
NSS 2025: Taiwan im Zentrum amerikanischer Machtprojektion
Jannis Düngemann
Die kürzlich veröffentlichte National Security Strategy (NSS) der Trump-Administration hat große Wellen geschlagen. Vor allem ideologisch geprägte Passagen zu Europas Innenpolitik stießen hierzulande auf Unverständnis und Kopfschütteln. So verbat sich der deutsche Außenminister Wadephul „externe Ratschläge“ zu Fragen der freien Meinungsäußerung oder „der Organisation unserer freiheitlichen Gesellschaften“. Bundeskanzler Merz nannte Teile der Strategie „aus der europäischen Sicht inakzeptabel“. Doch der viel kritisierte Abschnitt „Promoting European Greatness“ ist nur ein Teilaspekt der gesamten NSS. Der asiatischen Region wird in dem 29-seitigen Dokument eindeutig mehr Platz eingeräumt.

Dabei vollzieht Washington eine deutliche Schärfung seiner indopazifischen Ausrichtung. Das Dokument macht unmissverständlich klar, dass die langfristige Sicherung der amerikanischen Vormachtstellung direkt an die Stabilität in der Straße von Taiwan gekoppelt ist. Die Administration artikuliert dabei einen Ansatz, der militärische Stärke nicht als Selbstzweck, sondern als direkte Folge wirtschaftlicher Überlegenheit betrachtet. Langfristig, so die Analyse, sei die Aufrechterhaltung der militärischen, technologischen und ökonomischen Dominanz der sicherste Weg, um einen Großkonflikt mit China zu verhindern.
Taiwan als geostrategischer Dreh- und Angelpunkt
Die Strategie rückt Taiwan aus zwei primären Gründen in den Fokus der amerikanischen Sicherheitsarchitektur. Zum einen wird die dominante Rolle der Insel bei der Halbleiterproduktion hervorgehoben, die für die moderne Weltwirtschaft unverzichtbar ist. Weitaus stärker gewichtet das Strategiepapier jedoch die geographische Lage: Taiwan bietet den direkten Zugang zur sogenannten „Zweiten Inselkette“ und trennt Nordostasien operativ von Südostasien.

Ein Verlust der Insel würde China die Kontrolle über Seewege ermöglichen, auf denen jährlich ein Drittel des globalen Warenverkehrs transportiert wird. Die NSS definiert die Verhinderung eines Konflikts um Taiwan daher als Priorität für die US-Wirtschaft. Das erklärte Ziel bleibt der Erhalt des Status quo; einseitige Veränderungen in der Taiwanstraße lehnt Washington kategorisch ab. Um dies zu gewährleisten, setzen die USA auf ein günstiges konventionelles militärisches Gleichgewicht – eine diplomatische Umschreibung für militärische Überlegenheit („Overmatch“). Ein Status, dessen Aufrechterhaltung in Zukunft durch die rasante chinesische Aufrüstung in Frage gestellt wird.
Die „Erste Inselkette“: Bündnisforderungen und Abschreckung
Ein Schlüsselelement der neuen Doktrin ist die Forderung nach einer massiven Stärkung der Verteidigungslinien entlang der „Ersten Inselkette“. Die USA kündigen an, ein Militär aufzubauen, das Aggressionen an jedem Punkt dieser geographischen Linie abwehren kann („deny aggression“). Gleichzeitig macht die Trump-Administration deutlich, dass die amerikanischen Streitkräfte diese Last nicht allein tragen können und werden. Denn die Aufrechterhaltung militärischer Überlegenheit in direkter Konkurrenz mit China ist äußerst kosten- und ressourcenintensiv.
Der Druck auf Verbündete – explizit werden Japan und Südkorea genannt – soll daher signifikant erhöht werden. Die NSS fordert von diesen Partnern nicht nur eine Erhöhung der eigenen Verteidigungsausgaben, sondern verlangt konkrete Maßnahmen zur Abschreckung („deterrence“). Dies beinhaltet die politische Bereitschaft, dem US-Militär erweiterten Zugang zu Häfen und Stützpunkten zu gewähren sowie in Fähigkeiten zu investieren, die eine maritime Abriegelung der Inselkette ermöglichen. Der ausgeübte Druck zeigte bereits Wirkung: Japan gab im November die Aufrüstung des exponierten Außenpostens auf Yonaguni, 100 Kilometer vor Taiwan, bekannt.

