2026 beginnt mit einem vertrauten Ritual. Wir schauen in Kalender und Agenden, als ließe sich die Weltlage vorsortieren wie ein Terminstapel. Mailand, München, Ankara, Tel Aviv, Brasília, Washington – der sicherheitspolitische Jahreslauf liest sich wie ein dicht getakteter Kongresskalender. Hinter den Foren, Gipfeln und Wahlen steht die einfache Frage, ob 2026 ein Jahr wird, in dem wir die Lage endlich gestalten oder wieder nur reagieren.

Jürgen Fischer, Chefredakteur Europäische Sicherheit & Technik (ES&T), fotografiert am 20.11.2023 in Berlin. Foto: Maurizio Gambarini

Im Februar richtet sich der Blick doppelt auf Europa. In München misst die Sicherheitskonferenz den Puls der Weltpolitik. Gleichzeitig setzt sich in Mailand und Cortina d’Ampezzo die olympische Folklore wieder in Szene. Mit Blick auf die jüngere Geschichte erscheint der „olympische Frieden“ heuchlerisch. Auf die großen Spiele in Sotschi 2014 und Peking 2022 folgten jeweils harte Schläge. Wir könnten spekulieren, ob der Kreml wieder die Siegerehrungen abwartet, bevor er den nächsten Nachbarstaat ins Visier nimmt. Aber das ist die falsche Frage. Entscheidend ist nicht, was Putin sich vornimmt, sondern ob wir vorbereitet sind, wenn er es tut.

Im Juli zieht es die NATO nach Ankara. Die Türkei, seit Jahren Scharnier und Störfaktor zugleich, bietet die Bühne für den Gipfel der Bündnispartner. Dort wird sich zeigen, ob aus den großen Worten Zeitenwende, Verteidigungspläne und Produktionsoffensive belastbare Fähigkeiten geworden sind. Bis 2029 wollen die europäischen NATO-Staaten verteidigungsbereit sein. 2026 ist Halbzeit. Wer jetzt noch Strategiepapiere schreibt, statt Munitionsfabriken zu bauen, wer über Wehrdienstmodelle debattiert, aber keine Reserven aufbaut, spielt mit der Zeit, die wir nicht haben.