Aktualisierung vom 30. November 2025: Nach Hinweisen von Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) präzisieren wir die Rolle des Unternehmens im polnischen Orka-Verfahren. TKMS hat in der finalen Phase kein eigenes kommerzielles Angebot an die polnische Beschaffungsbehörde abgegeben; das deutsche Lösungskonzept auf Basis der U212CD-Klasse wurde im Rahmen eines Government-to-Government-Verfahrens durch die Bundesregierung vertreten.
Die polnische Marine erhält drei neue U-Boote des Typs A26 „Blekinge“ vom schwedischen Hersteller Saab. Das deutsche Angebot von TKMS konnte sich nicht durchsetzen, obwohl die 212-Familie technologisch zu den leistungsfähigsten konventionellen U-Boot-Klassen zählt und sich in der Ostsee bewährt hat. Am Ende gab das Gesamtpaket aus operativer Passgenauigkeit, Zeitplan und industrieller Einbindung den Ausschlag zugunsten des schwedischen Angebots. Eine hohe politische Kompatibilität mit Warschaus sicherheitspolitischer Ausrichtung und belastbaren bilateralen Beziehungen mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Maßgeschneiderte Lösung für die Ostsee
Die Ostsee ist ein besonders anspruchsvolles Einsatzgebiet: seicht, eng, akustisch anspruchsvoll und stark von Sensorik überwacht. Hier zählen kleine Silhouette, maximale Geräuscharmut und hohe Manövrierfähigkeit. Die A26-Klasse erfüllt dieses Profil mit rund 2.000 Tonnen, Stirling-AIP-Antrieb mit langen Tauchzeiten, ausgeprägte Signaturreduzierung und Multi-Mission-Portal für Spezialkräfte und UUV-Operationen. Sie ermöglicht Aufklärung, Minenkrieg, U-Jagd und verdeckte Operationen – zentral für Polens maritime Strategie entlang der NATO-Ostflanke. Saab bietet darüber hinaus die Option einer modularen Sektion mit senkrechten Startrohren für spätere Marschflugkörperintegration.

TKMS bot nach vorliegenden Informationen eine Variante der U212CD-Plattform an – ein technisch sehr leistungsfähiges Boot mit modernem Brennstoffzellen-AIP. Die CD-Version ist jedoch größer und wurde gemeinsam von Deutschland und Norwegen für Einsatzanforderungen im Nordflankenraum (Nordatlantik, Barentssee, Arktis) entwickelt. In seiner Bauweise, Reichweite und Seeverhalten ist U212CD stärker hochseefokussiert als die A26, die von Saab ausdrücklich für küstennahe Einsatzprofile wie die Ostsee ausgelegt wurde.
Für Warschau wog das passgenaue Design des A26 schwerer als technologische Höchstleistung.
Zeitfaktor spricht für Saab
Die polnische Marine steht unter Druck: Die ORP Orzeł (Projekt 877E „Kilo“) ist über 35 Jahre alt. Es sieht so aus, als wollte die Streitkräfteführung einen absehbaren Fähigkeitsabriss im Unterwasserbereich verhindern und suchte daher eine Lösung, die den durchgehenden Erhalt dieser Kernfähigkeit garantierte. Saab bot konkrete Indienststellungszeiträume und eine Interimslösung durch Ausbildung auf schwedischen Booten – einschließlich der Möglichkeit zur zeitweisen Nutzung eines U-Boots der modernen Gotland-Klasse an.
TKMS hingegen konnte, wohl aufgrund der laufenden 212CD-Produktion, keine kurzfristige Übergangsplattform anbieten. Für Warschau, das seit Jahren auf Umsetzung wartet, war dies augenscheinlich ein zentrales Kriterium.
Strategischer Kontext: Bündnisse und Industriepolitik
Ein weiterer Entscheidungsfaktor mag auch die bereits bestehende industrielle Zusammenarbeit zwischen Saab und Polen gewesen sein. Der Konzern ist Generalunternehmer des neuen polnischen SIGINT-Schiffs „ORP Jerzy Różycki“ (Delfin-Klasse, Projekt 107), einem modernen elektronischen Aufklärungsschiff, das in Danzig auf der Remontowa-Werft gebaut wird. Saab liefert Systemintegration und Nachrichtentechnik, Remontowa den Rumpf. Polnische Werften fertigen bereits Rümpfe für Saab-Projekte. Der Rumpf des schwedischen SIGINT-Schiffs „HSwMS Artemis“ wurde bei PGZ Stocznia Wojenna/Nauta in Gdynia gebaut, bevor Saab in Karlskrona die Endintegration durchführte. Das unterstreicht Polens wachsende Rolle im europäischen Marine-Schiffbau und erleichterte politischen Entscheidern in Warschau, Saab als langfristigen Industriepartner zu betrachten. Darüber hinaus agiert Saab mit Aufträgen für das polnische Heer (Mehrzweck-Granatgerät Carl‑Gustaf M4), Trainingssystemen und Technologiekooperationen im Verteidigungssektor als ein umfassender Verteidigungs- und Sicherheitspartner. Echte industrielle Wertschöpfungsanteile werden in Polen bereits realisiert, nicht nur vorgesehen.

