
Gezogene Artillerie in der Ukraine – Zwischen Reichweite und Verwundbarkeit
Tim Guest
Artillerie aller Art spielt in modernen Gefechten eine der wichtigsten und zugleich verheerendsten Rollen. Obwohl viele Streitkräfte zunehmend auf gepanzerte, selbstfahrende Artilleriesysteme (SP) setzen, nehmen gezogene Geschütze und Mörser der Infanterie auch heute noch eine zentrale Stellung ein. Dies gilt insbesondere für aktuelle Konflikte hoher Intensität wie den Krieg in der Ukraine.
Nach dem Ende des Kommunismus lebte die NATO – mit wachsender Mitgliederzahl – über Jahre hinweg in einer Phase relativer sicherheitspolitischer Entspannung. In diesem Umfeld kamen gezogene Artillerie und Mörser zwar in zahlreichen Einsätzen sowie in koalitionsbasierten Operationen zum Einsatz, waren dort jedoch kaum ernst zu nehmenden gegnerischen Gegenbatteriefähigkeiten ausgesetzt. Entsprechend spielte die Mobilität dieser Systeme für ihre Überlebensfähigkeit eine untergeordnete Rolle.
Die Kontrolle des Luftraums erlaubte zudem den weitgehend ungehinderten Einsatz gezogener Geschütze, einschließlich ihres Transports per Hubschrauber. Es wurde allgemein davon ausgegangen, dass solche Systeme in vorbereiteten Feuerstellungen über längere Zeiträume hinweg eingesetzt werden könnten.
Selbst nach dem ersten russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2014, der Annexion der Krim und dem massiven Einsatz russischen Gegenfeuers gegen ukrainische Artilleriestellungen im Donbass reagierte der Westen nur zögerlich. Die Möglichkeit eines groß angelegten symmetrischen Konflikts in Europa wurde lange unterschätzt. Erst in den vergangenen fünf Jahren setzte eine ernsthafte Neubewertung ein, bei der Artillerie wieder im Kontext der Divisionskriegsführung gegen einen gleichwertigen Gegner betrachtet wurde.

Bildnachweis: Generalstab der Streitkräfte der Ukraine
Der anhaltende Krieg in der Ukraine bestätigt diese Neubewertung eindrucksvoll. Er macht deutlich, dass nicht nur neue Strategien und moderne Taktiken erforderlich sind, sondern auch die richtige Ausstattung, um in einem hochintensiven Konflikt bestehen zu können.
Zwar bleibt die Unterstützung kleinerer und mittlerer Verbände – sei es unilateral oder im Rahmen von Koalitionen – weiterhin relevant. Angesichts der Bedrohung durch ein zahlenmäßig starkes, technologisch leistungsfähiges und offensiv auftretendes Russland liegt der Schwerpunkt für die NATO jedoch zunehmend auf der effektiven Unterstützung von Divisionsverbänden. Reichweitenstarke Artilleriesysteme sollen Bedrohungen in der Tiefe bekämpfen, während Infanterieverbände auf ihre Mörser angewiesen sind, um eine unmittelbare Feuerunterstützung in Frontnähe sicherzustellen.
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