Bernd Kögel, künftiger Geschäftsführer der DSEI Germany, sieht in der Rüstungsschau nicht einfach nur eine sehr große Messe. „Ich prognostiziere mal, sie wird die größte und bedeutendste Messe für Sicherheit und Verteidigung in Deutschland werden“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Andreas Hornik, designierter Geschäftsführer der Studiengesellschaft der DWT, erwartet von der Politik, dass sie im Sinne der geforderten Fähigkeiten auf Fachleute hört.

ES&T: Herr Kögel, nach langjähriger Erfahrung als Geschäftsführer der Studiengesellschaft der DWT – was nehmen Sie mit aus der Informationsvermittlung in Zeiten sicherheitspolitischer und wehrtechnischer Umbrüche?

Kögel: Was ich mitnehme, ist die Überzeugung, dass wir es nur gemeinsam schaffen können. Das heißt, wir brauchen einem ehrlichen und offenen Dialog, wir müssen Sachverhalte klar ansprechen, und wir müssen genau durch diese Klarheit Vertrauen fördern. Ich glaube, das gelingt immer dann am besten, wenn man miteinander redet, nicht übereinander. Und wenn man das Ganze nicht gleich schriftlich verpackt, sondern zuerst einmal offen miteinander spricht. Dazu bedarf es geeigneter Formate.

ES&T: Herr Hornik, als neuer Geschäftsführer – wo sehen Sie den Kurs, den die DWT einschlagen muss, um mit den politischen und technologischen Entwicklungen Schritt zu halten?

Hornik: Wir haben beim diesjährigen DWT-Marineworkshop die Vokabel Agilität gehört. Aber Agilität heißt, ich habe zunächst mal einen Kurs, von dem ich links oder rechts abweichen kann. Primäre Aufgabe für mich nach Übernahme der Geschäfte von Bernd Kögel ist, erstmal den Autopiloten laufen zu lassen. Wie Bernd Kögel gesagt hat: Wir bieten Kommunikationsplattformen, einen gewissen sicheren Raum für Informationen, die wertvoll sind für alle unserer Partner der Bundeswehr und anderer Streitkräfte wie auch der Ämterebene, der Wirtschaft und der Forschung und Wissenschaft. Das ist der wesentliche Mehrwert. Agilität sehe ich dann in der Frage der Feinsteuerung, auf welche Themen wir uns aufschalten. Und da müssen wir das Ohr an der Masse haben: Welchen Informationsbedarf hat die Industrie, was sind die relevanten Themen für die Bundeswehr, was kommt aus dem Bereich F&T.

ES&T: Inwiefern übernehmen Sie da auch eine aktive Vermittlerrolle?

Hornik: Wir beide waren ewig lange bei den Streitkräften und es juckt einen immer, das, was wir an Erfahrungen haben, in die Themen aktiv mit einzubringen. Aber im Endeffekt halte ich mich an den Spicker, den mir meine Tochter an den Spiegel geklebt hat: „Papa, du musst nicht jeden Tag die Welt retten“. Es bleibt dabei, dass die SGW weiterhin eine qualitativ hochwertige Kommunikationsplattform bietet. Und dass durch unsere Expertise, das Moderieren, am Ende was Ordentliches rauskommt.

Kögel: Wir unterstützen gerne als kompetenter Kooperationspartner. Wir sind aber eine neutrale Plattform. Das heißt, wir nehmen weder die Position irgendeiner Industrie oder einer industriellen Richtung ein, noch fördern wir da irgendwas. Sondern wir versuchen den Kommunikationsbedarf des BMVg beziehungsweise der Bundeswehr mit der Verteidigungsindustrie und -forschung zu verstehen, um diesen bestmöglich auf die Bühne zu bringen. Und das machen wir – versuchen es zumindest – so neutral wie möglich, um den offenen Austausch zu ermöglichen. Das ist sozusagen die DNA der DWT.

ES&T: Herr Kögel, gerade ist die diesjährige DSEI, die größte Rüstungsmesse Europas, in London zu Ende gegangen. Sie übernehmen nun die Leitung der DSEI Germany, die erstmalig vom 9. bis 12. März 2027 in Hannover stattfinden wird. Was erwartet uns, und was wird anders sein als bei bisherigen wehrtechnischen Ausstellungen in Deutschland?

Kögel: Die DSEI Germany wird einem ähnlichen Rational folgen wie die DWT. Sie wird nämlich versuchen, die Messages des Verteidigungsministeriums aufzugreifen und so Deutschland, Europa und der NATO dienen, befreundete Staaten nicht zu vergessen. Allen, die an unserer Seite stehen, wenn es darum geht, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Auch da ist Kommunikation das A und O. Die DSEI Germany wird nicht einfach nur eine sehr große Messe – ich prognostiziere mal, sie wird die größte und bedeutendste Messe für Sicherheit und Verteidigung in Deutschland werden – sie wird auch mit sehr zielgerichtetem Content aufwarten. Wir werden also Inhalte platzieren. Die Ausstellung wird Zukunftstechnologien und die gesamte Breite moderner Verteidigungstechnologie präsentieren. Gemeinsam mit Top-Keynote-Speakern und renommierten Fachleuten werden wir die Technologie auf Bühnen in den Kontext setzen, den die geopolitische Lage erfordert. Wir freuen uns, dass die Signale auf Grün stehen, sowohl, was das Interesse des Verteidigungsministeriums als auch des BDSV an der DSEI Germany betrifft. In enger Abstimmung werden wir sicherstellen, dass wir die gerade genannten Ziele zu erreichen.

