Am Morgen des 9. Januar 2026 hat das russische Militär nach offiziellen Angaben zum zweiten Mal das neue Raketensystem „Oreschnik“ (NATO-Bezeichnung SS-X-34) im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt. Dabei trafen MIRV Gefechtsköpfe Ziele in Lwiw, nahe der Grenze zu Polen. Während der erste Einsatz im November 2024 primär als politische Drohgebärde und Enthüllung des Systems gewertet wurde, zielte der aktuelle Schlag laut Berichten auf kritische Infrastrukturobjekte in der Westukraine ab. Der Gouverneur der Region Lwiw bestätigte einen Treffer an einem Infrastrukturziel, während unbestätigte Berichte in sozialen Netzwerken auf die Beschädigung eines bedeutenden unterirdischen Gasspeichers hindeuten, möglicherweise den Biltsche-Wolyzko-Uherske-Komplex.

Fragmente der Oreschnik Rakete wurden in Lwiw vom SBU sichergestellt. (Bild: X/ Security Service of Ukraine)

Russland rechtfertigt diesen Schritt als direkte Vergeltungsmaßnahme für einen angeblichen Drohnenangriff auf die Residenz des Präsidenten in der Region Nowgorod Ende Dezember 2025. In einem offiziellen Statement erklärten die russischen Streitkräfte, man habe als Reaktion einen massiven Schlag mit hochpräzisen Fernlenkwaffen durchgeführt. Das Verteidigungsministerium betonte dabei, dass die Angriffsziele – darunter Produktionsstätten für unbemannte Luftfahrzeuge sowie Energieinfrastruktur für den ukrainischen militärisch-industriellen Komplex – vollständig getroffen wurden. Wörtlich hieß es, die „Ziele des Angriffs wurden erreicht“.

Die ukrainische Führung sowie westliche Geheimdienste wie die CIA bezweifeln die russische Darstellung eines vorangegangenen Angriffs auf die Präsidentenresidenz. Auch wie effektiv der Angriff wirklich war, ist bisher unklar.

Präzision und Wirkungsweise der MIRV-Gefechtsköpfe

Ein markantes Merkmal der Oreschnik ist der Einsatz von MIRV-Technologie (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicles). Die Rakete trägt bis zu sechs unabhängige Gefechtsköpfe, die auf individuellen ballistischen Flugbahnen verschiedene Ziele ansteuern können. Jeder dieser Köpfe kann nuklear oder mit bis zu zehn kleineren Submunitionseinheiten bestückt werden. Bei einer geschätzten Nutzlast von 1.200 bis 1.500 Kilogramm ergibt sich so ein erhebliches Zerstörungspotenzial, selbst bei Verwendung konventioneller Sprengköpfe. Der Streukreisradius (CEP) wird auf etwa 90 bis 250 Meter geschätzt.

Vergleich zum ersten Angriff: Unterschiedliche Angriffswinkel, gleiche Munition

Visuelle Aufzeichnungen des jüngsten Einschlags weisen auf signifikante Unterschiede zum Erstschlag im Jahr 2024 hin. Während die Gefechtsköpfe beim Angriff auf den gut geschützten, gehärteten Juschnas-Komplex in Dnipro nahezu vertikal einschlugen, deutet die flachere Flugbahn beim aktuellen Angriff auf Lwiw auf ein oberirdisches oder weniger stark geschütztes Ziel hin.

Die hohe Anzahl der beobachteten Einschläge bestätigt zudem den Einsatz von Mehrfachsprengköpfen. Russlandnahe Militärblogger schätzen deren Zahl auf bis zu 20. Nach jüngsten Äußerungen offizieller ukrainischer Stellen gegenüber Reuters nutzte Russland – wie während des ersten Angriffs auf Dnipro – auch diesmal MIRV-Gefechtsköpfe ohne Sprengstoff. Das Zerstörungspotenzial der Oreschnik resultierte in beiden Angriffen also aus der reinen kinetischen Energie der Wiedereintrittskörper.

Gestartet vom Testgelände Kapustin Jar nahe dem Kaspischen Meer, flog die Oreschnik die Distanz von circa 1.500 Kilometern innerhalb von zehn Minuten. Die hohe Geschwindigkeit verkürzte die Vorwarnzeit deutlich und machte eine Abwehr durch ukrainische Luftverteidigungssysteme, zusätzlich zur komplexen Flugbahn, nahezu unmöglich.

Aufnahmen einer Überwachungskamera sollen den Angriff zeigen. Bei genauerer Betrachtung des Videomaterials lassen sich einzelne Einschläge der Wiedereintrittskörper erkennen. (Screenshot: Telegram/DDGeopolitics)

Technologische Basis: Erbe der RS-26 Rubesch

Die Oreschnik ist ein mobiles Mittelstrecken-Raketensystem, dessen Entwicklung vermutlich bereits in den 2010er-Jahren unter dem Programmnamen „Kedr“ (Zeder) begann. Das System soll zu großen Teilen auf der Interkontinentalrakete RS-26 Rubesch basieren, die wiederum eine Weiterentwicklung der RS-24 Jars darstellt. Schätzungen zufolge sind die Oreschnik und die RS-26 zu 80 bis 90 Prozent identisch, wobei die Oreschnik speziell für mittlere Reichweiten zwischen 5.000 und 6.000 Kilometern optimiert wurde. Damit fiel ihre Entwicklung unter die Beschränkungen des mittlerweile ausgesetzten INF-Vertrags.

Der Ursprung der Oreschnik? Das System RS-24 Yars ist eine silogestützte/mobile ballistische Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 10-12.000 km. (Bild: CC 4.0)

Das System nutzt einen MZKT-79291-LKW als mobile Startplattform, was die Entdeckung und Bekämpfung vor dem Start erschwert. Technisch handelt es sich um eine zweistufige Feststoffrakete, die in der Lage ist, in der Endphase Geschwindigkeiten von Mach 10 bis Mach 12 (ca. 12.300 km/h) zu erreichen. Sie ist ein zentrales Element russischer Einschüchterungsrhetorik.

Jannis Düngemann