen. Zahlenmäßig bleiben sie deutlich hinter den russischen Kapazitäten zurück.

Hubschrauber NH 90 der schwedischen Luftwaffe und Soldaten während einer Übung zur medizinischen Evakuierung. Die Vorbereitungen für die Übung „Nordic Response 24” – Teil der NATO-Übungsserie „Steadfast Defender 24” – laufen auf Hochtouren. Foto: Felix Sundbäck.

Hinzu kommt der beschleunigte Klimawandel, der das arktische Meereis deutlich schneller schmelzen lässt als im globalen Durchschnitt, neue Schifffahrtsrouten und den Zugriff auf Rohstoffe ermöglicht und damit zusätzliche sicherheitspolitische Reibungsflächen erzeugt. Für die NATO ist die Arktis damit längst mehr als ein Randthema: Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens ist die Nordflanke des Bündnisses geschlossen, die Region rückt unmittelbar in die kollektive Verteidigungsplanung.

Grynkewich verweist auf „beeindruckende Fähigkeiten“ der nordeuropäischen Alliierten, mahnt aber, dass langfristige Vorhaben wie neue Sensoren und Frühwarnsysteme nur mit klaren politischen Prioritäten rechtzeitig umgesetzt werden könnten.

„Arctic Sentry“ kann als der Versuch verstanden werden, bestehende Aktivitäten in eine kohärente NATO‑Architektur einzubetten und gleichzeitig die transatlantischen Spannungen um Grönland zu entschärfen. Wie weit das Bündnis dabei über Koordination hinausgeht und eigene permanente Präsenz in der Hocharktis aufbaut, dürfte eine der zentralen Herausforderungen naher Zukunft werden.

Hans Uwe Mergener