ES&T: Erwarten Sie, dass das Publikum und die Aussteller internationaler sein werden, als wir das bisher in Deutschland gesehen haben?

Kögel: Ja, ich glaube, dass wir tatsächlich auf eine ganz neue Ebene gehen werden. Ich war vor drei Wochen zu Gast bei der DSEI London. Man erlebt dort eine Internationalität, die wir so in Deutschland zumindest nach meinem Kenntnisstand noch nie gesehen haben. Das wird sich ändern, wir werden uns im Sinne unseres nationalen Interesses, eines starken Europas und einer starken NATO platzieren. Ich denke dabei nicht zuletzt an die Worte unseres Bundeskanzlers, dass die Bundeswehr die stärkste konventionelle Armee Europas werden soll. Whatever it takes!

ES&T: Wie sehen Sie beide die Zukunft der deutschen und europäischen Rüstungsindustrie und der internationalen Zusammenarbeit angesichts der Bedrohung durch Russland, der Unsicherheit im transatlantischen Verhältnis und weiteren Krisenherden?

Hornik: Soweit ich das beurteilen kann, sehe ich, dass es durch die Rahmenbedingungen einen sichtbaren Technologieschub gegeben hat, verbunden mit einer Erwartungshaltung an die wehrtechnische Industrie. Das heißt, da ist ein riesengroßer Boom. Wir sehen, dass andere Industriezweige wie Automotive erkennen, dass sie Kapazitäten und Kenntnisse haben, die sie dafür einbringen können. Wie sich das Ganze jetzt konsolidiert, deutsch, europäisch und darüber hinaus, hat so viele Einflussfaktoren – da muss ich sagen, mir fehlt die Expertise, um einen scientific wild-ass guess abzugeben.

Kögel: Ich würde mich ein bisschen weiter auf das Glatteis wagen und sagen, wir müssen es gemeinsam schaffen – und wir werden es schaffen. Sowohl die DSEI Germany als auch die Studiengesellschaft der DWT sind Teil dieses Ökosystems und leisten einen wertvollen Beitrag, indem sie Plattformen anbieten, die der dringend notwendigen, barrierefreien Kommunikation zwischen den Stakeholdern dienen. Das heißt übrigens weit mehr, als die Bundeswehr einsatzfähig zu machen. Das heißt, gesamtstaatlich und -gesellschaftlich kriegstüchtig zu werden. Resilienz ist dabei eine Conditio sine qua non. Wir müssen nicht nur Systeme beschaffen, sondern benötigen auch gesicherte Liefer- und Ersatzteilketten, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir müssen ganzheitlich verteidigungsfähig werden. Um das zu können, was wir hoffentlich nie tun müssen.

Hornik: Stichwort Konsolidierung des europäischen Rüstungsmarktes: Das wird seit 20 Jahren diskutiert. Mein Eindruck ist, Fakten schafft die Industrie selbst. Im Prinzip dadurch, was in den letzten Tagen und Wochen an Verträgen unterschrieben worden ist. Der Wirtschaftswissenschaftler würde sagen, der Markt reguliert sich selbst.

ES&T: Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik für ihre künftigen Tätigkeitsfelder?

Kögel: Natürlich ist es die Politik, die die Rahmenbedingungen setzt, sozusagen das Auftragsbuch schreibt. Dazu muss sie wissen, was die Industrie liefern kann und welche Möglichkeiten die Forschung und Entwicklung uns eröffnen wird. „Fight tonight and fight tomorrow!“

Hornik: Zu Ihrer Frage: Ich wünsche mir von der Politik, dass sie auf die Fachleute hört. Und dass Fachleute zu Wort kommen, keine sogenannten Experten. In der deutschen Sprache ist das sehr exklusiv, wenn man jemandem sagt: „Sie sind mir aber ein Experte“, ich möchte aber lieber mit Fachleuten arbeiten.

Redakteur Stefan Axel Boes (v. li.) mit Bernd Kögel und Andreas Hornik. Foto: MRV/Di Stefano

ES&T: Herr Kögel, haben Sie aus Ihrer bisherigen Erfahrung irgendwelche konkreten Ratschläge für Ihren Nachfolger?

Kögel: Mach weiter so.

Hornik: Das passt mit meiner Einleitung zusammen. Wir sind in einem Flugzeug, das genug Sprit hat. Der Kurs ist für die nächsten eineinhalb Jahre durch den Kögel gesteckt. Bedeutet erst einmal Kontinuität: Hände weg vom Steuer und beobachten. Absehbar bleibt der Autopilot aber nicht lange eingeschaltet. Wenn die oben genannte Agilität gefordert ist, bedeutet das, gemeinsam mit unseren Partnern auf die erforderlichen Themen Kurs nehmen.

ES&T: Haben Sie denn irgendwelche Ratschläge für seinen neuen Job an ihn?

Hornik: Mit der Erfahrung, die Bernd Kögel jetzt mitnimmt, wird diese Messe einen super Start haben. Und ich glaube, dass es auch im Interesse der DWT ist, dass wir dann weiter die Kommunikation halten. Wir werden uns zu relevanten Themen austauschen, davon werden wir gegenseitig profitieren. Ich glaube, die kameradschaftliche Beziehung ist eine Riesenchance für beide Sachen.

ES&T: Herr Kögel, Herr Hornik, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Stefan Axel Boes