Wirtschaftskrieg als Mittel der Friedenssicherung
Parallel zur militärischen Komponente definiert die NSS die wirtschaftliche Entflechtung als sicherheitspolitische Notwendigkeit. Das Papier konstatiert, dass die Handelsbeziehungen zu China „fundamental unausgewogen“ seien und Peking seine Exporte zunehmend über Drittstaaten in den US-Markt schleuse. Die Antwort der USA ist eine aggressive Rückverlagerung von Lieferketten und der Schutz kritischer Technologien.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Sicherung von Ressourcen wie seltenen Erden und der Unterbindung von Industriespionage. Washington plant, seine Allianzsysteme in einen ökonomischen Block zu konsolidieren, der gemeinsam gegen „räuberische Wirtschaftspraktiken“ vorgeht. Ziel ist es, amerikanische Investitionen und Hochtechnologie gezielt als diplomatische Hebel im sogenannten „Globalen Süden“ einzusetzen, um den chinesischen Einfluss dort zurückzudrängen.

US-Verteidigungsetat 2026: Fokus auf Taiwan im Budget eingepreist
Doch nicht nur die grobe strategische Ausrichtung legt Wert auf Taiwan, auch die harten Zahlen belegen die US-Ambitionen. Der sich noch im legislativen Prozess befindende US-Verteidigungsetat für das Jahr 2026 formuliert den Prioritätsstatus Taiwans jedoch deutlich detaillierter. Der Senatsentwurf für den National Defense Authorization Act 2026 sieht ein massives Unterstützungspaket für Taiwan vor, das Finanzmittel von bis zu einer Milliarde US-Dollar für Sicherheitskooperationen, insbesondere im Bereich der medizinischen Gefechtsversorgung, autorisiert. Technologisch forciert der Gesetzesvorschlag die Interoperabilität durch ein gemeinsames Programm zur Entwicklung und Produktion unbemannter Systeme sowie deren Abwehr, welches bis März 2026 operative Fähigkeiten bereitstellen soll. Auf maritimer Ebene drängt der Kongress nachdrücklich auf die Integration Taiwans in das RIMPAC-Manöver sowie auf verstärkte gemeinsame Operationen der Küstenwachen, während parallel dazu Studien zur logistischen Versorgung in der Taiwanstraße und zur Härtung der kritischen digitalen Infrastruktur der Insel die Vorbereitung auf potenzielle Konfliktszenarien schärfen sollen.
China als „Near Peer“ und amerikanische Schwächen
Die National Security Strategy 2025 betont die Bedeutung der strategischen Konkurrenz mit China und des Indopazifiks ungewohnt direkt. Der Ton der neuen Strategie ist im Vergleich zur NSS der Biden-Regierung direkter, härter und dominanter den Partnern gegenüber. Inhaltliche Zielsetzungen bleiben jedoch weitgehend dieselben.
Dabei werden auch amerikanische Schwächen sichtbar. So ist die Betonung des Drucks auf Partner in der Region direkte Konsequenz der chinesischen Fähigkeitsentwicklung, der das US-Militär laut der Strategie nicht mehr nur allein begegnen kann. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Stärke Chinas hervorgehoben und als beinahe gleichgestellt bezeichnet. Bei der Wirtschaft setzt die Trump-Administration an, bevor die militärische Abschreckung formuliert wird – ein Zeichen für sich. Eine robuste amerikanische Wirtschaft soll die Ressourcen für eine militärische Abschreckung im Indopazifik bereitstellen, während die militärische Sicherheit wiederum den Raum für unverzichtbares wirtschaftliches Handeln im Indopazifik garantiert.
Für Taiwan bedeutet dies, dass seine Sicherheit in den kommenden Jahren weniger von symbolischen Gesten abhängen wird als von der harten Integration in eine von den USA geführte militärische und ökonomische Verteidigungslinie entlang der asiatischen Küstenstaaten. Ob US-Verbündete in der Region dem Druck jedoch nachgeben und zusätzlich aufrüsten, bleibt fraglich. Auch China gewinnt zunehmend Soft Power und Verbündete und hat eigene Maßnahmen, um diplomatischen Gegendruck aufzubauen. Doch eins ist klar: Eine Entspannung ist auf den Meeren des Indopazifiks erst einmal nicht in Sicht.
Jannis Düngemann















