Russland führt seit nunmehr vier Jahren einen imperialen Eroberungskrieg gegen die Ukraine. Zeit für ein paar grundsätzliche Einordnungen, findet unser Kolumnist Hans-Peter Bartels.

Geopolitik, Verteidigung und militärische Abschreckung sind die Themen der Stunde. Überall in unserer Gesellschaft wird darüber diskutiert, politische Akteure äußern sich, immer mehr Medienleute berichten über diese Themen. Und immer wieder ärgert sich der sachkundige Teil des Publikums über die immer gleichen falschen Phrasen, Halbinformiertheiten und Wurschtigkeiten im öffentlichen Schreiben und Sprechen.

In stereotyper Nachplapperei heißt der Krieg Russlands gegen die Ukraine bei denjenigen, die sich besonders korrekt ausdrücken wollen, stets „völkerrechtswidriger Angriffskrieg“. Als ob ein Angriffskrieg nicht immer völkerrechtswidrig wäre. Und als ob der Begriff „Angriffskrieg“ überhaupt den Tatbestand vollständig erfassen könnte. Tatsächlich hat die Atom-Supermacht Russland ihren Nachbarn Ukraine überfallen und führt seit nunmehr vier Jahren einen imperialen Eroberungskrieg, das heißt, einen Krieg zur Annexion von großen Territorien der Ukraine und zur Unterwerfung des ganzen Landes. Moskau nennt das zynisch „militärische Spezialoperation“.

Im Übrigen ist „Völkerrechtswidrigkeit“ nicht unbedingt geeignet als Moralmaßstab. Der völkerrechtswidrige Einmarsch Vietnams in Kambodscha 1978 fand ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrats statt, befreite aber das Nachbarland vom mörderischen Pol-Pot-Regime, das bereits über eine Million eigene Landsleute umgebracht hatte. Und auch für den Kosovokrieg der NATO gegen Rest-Jugoslawien 1999 gab es keine völkerrechtliche Legitimation durch ein UN-Mandat, wohl aber entscheidende humanitäre Gründe. Den größten Teil ihrer Geschichte waren die Vereinten Nationen durch die Vetomacht jeweils einzelner ihrer ständigen Sicherheitsratsmitglieder daran gehindert, als völkerrechtschöpfende Institution das Gewaltverbot der UN-Charta wirksam durchzusetzen.

Der Schwerpunkt liegt auf zivilen Kriegsopfern

Zweitens: Die Newsticker-Berichterstattung über Russlands Eroberungskrieg in der Ukraine konzentriert sich stark auf die täglichen Meldungen über zivile Opfer: „drei Tote in Kiew“, „zehn Verletzte in Lwiw“. Als veranschaulichten diese Zahlen das ganze Ausmaß des Grauens. Aber bagatellisiert nicht diese Schwerpunktsetzung die nicht-thematisierten Verluste von Menschenleben an der Front? Jeden Tag gibt es dort Hunderte Verwundete und Gefallene auf ukrainischer Seite (und eher noch mehr bei den von Putin in den Fleischwolf befohlenen russischen Soldaten). Dabei sollten prinzipiell Soldaten nicht, weil sie ja selbst kämpfen können, als Kriegsopfer zweiter Klasse betrachtet werden.

Hans-Peter Bartels, früherer Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags. Foto: GSP / Peter E. Uhde

Drittens: Zur Ehrenrettung der jetzt häufig als Beleg des US-Imperialismus zitierten „Monroe-Doktrin“ von 1823 (die USA hatten damals gerade zehn Millionen Einwohner) sollte man wissen, was die Parole „Amerika den Amerikanern“ für Präsident James Monroe in seiner Zeit bedeutete, nämlich: Ihr europäischen Kolonialmächte, respektiert die gerade gewonnene Unabhängigkeit insbesondere der lateinamerikanischen Staaten (etwa Kolumbiens von Spanien 1810 oder Brasiliens von Portugal 1822)! Mischt Euch nicht mehr ein in unserer westlichen Hemisphäre! (Und wir Amerikaner mischen uns in Europa nicht ein.) Bei der aktuellen „Trump-Doktrin“ geht es dagegen um die Supermacht-Geopolitik der heutigen USA (348 Millionen Einwohner), wozu die absolute Vorherrschaft über Nord-, Mittel- und Südamerika gehört, einschließlich Venezuela, Kanada und Grönland.

