
Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Europas Bewährungsprobe im Schatten der Abrisspolitik
Oliver Rolofs
Kurz vor Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz verdichtet sich die strategische Lage zu einer unbequemen Diagnose: Die liberale Ordnung steht nicht nur unter äußerem Druck, sie verliert auch im Inneren an Bindekraft. Vertrauen erodiert, Polarisierung wächst – und Europa ringt um seine Rolle in einer zunehmend multipolaren Welt. Der aktuelle Munich Security Report 2026 spricht von einer „Politik mit der Abrissbirne“. In vielen westlichen Gesellschaften gewännen Kräfte an Zustimmung, die Zerstörung gegenüber Reform bevorzugten.
Besonders deutlich werde dieser Trend in der gegenwärtigen Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Bei der traditionellen Auftaktveranstaltung der Münchner Sicherheitskonferenz in der Bayerischen Vertretung in Berlin, wenige Tage vor Beginn der Konferenz in München, wurde diese Analyse kontrovers diskutiert und zugleich als strategischer Weckruf für Europa verstanden.

In der Bayerischen Vertretung in Berlin werden mit dem Munich Security Report die sicherheitspolitischen Leitlinien wenige Tage vor Beginn der MSC in München gesetzt. (Foto: Bayerische Staatskanzlei)
Sicherheitspolitischer Flickenteppich
Wolfgang Ischinger, Interims-Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, beschrieb die Lage mit nüchterner Dringlichkeit: „Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Zeit erlebt zu haben, in der es so viele Konflikte gleichzeitig gab.“ Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gehe in sein fünftes Jahr, das Ausmaß des Leids sei lange unterschätzt worden.
Die Agenda der diesjährigen Sicherheitskonferenz reicht von Nuklearfragen über Arktis und Weltraum bis zu hybrider Kriegsführung, Geoökonomie und Ernährungssicherheit, erklärte der langjährige Spitzendiplomat. Ischingers zentrale Frage: Bleibt Europa ein sicherheitspolitischer „Flickenteppich“ oder gelingt der Sprung zu einem integrierten Verteidigungsmarkt mit Mehrheitsentscheidungen und industrieller Skalierung? Europa müsse verteidigungsfähiger werden. Und diese Botschaft müsse in Moskau und Peking ankommen, so Ischinger.
Florian Herrmann, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei und Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien, erinnerte an den normativen Kern der Konferenz: „Es ist besser, miteinander zu sprechen als übereinander.“ Dialog bleibe Voraussetzung für Deeskalation – auch in Zeiten strategischer Konfrontation.
Zweifel an der westlichen Ordnung
Jedes Jahr wagt der „Munich Security Report“ eine Auflistung der größten Sorgen und Ängste ausgewählter Nationen. Für Deutschland konstatiert die Umfrage auf dem ersten Platz die Bedrohung durch Cyberangriffe, gefolgt von der Sorge vor einer im Land zunehmenden Ungleichheit. Auch die Gefahr durch radikal islamistischen Terrorismus und Russland werden sehr oft genannt, ebenso Angst vor organisierter Kriminalität und Masseneinwanderungen infolge von Kriegen sowie dem Klimawandel.
Die Sorge vor den generellen Folgen des Klimawandels hat verglichen zu früheren Jahren an Stellenwert eingebüßt und landet nur noch im Mittelfeld. Der Report legt zugleich eine Vertrauenskrise offen. Zwei Drittel der Deutschen halten die USA unter Trump für ein weniger verlässliches NATO-Mitglied. Cyberangriffe führen die Sorgenliste an, gefolgt von sozialer Ungleichheit, islamistischem Terrorismus und Russland.
Im Rahmen einer sich anschließenden Diskussionsveranstaltung zum Sicherheitsreport stellte Hina Rabbani Khar, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Nationalversammlung Pakistans, die Regelarchitektur des Westens infrage. Regeln funktionierten häufig nur für ihre Schöpfer. Afghanistan habe gezeigt, dass militärische Interventionen ohne strategische Einbettung Extremismus verstärken können.
Ihr Fazit an die politisch Handelnden fiel deutlich aus: „Was wir tun, ist wichtiger als das, was wir sagen.“ Auf Europa bezogen mahnte Arancha González Laya, ehemalige spanische Außenministerin in diesem Kontext an: Geld allein schaffe keine Sicherheit. Europa brauche glaubwürdige Abschreckung und eine eigenständige strategische Handlungsfähigkeit bis hin zu einer europäischen Kommandostruktur.

