Wer nur auf die Tagesform von US-Präsident Donald Trump reagiert, engt seinen eigenen Handlungsspielraum ein. Unser Chefredakteur empfiehlt, zur unaufgeregten Sachlichkeit zurückzukehren.

Ein Mann steigt aus einem Flugzeug und Europas Nervensystem spielt verrückt. Kameras zoomen auf jeden Schritt, Live-Ticker machen aus einer Landung eine „Eilmeldung“ und Talkrunden deuten Mimik wie ein Orakel. Nicht nur beim Weltwirtschaftsforum in Davos war dieses Muster zu beobachten: Zuerst der Auftritt, dann – vielleicht – die Inhalte.

US-Präsident Donald Trump nutzt diese Aufmerksamkeitsökonomie wie kaum ein anderer. Er setzt Themen nicht nur politisch, sondern auch dramaturgisch und belohnt jede Form von Fokussierung auf die Form. Wenn er private Nachrichten internationaler Spitzenpolitiker veröffentlicht, etwa im Kontext seiner Grönland-Forderungen, geht es weniger um Sachpolitik als um die Zurschaustellung seiner Macht nach dem Prinzip: „Ich kann die Regeln des vertraulichen Austauschs brechen und die Welt schaut dabei zu.“

Klären wir lieber die drängendsten Fragen

Das Fatale daran ist, dass jeder Klick, jede Push-Meldung über Gesten und Gehabe, jedes reflexhafte „Was bedeutet das jetzt?“ die Macht der Zuschauer verringert. Wir überhöhen den Mann, bevor er gehandelt hat, und verwechseln das Beobachten mit Politik. Aus der Distanz wirkt Europa dann wie Publikum und nicht wie ein Akteur.

Zur Münchner Sicherheitskonferenz zählten daher die sachlichen Fragen nach den Lieferungen Europas zur Abschreckung, Durchhaltefähigkeit und industrieller Masse gegen Russland und damit für die Ukraine und die eigene Sicherheit. Was nicht zählte, war, ob wir Trumps Tagesform richtig gedeutet haben. Auch in München kreisten viele Gespräche um Trumps nächste Volte, und nach Rubios Rede ging ein Aufatmen durch den Saal, weil der große Affront ausblieb.

Kehren wir doch bitte zur unaufgeregten Sachlichkeit zurück und klären die drängendsten Fragen. Wer kann kurzfristig Munition, Luftverteidigung, Ersatzteile, Satelliten- und Aufklärungskapazitäten sowie Führungsfähigkeit bereitstellen? Wer kann nachliefern, wenn der Verbrauch hoch bleibt? Wer hält die Ostflanke glaubwürdig mit vernetzten, verlege- und durchhaltefähigen Kräften, wenn es ernst wird?

Merz trifft Trump zum zweiten Mal im Weißen Haus

Politische Verantwortung bedeutet, sich diesen nüchternen Themen zu stellen. Die Basisarbeit besteht darin, auch die langweiligen Voraussetzungen über Legislaturen hinweg zu liefern. Das beginnt bei Explosivstoffen und Maschinenkapazitäten, zieht sich von Fachkräften, Genehmigungen und Energie hin zu sicheren Lieferketten und einer belastbaren Finanzierung. So banal es erscheinen mag, wir brauchen Multi-Jahresverträge statt Projekt-Zickzack, Standardisierung statt nationaler Sonderwege und industrielle Skalierung statt symbolischer Ankündigungen. Zu alldem ist auch noch ein ordentliches Tempo gefragt.

ES&T-Chefredakteur Jürgen Fischer. Foto: Maurizio Gambarini

Parallel zur europäischen Leistungskurve braucht es die Diplomatie und den richtigen Draht in die USA und natürlich müssen wir die US-amerikanischen Signale ernst nehmen. Bundeskanzler Friedrich Merz reist nun in die USA und trifft Trump am kommenden Dienstag zum zweiten Mal im Weißen Haus. Eine Fixierung auf die Tagesform Trumps hieße jedoch, unseren eigenen Handlungsspielraum aufzugeben und unsere Verantwortung abzuwälzen. Ein Wanken Washingtons sollte keine Ohnmacht Europas erzeugen. Europas Handlungsfähigkeit muss stärker an Entscheidungen in Europa ausgerichtet werden und nicht daran, wer im Weißen Haus medienwirksam um alternative Wahrheiten und Aufmerksamkeit ringt.

Politik sollte nicht zum Social-Media-Hype verkommen, bei dem ritualisierte Empörung und personenzentrierte Huldigungen vorherrschen. Politik in ihrem ureigensten Verständnis sind alle Aktivitäten, Prozesse und Entscheidungen, die das Zusammenleben in einem Staat oder einer Gemeinschaft regeln, gestalten und beeinflussen. Sie schafft verbindliche Regeln, fördert das Gemeinwohl und löst Interessenskonflikte durch Kompromisse oder Machtausübung.

Europas mühsame Selbstbehauptung

Was wir also brauchen, sind mehr nüchterne Szenarien, belastbare Zusagen und klare Fähigkeitsziele. Wer sich permanent vom nächsten Leak oder Show-Moment treiben lässt, verbraucht Aufmerksamkeit, Zeit und Glaubwürdigkeit.

Europas vorrangigste Aufgaben in der strategischen Selbstbehauptung und der Sicherung der transatlantischen Bindung sind mühsam, teuer und politisch undankbar. Aber es ist der vernünftige und einzige Weg, aus der Zuschauerrolle zurück auf die der Akteure auf der Bühne zu wechseln und Verantwortung zu übernehmen.

Und vielleicht ist das die simpelste Disziplin. Wenn wieder einmal ein Mann aus einem Flugzeug steigt, sollten wir uns fragen, was das an unserer Lage ändert – und was nicht. Die Landung selbst ist kein Ereignis. Unser Handeln wäre eines.

Jürgen Fischer