
Informationskrieg im 21. Jahrhundert: Machtverschiebung im Unsichtbaren
Kerstin Wild
Moderne Konflikte entstehen längst, bevor die ersten Schüsse fallen. Sie beginnen in Datenräumen, Diskursen und Köpfen. Russland zeigt, wie Information zur Waffe, zur Ressource und zum Schlachtfeld zugleich wird. Der Informationskrieg greift tief in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein und macht Informationssouveränität zur sicherheitspolitischen Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts.
Lange bevor am 24. Februar 2022 die ersten russischen Panzer die ukrainische Grenze überquerten, hatte der Konflikt längst begonnen, administrativ und symbolisch. Seit 2014 verteilte Russland in den besetzten Gebieten der Ostukraine massenhaft Pässe an lokale Bevölkerungsteile. Was vordergründig als humanitär erschien, diente in Wirklichkeit einem strategischen Ziel: dem Aufbau eines legitimatorischen Vorwands für späteres militärisches Eingreifen.

Grafik: SWP
Doch der Kampf um Territorien endet nicht an sichtbaren Frontlinien. Er setzt sich ideologisch fort. Auch heute noch verteilt Russland sogenannte „Visa für den Geist“, eine politische Erzählung, die gezielt über Medien, Bildungseinrichtungen und digitale Plattformen in Teilen der Ukraine verbreitet wird. Diese ideologischen Visa versprechen eine vermeintliche Zuflucht vor dem „westlichen Werteverfall“, vor „satanischen Einflüssen“ und „neoliberalen Zerstörungsprogrammen“, wie russische Intellektuelle und Propagandisten es formulieren.
Die Botschaft nach innen ist dabei klar: Nicht nur verteidigt sich Russland gegen einen feindlichen Westen, sondern bietet dessen Bürgern auch die Möglichkeit, Zuflucht zu suchen. Und letztere nehmen es auch an. Russland erscheint so als moralische Alternative, als sicherer Hafen in einer angeblich entgleisten Welt. Diese inszenierte Anziehungskraft wird zur selbstbestätigenden Erzählung, die den Krieg nicht nur rechtfertigt, sondern ihn als notwendig und sogar gerecht erscheinen lässt.
Clausewitz 2.0 und die strategische Macht der Wahrnehmung
Der Kampf um territoriale Kontrolle ist heute zugleich ein Kampf um Deutungshoheit. Der russische Angriff zeigt, wie Informationsräume zu strategischen Operationsfeldern werden. Weit über militärische Konflikte hinaus, bis in europäische Debatten über Energie, Migration und Sicherheit.
Wir erleben heute einen Informationskrieg, der weit über klassische Propaganda hinausgeht und gesellschaftliche Diskurse durchdringt. Narrative Steuerung, wirtschaftliche Abhängigkeiten, juristische und mediale Eingriffe wirken zusammen und bilden eine kohärente Strategie. Sie erzeugen wirkmächtige Wirklichkeitskonstruktionen, die gezielt politische und gesellschaftliche Entscheidungen vorbereiten, indem sie bestimmte Deutungen normalisieren, Zersplitterung innerhalb der Gesellschaft erzeugen, Handlungsspielräume verschieben und so den Weg für faktisches Handeln ebnen.
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