Viertens: Wo von „Rüstung“ die Rede ist, versteht die Fach-Community darunter meist „rüstungsinvestive“ Ausgaben für Waffen und Gerät im Rahmen eines nationalen Verteidigungshaushalts. Im Deutschland der Vor-Zeitenwende waren das oft weniger als 20 Prozent der Verteidigungsausgaben nach NATO-Kriterien (zum Beispiel 2021: 18,6 Prozent). Für viele Medien und auch für manche Thinktanks sind dagegen „Rüstung“ und „Militär“ Synonyme. So kommt es jedes Jahr zu Meldungen über „Rüstungsausgaben“, die etwa 2023 weltweit 2,3 Billionen Dollar betragen haben sollen. Gemeint sind die gesamten Militärausgaben aller Staaten, nicht Rüstung im engeren Sinne. Durch das schwarz-rote Zeitenwende-Programm steigt jetzt allerdings der rüstungsinvestive Anteil des deutschen Verteidigungshaushalts auf voraussichtlich über 50 Prozent.

Die kleinen und großen Unterschiede in Einheiten und Ansprachen

Wenn wir schon dabei sind, zu korrigieren und einzuordnen: Ärgerlich ist, fünftens, immer wieder die Verwendung des Begriffs „Einheit“ für alles und jedes, was nach einer militärischen Formation aussieht. Diejenigen, die „Einheit“ sagen oder schreiben, kennen meist auch gar nichts anderes. Trupp, Gruppe oder Zug, also „Teileinheiten“, sind unbekannte Gliederungsgrößen. Und was genau bitte ein Bataillon, eine Brigade, eine Division oder ein Korps sein sollen, wissen viele, die militärfern sozialisiert sind, auch nicht. (Allerdings: zehn Millionen Deutsche haben „gedient“.) Also: Kompanie, Batterie, Staffel, Boot – das sind „Einheiten“, Stärke: bis zu 200 Männer und Frauen. Alles darunter: „Teileinheiten“. Alles darüber: „Verbände“ (Bataillon, Regiment, Geschwader) oder „Großverbände“ (ab Brigade oder Flottille). Niemand muss das zwingend genau wissen, aber wer über Fußball schreibt, hat sich doch vorher meist auch darüber informiert, wie viele „Mannschaften“ an einem „Spiel“ teilnehmen, wie viele „Spieler“ gleichzeitig aufs „Feld“ dürfen – und möglicherweise sogar darüber, was „Abseits“ bedeutet.

Sechstens: Regelmäßig sprechen die Moderatorinnen und Moderatoren von Vortragsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen, stolz darauf, nun aber wirklich das mit den Dienstgraden verstanden zu haben, ihre hochrangigen Gäste mit „Herr Generalleutnant“ oder „Herr Flottillenadmiral“ an. Niemand hat ihnen gesagt, dass in der obersten Dienstgradgruppe der Bundeswehr alle Anspruch darauf haben, mit „Herr Admiral“ oder „Herr General“ oder „Frau Generalarzt“ angesprochen zu werden. Eigentlich ganz einfach. Beim Korvettenkapitän, Fregattenkapitän und Kapitän zur See heißt es ebenfalls einheitlich „Herr Kapitän“ oder „Frau Kapitän“. Schön zu wissen, wenn man etwa auf Empfängen mit Uniformierten umgeht. (Man sagt übrigens auch nicht „Herr Bundesumweltminister“, sondern „Herr Minister“, allenfalls „Herr Bundesminister“.) So viel zum Protokoll.

Schräg und falsch klingt, siebtens, regelmäßig die Übersetzung aus dem Amerikanischen, wenn aus „20.000 troops“ auf Deutsch „20.000 Truppen“ werden. Es heißt 20.000 Soldaten. „Truppe“ und „Truppenteile“ bezeichnen im Deutschen stets Kollektive, zum Beispiel: „die Panzertruppe“, die „übende Truppe“, „Truppenteile aus Schleswig-Holstein“, „in der Truppe ist der Teufel los“.

Marschflugkörper sind keine Raketen

Achtens: Zum Abschluss dieses kleinen Lexikons für Besserwisser hier noch etwas Technisches. Marschflugkörper sind keine Raketen, beides aber sind „Flugkörper“. Woran erkennt man den Unterschied? Raketen führen alles, was sie zur Fortbewegung brauchen, mit sich. Sie werden nur in der Startphase angetrieben und beschreiben eine ballistische Flugbahn. Oft erreichen sie hohe Überschallgeschwindigkeiten (für Satellitenstarts extraatmosphärisch: 28.000 Stundenkilometer; Patriot PAC-3: Mach 5).

Marschflugkörper hingegen werden wie ein Flugzeug durch ein Jet-Triebwerk ständig angetrieben, sie „atmen“ Luft und fliegen bisher vorwiegend im Unterschallbereich (etwa Taurus oder Tomahawk), dafür aber sehr tief, um der Ortung zu entgehen. Mit einem Staustrahl-Triebwerk können Marschflugkörper auch Hyperschallgeschwindigkeiten erreichen. Der Luft-Luft-Flugkörper Meteor (Mach 4) demonstriert, dass die europäische Industrie diese Technik bereits beherrscht.

Hans-Peter Bartels