Für die Orka-A26-Boote wird eine bedeutende Einbindung polnischer Werften erwartet. Entweder bei Rumpfsektionen, Integration oder späterem MRO. Dies stärkt Polens industriepolitisches Selbstverständnis als aufsteigender maritimer Rüstungsstandort.
TKMS hat Recherchen zufolge ebenfalls Industriebeteiligung und Technologietransfer angeboten, möglicherweise mit Beteiligung polnischer Werften am Bau und MRO-Projekten (MRO- Wartung, Reparatur, Generalüberholung). Allerdings blieben diese Elemente bis zur Entscheidung nicht verbindlich genug und waren vermutlich zeitlich nicht detailliert hinterlegt. Im Gegensatz zu Saab, das mit laufenden Projekten bereits beweisen konnte, dass es industrielle Integration pragmatisch umsetzt.

Polnische Risikoabwägung
Technisch wäre auch ein deutsch-polnischer Verbund möglich gewesen. Warschau wählte jedoch den Weg einer vertieften Kooperation mit Schweden, das bereits über ausgeprägte Ostsee-U-Boot-Fähigkeiten verfügt und so ein unmittelbares maritimes Cluster ermöglicht. Dabei bewertete Polen offensichtlich das programmatische Risiko nicht vornehmlich auf Plattformebene, sondern organisatorisch: Saab konnte auf bereits etablierte Industriepartnerschaften und Integrationsstrukturen in Polen verweisen, während das deutsche Angebot stärker von künftigen Abstimmungen im multinationalen 212CD-Programm abhängig war. Die sofort realisierbare Ausbildungslösung und eine potenzielle Übergangsplattform waren zudem wichtige Faktoren.
Am Ende entschieden nicht technologische Unterschiede, sondern ein aus polnischer Sicht stimmigerer Gesamtrahmen aus Operativität für die Ostsee, Zeitplan, industrieller Beteiligung und klaren organisatorischen Verantwortlichkeiten.
TKMS bleibt technisch Benchmark-Anbieter in Europa, doch in Polen reichte Exzellenz allein nicht. Warschau suchte Fähigkeiten jetzt, Industriepartnerschaft breit und strategische Einbettung tief. Saab hat geliefert.
Hans Uwe Mergener
Anmerkung der Redaktion (30. November 2025)
Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) weist darauf hin, dass das Unternehmen in der finalen Phase des polnischen U-Boot-Programms Orka kein eigenes kommerzielles Angebot an die polnische Rüstungsagentur abgegeben hat. Hintergrund ist der Wechsel hin zu einem Government-to-Government-Verfahren, in dem Angebote durch die beteiligten Regierungen unterbreitet werden. Das deutsche Lösungskonzept auf Basis der U212CD-Klasse wurde daher durch die Bundesrepublik Deutschland vertrete. TKMS war damit formal nicht als direkter Bieter, die zugrunde liegende Technologie jedoch bis zur Entscheidung Teil des Verfahrens.


















