
Unterwasser-Drohnenangriff in Noworossijsk: Was über Treffer, Schaden und Mittel bekannt ist
Hans Uwe Mergener und Michael Nitz
Am 15. Dezember 2025 kam es im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk zu einer Unterwasserexplosion in unmittelbarer Nähe eines dort liegenden russischen Diesel-U-Boots vom Typ Projekt 636.3 („Varšavyanka“, NATO: Improved Kilo). Der ukrainische Sicherheitsdienst SBU erklärte, man habe erstmals in der Geschichte mit einer Unterwasser-Drohne ein U-Boot angegriffen und „kritisch beschädigt“. Moskau bestätigte zwar einen Vorfall, wies jedoch jede Beschädigung von Schiffen oder Besatzungen zurück.
Was ist passiert?
Satellitenbilder belegen Schäden an der Hafeninfrastruktur von Noworossijsk infolge einer Explosion. Ergänzend veröffentlichte Videoaufnahmen der Ukraine lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Die Detonation ereignete sich in unmittelbarer Nähe eines an einer Innenpier liegenden Kilo-U-Bootes. OSINT-Analysen verorten den Explosionspunkt etwa 10 bis 30 Meter achteraus des Bootes im Bereich der Hecksektion. Damit ist eine Explosion in unmittelbarer Nähe des U-Bootes unstrittig. Offen bleibt der Umfang der Auswirkungen auf das U-Boot. Oberhalb der Wasserlinie sind am U-Boot keine Schäden auszumachen. Doch erscheint die Auswahl des Detonationspunktes im Heckbereich sehr bewusst getroffen worden zu sein, um größtmögliche Wirkung an den verwundbaren Stellen wie Propeller, Ruder und Welle zu verursachen.

Was wissen wir zum Schaden: Mission Kill
Satellitenbilder zeigen deutliche Zerstörungen an Pier- und Hafeninfrastruktur. Ob und in welchem Ausmaß das U-Boot selbst beschädigt wurde, bleibt offen. Technisch ist relevant: Ein Treffer oder eine starke Druckeinwirkung im Heckbereich kann Propeller, Welle und Ruderanlage beeinträchtigen. Ein struktureller Schaden an Propeller, Welle oder Ruderanlage würde das Boot zumindest vorübergehend manövrierunfähig machen. Eine Instandsetzung ohne Dock ist in einem derartigen Fall kaum realistisch. Zwar verfügt Russland im Schwarzmeerraum über entsprechende Anlagen, deren Nutzung ist jedoch angesichts der Sicherheitslage mit erheblichen Risiken verbunden. Die russische Darstellung einer vollständig wirkungslosen Attacke steht damit zumindest im Widerspruch zur nachweisbaren Explosionswirkung. Auch ohne Totalverlust käme eine derartige Beschädigung einer funktionalen Neutralisierung gleich, mit erheblichen Folgen für die Einsatzverfügbarkeit („Mission Kill“).

Das eingesetzte Seekriegsmittel
Die Ukraine bezeichnet das eingesetzte System als „Sub Sea Baby“ und liefert bisher fast ausschließlich verbale Beschreibungen und ein Explosionsvideo aus Hafennähe. Konkrete technische Daten (Länge, Durchmesser, Antrieb, Sensorik, Gefechtskopfmasse) werden nicht veröffentlicht, belastbare Bilder des UUV fehlen. Die Überwasserdrohne „Sea-Baby“ ist seit 2023 als ukrainische Seedrohne mehrfach belegt, unter anderem bei Angriffen auf die Krim-Brücke und russische Marineziele in Sewastopol. Öffentliche Hinweise auf einen bisherigen Unterwassereinsatz existieren nicht. Ob der Angriff von Noworossijsk auf einer ‚tiefgreifend‘ modifizierten Variante dieser Plattform beruht oder auf einer eigenständigen UUV-Entwicklung, bleibt offen. Gleichwohl kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um ein eigenständiges Unterwasserfahrzeug handelt. Womit die Bezeichnung „Sub Sea Baby“ vielleicht eher als Markierung einer neuen Einsatzart oder als ein Fähigkeitslabel und nicht als Nachweis eines von Grund auf neu entwickelten UUV‑Programms zu deuten ist.