Der amerikanische Kontrapunkt
Im weiteren Verlauf setzte Matthew Whitaker, Ständiger Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, den deutlichen Kontrapunkt zur Abriss-These des Munich Security Report 2026. Die Grundannahmen des Berichts seien „komplett falsch“. Die USA wollten die NATO stärken, nicht demontieren. Zugleich stellte er die Frage, ob das Bündnis ausreichend für die Sicherheit Grönlands tue.
Das Fünf-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben diene einer gerechteren Lastenteilung. Präsident Trump erwarte von den europäischen Partnern mehr Verantwortung – sicherheitspolitisch wie wirtschaftlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die transatlantische Arbeitsteilung aus amerikanischer Sicht nicht ausgewogen gewesen. Amerikanische Autos ließen sich in Europa kaum verkaufen, bestimmte Produkte hätten keinen Marktzugang. „Wir wollen Fairness. Und wir wollen konkretes Handeln.“
Gestaltung statt Diagnose
Gerade dieser Ruf nach „Action“ markiert den Kern der aktuellen sicherheitspolitischen Debatte: Nicht Analyse allein, sondern Umsetzung entscheidet über Glaubwürdigkeit. Wenn Europa strategisch ernst genommen werden will, muss es liefern – industriell, technologisch und politisch.
Vor diesem Hintergrund rückt auch das Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz mit hunderten von Seitenveranstaltungen stärker in den Fokus. Denn jenseits der sicherheitspolitischen Grundsatzreden entstehen dort zunehmend Formate, die den Anspruch auf europäische Handlungsfähigkeit konkret operationalisieren. Gerade im Schatten der Diagnose einer „Abrisspolitik“ gewinnen jene Plattformen an Bedeutung, die Resilienz nicht nur rhetorisch beschwören, sondern strukturell unterfüttern – durch Innovation, industrielle Skalierung und strategische Vernetzung.
Eines dieser Foren ist etwa das von Lippold von Oldershausen initiierte Munich Security Breakfast (MSB). Seit mehr als drei Jahren hat es sich als internationale Plattform im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz etabliert. In einem sorgfältig kuratierten Format bringt es rund 600 politische und militärische Entscheidungsträger, Führungspersönlichkeiten aus der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie, Defence-Tech-Start-ups, Investoren sowie den industriellen Mittelstand Europas zusammen.
Unter dem diesjährigen Leitmotiv „The Idea of Defence: A European Defence Ecosystem That Delivers“ steht nicht die Debatte im Vordergrund, sondern die Umsetzung. Ziel ist es, Innovation zu beschleunigen, industrielle Skalierung zu ermöglichen und ein vernetztes, operatives und wirksames europäisches Verteidigungsökosystem zu etablieren. Aufbauend auf dieser Initiative wurde 2024 die Plattform BASED ins Leben gerufen, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gemeinsam mit dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung beauftragt ist, als de:hub Digital Hub Security & Defense zu fungieren.
Flankierend setzt nunmehr im zwölften Jahr in Folge die Munich Cyber Security Conference (MCSC) Impulse. Unter dem diesjährigen Titel „Command Control, Really?“ adressiert sie die Grenzen klassischer Abschreckung im Zeitalter permanenter Cyberbedrohungen. Rund 1.000 Entscheidungsträger diskutieren hybride Kriegsführung, Schutz kritischer Infrastrukturen, Weltraumsicherheit und die Auswirkungen künstlicher Intelligenz mit dem Anspruch, Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft operativ zu vertiefen.
Strategischer Realismus statt Resignation
Wenn schließlich die Münchner Sicherheitskonferenz vom 13. bis 15. Februar im Hotel Bayerischer Hof tagt, werden mehr als 70 Staats- und Regierungschefs erwartet, darunter US-Außenminister Marco Rubio, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet. Doch entscheidend ist weniger, wer spricht, sondern was folgt. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt nach den Panels, nach den bilateralen Gesprächen, nach den sicherheitspolitischen Grundsatzreden.
Die Diagnose einer „Politik mit der Abrissbirne“ mag zuspitzen. Aber sie entbindet Europa nicht von Verantwortung. Im Gegenteil: Sie erhöht den Handlungsdruck. Zwischen transatlantischer Neujustierung, industrieller Aufholjagd und strategischer Selbstvergewisserung steht Europa vor der Aufgabe, Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht länger als Reaktion, sondern institutionell, industriell und politisch als Gestaltungsauftrag zu begreifen. Nicht Abriss oder Alarmismus sind die Antwort, sondern operative Umsetzung. Genau daran wird man sich dieses Jahr in München sich messen lassen müssen, ob Europa in einer fragmentierten Welt strategisch bestehen kann.
Oliver Rolofs






