Die Bedrohung kommt leise, aus geringer Höhe – und sie trifft Wirtschaft und Infrastruktur mitten ins Herz. Unbemannte Fluggeräte sind längst nicht mehr nur ein Thema für Militärs oder Spezialkräfte, sondern eine sicherheitspolitische Realität für Flughäfen, Industrieanlagen, Energieversorger und Verkehrsknotenpunkte. Genau darum ging es bei der Netzwerkveranstaltung „Gefahr für Wirtschaft und Infrastruktur – Drohnen erkennen und abwehren“, die Anfang Dezember im Aero Flight Test Center in Gauting stattfand. Veranstaltet wurde sie vom bayerischen Luft- und Raumfahrtcluster bavAIRia e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium.

Reale Bedrohung im zivilen Luftraum

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) nutzte die Veranstaltung für einen deutlichen Appell an Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Die Gefahr sei real und niedrigschwellig: „Heute kann nahezu jeder für wenig Geld eine Drohne im Handel erwerben.“ Gelange ein solches Gerät auf ein Werksgelände oder in die Nähe eines Flughafens, könnten innerhalb kürzester Zeit Millionenschäden entstehen. Besonders heikel sei die unscharfe Grenze zwischen harmloser Freizeitdrohne und potenzieller Waffe – eine strategische Grauzone, die Deutschland verwundbar mache.

In Gauting bei München trafen deshalb Technologieanbieter auf Anwenderbranchen. Vertreter der Flughäfen München, Nürnberg und Memmingen diskutierten mit Betreibern von Häfen, Energieinfrastrukturen, Messegesellschaften und großen Sportarenen. Auf der Angebotsseite präsentierten rund 15 spezialisierte Unternehmen ihre Lösungen – von Start-ups mit Software- und KI-Ansätzen bis hin zu etablierten Rüstungsunternehmen wie Hensoldt, Diehl Defence oder Rheinmetall.

Technologien im Wandel: Von der Detektion zum Lagebild

Daneben zeigten auch aus Bayern stammende Anbieter wie Alpine Eagle, Tytan und Walaris, wohin sich der Markt entwickelt: weg vom reinen „Abschussdenken“, hin zu Früherkennung, Klassifizierung und Lagebild. Alpine Eagle demonstrierte sensorbasierte Detektionslösungen mit KI-gestützter Auswertung, Tytan vernetzte unterschiedliche Sensoren zu modularen Gesamtsystemen, und Walaris fokussierte sich auf leistungsfähige Radarsysteme für den zivilen Luftraum. Allen Ansätzen gemeinsam ist der Versuch, Drohnen möglichst früh zu erkennen und richtig einzuordnen – denn im zivilen Umfeld ist jede Fehlentscheidung teuer.

Gleichzeitig wurde deutlich: Eine „One size fits all“-Lösung existiert nicht. Die Anforderungen eines Flughafens unterscheiden sich fundamental von denen eines Umspannwerks, eines Hafens oder eines Fußballstadions. Hinzu kommt ein zentrales Dilemma, das Aiwanger plastisch beschrieb. Als Jäger wisse er, dass es einen Unterschied mache, ob etwas kontrolliert zu Boden gehe – oder ob eine abgeschossene Drohne auf einen Kindergarten stürze. Diese sogenannte Hinterlandgefährdung begrenzt den Einsatz kinetischer Mittel erheblich.

Netzwerkveranstaltung „Gefahr für Wirtschaft und Infrastruktur – Drohnen erkennen und abwehren“ am 9. Dezember 2025 im Aero Flight Test Center in Gauting. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger warnte: „Die Grenze zwischen harmlos und gefährlich ist oft unsichtbar – das macht uns strategisch verwundbar.“  (Foto © Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie)
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ei der Veranstaltung „Gefahr für Wirtschaft und Infrastruktur – Drohnen erkennen und abwehren“ im Aero Flight Test Center in Gauting.

Zwar präsentierte Rheinmetall in Gauting das obere Ende der militärischen Fähigkeitenpalette – inklusive Radar, elektronischer Kampfführung und programmierbarer 30-Millimeter-Munition. Für den breiten zivilen Einsatz aber sind solche Systeme kaum geeignet. Die bayerische Polizei arbeitet bislang mit deutlich leichteren Mitteln: schultergestützten Jammern, netzwerfenden Systemen oder spezialisierten Einsatzkräften. Ein angekündigtes Drohnenkompetenzzentrum der Polizei in Erding soll diese Fähigkeiten bündeln, doch selbst dort ist klar: Eine zentrale Einheit wird niemals jede Hochspannungsleitung oder jedes Umspannwerk rechtzeitig schützen können.

So entsteht ein Markt, der wächst – aber noch in Bewegung ist. Viele der in Gauting gezeigten Systeme befinden sich noch in der Erprobung. Sie sind technologisch anspruchsvoll, aber längst nicht in dem Maße kampferprobt, wie es die oft improvisierten, hemdsärmeligen und zugleich erstaunlich effektiven Lösungen aus der Ukraine sind. Der russische Angriffskrieg wirkt hier wie ein brutaler Realitätscheck: Er zeigt, was unter Gefechtsbedingungen tatsächlich funktioniert – und was nicht.

Bayern versucht, diese Lücke strategisch zu schließen. Cluster wie bavAIRia, Plattformen wie Bayern Innovativ und Netzwerke wie Munich Aerospace verknüpfen Industrie, Forschung und Anwender. Förderprogramme der Hightech Agenda und der Holistischen Air Mobility Initiative Bayern haben gezielt Kompetenzen aufgebaut, die nun sicherheitsrelevant werden. „Die bestehenden technischen Möglichkeiten zur Drohnenerkennung und -abwehr sind beeindruckend“, sagte Aiwanger – zeigten aber zugleich, wo weiterer Bedarf bestehe.

Regulatorische Lücken bremsen den Fähigkeitsaufbau

Was zwischen Angebot und Nachfrage noch fehlt, sind vor allem klare rechtliche Rahmenbedingungen. Wer welche Systeme wann und unter welchen Umständen einsetzen darf, ist in Deutschland bislang nur unzureichend geregelt. Ohne Rechtssicherheit bleibt selbst die beste Technik wirkungslos.

Die Veranstaltung in Gauting machte vor allem eines deutlich: Drohnenabwehr ist keine Zukunftsfrage mehr, sondern eine Standort- und Sicherheitsfrage der Gegenwart. Der Markt entsteht nicht aus militärischer Logik, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Wer kritische Infrastruktur schützen will, braucht realistische Erwartungen, robuste Technik – und den politischen Willen, aus Erprobung belastbare Fähigkeiten zu machen. Die unsichtbare Grenze in der Luft ist längst überschritten. Jetzt entscheidet sich, wer sie kontrolliert.

Oliver Rolofs