Nach übereinstimmender Einschätzung ukrainische und regionaler Fachkreise handelte es sich bei dem in Noworossijsk durchgeführten Angriff mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein torpedoähnlich aufgebautes System mit konventionellem Gefechtskopf im Bereich mehrerer hundert Kilogramm. Programme wie „Toloka“ zeigen, dass die Ukraine parallel zu ihren Überwasserdrohnen vollständig neue UUV-Architekturen entwickelt und diese erst spät oder fragmentarisch offenlegt. Wie die beigefügten Screenshots zeigen, könnten unterschiedliche Modelle von Toloka eine Rolle gespielt haben.
Folgen und Einordnung
Unabhängig vom genauen Schadensumfang am U-Boot markiert der Vorfall eine weitere Eskalationsstufe der ukrainischen asymmetrischen Seekriegsführung. Noworossijsk galt nach dem Rückzug aus Sewastopol als vergleichsweise sicherer Ausweichhafen der russischen Schwarzmeerflotte. Der Angriff zeigt, dass auch gesicherte Basen im rückwärtigen Raum keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Für Russland bedeutet dies zusätzlichen Dislozierungsdruck, steigenden Aufwand für Hafenverteidigung – und eine weitere Einschränkung der ohnehin geschwächten U-Boot-Komponente im Schwarzen Meer. Von ursprünglich sieben U-Booten der modernisierten Kilo-Klasse (Projekt 636.3) kann die Schwarzmeerflotte nunmehr gerade auf zwei oder drei zurückgreifen. Nach dem Verlust der „Rostov-na-Donu“ (B-237), den beiden vor Kriegsbeginn ins Mittelmeer entsandten „Krasnodar“ (B-265) und „Novorossiysk“ (B-261) verblieben „Alrosa“ (B-871), „Kolpino“ (B-271), „Stary Oskol“ (B-262) und „Veliky Nowgorod“ (B-268). Über das Schicksal der „Stary Oskol“ ist wenig bekannt. Der OSINT-Analyst H.I. Sutton geht von der „Alrosa“ als Zielobjekt aus.
Eigene Recherchen legen nahe, dass die „Alrosa“, ein älteres U-Boot der Kilo-Klasse und damit nicht mit den Booten des Projektes 636.3 zu vergleichen, sich nicht in Noworossijsk aufhält.

Die Auswahl eines U-Bootes als Zielobjekt wurde offensichtlich sehr bewusst getroffen. Dafür spricht die gezielte Umgehung anderer potenzieller Ziele zugunsten eines Angriffs auf ein U-Boot. Der Anmarsch durch den stark frequentierten Hafen erforderte präzise Navigation und ein gezieltes Manöver zur Ausrichtung auf die U-Boot-Liegeplätze.
Weiter gedacht
Bemerkenswert ist dabei die strategische Asymmetrie: Eine Nation ohne eigene Hochsee- oder Randmeermarine zwingt eine etablierte Seemacht zur defensiven Dislozierung und bindet weite Teile ihrer regionalen Flotte – von Unterseebooten über Überwassereinheiten und fliegende Komponenten bis hin zu Sicherungs-, Aufklärungs- und Führungsstrukturen.

Der ukrainische Ansatz zeigt, dass maritime Wirkung heute nicht mehr primär aus Flottenstärke erwächst, sondern aus der Fähigkeit, Verwundbarkeiten zu erzwingen. Das hat über den Schwarzmeerraum hinaus Relevanz. Dass ausgerechnet die Ukraine – ohne klassische Marine – den Seekrieg im Schwarzen Meer prägt, verweist auf einen strukturellen Wandel maritimer Machtprojektion. Der Schutz von Häfen und rückwärtigen Basen wird damit zu einer zentralen strategischen Herausforderung moderner Seestreitkräfte.

Quellenhinweis: Der Beitrag stützt sich auf ukrainische und russische Behördenverlautbarungen, regionale Medien, Telegram-Kanäle und OSINT-Auswertungen aus der Ukraine, Russland, der Türkei, Rumänien und Bulgarien. Westliche Fachmedien wurden ausschließlich zur technischen Kontextualisierung herangezogen. Während auf sozialen Netzwerken der Angriff weitgehend entlang der ukrainischen Darstellung als historisches Ereignis geframt wird, gehen OSINT‑Accounts und einige Nutzer in X‑Threads stärker auf Details des Trefferbildes und die Begrenztheit der Schadensanalyse ein.
Hans Uwe Mergener und Michael Nitz













