Die Rückkehr der Dragoner – allerdings auf zwei Rädern: Seit Spätherbst 2024 setzt Russland im Ukrainekrieg vermehrt auf motorisierte Infanterie, die mit zivilen Motorrädern überraschend beweglich operiert. Experten diskutieren, ob diese „Motorstrelki“ ein innovatives taktisches Konzept für das drohnendominierte Gefechtsfeld darstellen oder lediglich den Mangel an gepanzerten Kräften kaschieren.
„Die blauen Dragoner, sie reiten mit klingendem Spiel durch das Tor.“ So beginnt ein bekanntes Soldatenlied zu Ehren der Dragoner. Als Dragoner bezeichnete man ursprünglich die berittene Infanterie. Sie nutzte ihre Pferde primär zum Anmarsch in den Einsatz. Im Einsatzraum angekommen, kämpften die Dragoner wie abgesessene Infanterie. Seit Spätherbst 2024 übernimmt in Teilen der russischen Infanterie im Ukrainekrieg das Motorrad die Rolle des Pferdes der einstigen Dragoner. Die Stunde der Motorradinfanterie (Motorstrelki) war gekommen. Handelt es sich dabei um ein neues innovatives taktisches Konzept für ein von Drohnen dominierten Gefechtsfeld oder ist es die Kompensation für den Mangel an gepanzerter Infanterie und sonstiger Fähigkeiten?

Foto: MRV / Grok
Kradschützen als Vorläufer
Das Konzept der Motorradinfanterie ist auch in der Geschichte deutscher Streitkräfte bekannt. Die sogenannten Kradschützen waren eine leicht bewaffnete und mit Motorrädern hochbewegliche Truppe der Reichswehr und später der Waffen-SS. Die ersten Truppenteile wurden 1934/35 aufgestellt und den Aufklärungsverbänden der Panzerdivisionen unterstellt. Auch wenn ihre Hauptaufgabe in der Aufklärung lag, waren sie zum infanteristischen Kampf zu Fuß befähigt. Die Stärken der Kradschützen lagen in ihrer Beweglichkeit, Schnelligkeit und damit im Ausnutzen des Überraschungsmomentes. Die Unbilden des östlichen Kriegsschauplatzes in Form von Schlamm, Staub und Schnee ließen ihre Kampfkraft bald schmelzen. Sie wurden folglich aufgelöst und mit anderer Ausstattung in andere Verbände eingegliedert.

Foto: MRV / Grok
Kämpfen unter der Drohnenmauer
In einem Krieg, in dem bisher keine Partei die Luftüberlegenheit erringen konnte, stoßen groß angelegte mechanisierte Operationen an Grenzen. Das russische Heer ist nicht in der Lage, eine raumgreifende Operation nach den Grundsätzen des Gefechts der verbundenen Waffen zu führen, die ukrainische Verteidigung aufzubrechen und zu durchstoßen. Das ukrainische taktische Einsatzkonzept der Drohnenmauer bevorteilt die Verteidigung. Ein Korridor von zehn bis 15 Kilometern wird Tag und Nacht lückenlos überwacht. Massierte Angriffsgruppierungen werden rechtzeitig aufgeklärt und mit Drohnen und Artilleriefeuer zerschlagen. Folglich erfolgen die Gefechtshandlungen im Allgemeinen nur auf Gruppen- bis Kompanieebene.
Die Russen führen ihre Angriffe mit kleinen abgesessenen Infanteriesturmgruppen. Nach massiver artilleristischer Feuervorbereitung erfolgen wellenartige abgesessene Angriffe von Sturmgruppen der Infanterie. Man nennt dieses Vorgehen auch „Fleischwolf-Taktik“. Einzelne Kampf- und Schützenpanzer kommen nur noch als direkte Feuerunterstützung zum Einsatz. Diese Taktik ist ausgesprochen verlustreich. 2024 forderte diese Angriffsweise bis zu 100 Verluste pro gewonnenem Quadratkilometer. Um die Schnelligkeit und die Beweglichkeit und somit auch die Überlebensfähigkeit ihrer Infanteriesturmgruppen zu verbessern, rüsteten die Russen sie mit zivilen Kraftfahrzeugen, Geländewagen und hauptsächlich mit Motorrädern aus. Man versprach sich davon eine Kampfkraftsteigerung bei gleichzeitiger Reduzierung der Verluste an gepanzerten Gefechtsfahrzeugen.
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