China hat diese Woche einen entscheidenden Meilenstein in der Modernisierung seiner Seestreitkräfte erreicht. Der dritte und bisher fortschrittlichste Flugzeugträger des Landes, die „Fujian“, wurde am 6. November offiziell in Dienst gestellt. Präsident Xi Jinping nahm am Mittwoch an der Flaggenzeremonie in der Provinz Hainan teil und inspizierte das Schiff. Die Indienststellung markiert ein neues Kapitel für die Marine der Volksbefreiungsarmee (PLAN), die ihre Kapazitäten rasant ausbaut.

Technologische Fähigkeitserweiterung
Im Gegensatz zu ihren beiden Vorgängern, der „Liaoning“ und der „Shandong“, die auf russischen Designs basieren und eine „Ski-Jump“-Startrampe verwenden, ist die Fujian eine vollständige Eigenentwicklung. Das Schiff verfügt über ein flaches Flugdeck und ist mit elektromagnetischen Katapulten (EMALS) ausgestattet. Diese Technologie stellt einen erheblichen Fortschritt dar und macht die „Fujian“ zu einer schlagkräftigeren Plattform.
Die elektromagnetischen Katapulte überwinden die Beschränkungen der Ski-Jump-Starts, die das maximale Startgewicht von Flugzeugen limitieren. Laut Berichten aus chinesischen Militärkreisen ermöglicht das EMALS-System einen Flugzeugstart innerhalb von 45 Sekunden, was die Zahl der täglichen Einsätze auf 270 bis 300 steigern könnte – eine Vervierfachung gegenüber der „Shandong“.
Dieser technologische Sprung erlaubt den Einsatz einer neuen Generation von Flugzeugen. Während der Erprobungsfahrten wurden bereits Starts des neuen katapultfähigen Tarnkappenjägers J-35, einer Variante des J-15-Jägers und des Frühwarnflugzeugs KJ-600 beobachtet. Insbesondere das KJ-600 erweitert den Überwachungs- und Warnradius der Flotte um Hunderte von Kilometern und ermöglicht Operationen weit über die „Verteidigung der nahen Seezonen“ hinaus.
Die „Fujian“ kann nun Jets wie den J-35 mit voller Treibstoff- und Waffenlast starten. Das elektromagnetische Katapultsystem gilt als sicherer, kommt laut chinesischen Angaben mit 30 % weniger Wartungspersonal aus als Dampfkatapulte und basiert zu 98 % auf lokaler Fertigung.

Chinas langer Weg zum Flugzeugträger
Die Fujian ist das vorläufige Ergebnis jahrzehntelanger Ambitionen. Chinas Interesse an Trägertechnologie reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Über Jahre hinweg erwarb und studierte die Volksrepublik ausgemusterte Träger, darunter die australische HMAS „Melbourne“ und die sowjetischen Träger „Minsk“ und „Kiev“.
Den entscheidenden Schritt markierte der Kauf der unfertigen „Varyag“ aus der Ukraine. Dieses Schiff wurde vollständig überholt und 2012 als „Liaoning“ in Dienst gestellt. Darauf folgte die „Shandong“, das erste im Inland gebaute Schwesterschiff, das ebenfalls auf dem STOBAR-Konzept (Short Take-Off But Arrested Recovery) der „Liaoning“ basiert.

Vom Duo zum Trio: Eine neue strategische Realität
Mit der Indienststellung der „Fujian“ erreicht die PLAN nun die Fähigkeit zu einer konstanten Trägerpräsenz auf See. Chinesische Quellen betonen, dass ein System aus drei Flugzeugträgern eine ausgewogene Rotation ermöglicht: ein Träger im Einsatz, einer im Training und einer in der planmäßigen Wartung.
Wie wichtig die wachsende Einsatzerfahrung ist, zeigten Operationen Anfang des Jahres. Laut einem Bericht der Japanischen Maritimen Selbstverteidigungsstreitkräfte (JMSDF) führten die Träger „Shandong“ und „Liaoning“ vom 8. bis 16. Juni erstmals duale Trägeroperationen im Pazifischen Ozean durch. Dieser Verband operierte südlich von Okinawa und drang weiter in den Pazifik vor als je zuvor, wobei er die sogenannte zweite Inselkette passierte.
Während dieser Übung demonstrierten die beiden Träger eine hohe Einsatzkadenz. Die Hinzunahme der „Fujian“ als eigenständige Trägerkampfgruppe wird es China nun ermöglichen, solche komplexen Einsätze nicht nur zu üben, sondern dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Der chinesische Militärexperte Zhang Xuefeng betonte die Bedeutung dieser Tatsache für mögliche Konflikte der Zukunft in einem Kommentar zur Indienststellung: „Die Präsenz von drei Flugzeugträgern ermöglicht China eine effektive Reaktion auf Notfälle, schnelle Verlegungen und die Abwehr von Provokationen bestimmter Länder. Ich glaube, dass der Flugzeugträger „Fujian“ die Begeisterung mancher ausländischen Politiker gedämpft hat und sie dreimal überlegen lässt, bevor sie versuchen, sich mit Gewalt in Chinas innere Angelegenheiten einzumischen.“
Der Konflikt um Taiwan wir von China aufgrund der umstrittenen völkerrechtlichen Lage der Insel als eine solche „innere Angelegenheit“ angesehen. Die durch die „Fujian“ erreichte Fähigkeitserweiterung der chinesischen Marine wird also auch in chinesischen Kreisen als direkte Herausforderung an die USA gesehen, deren global operierenden Trägerflotte bisher ein Kernelement des US-amerikanischen „Full spectrum dominance“ Konzeptes bildete. Mehrere voll operationsfähige chinesische Trägerkampfgruppen würden diese Dominanz zumindest im Südchinesischen Meer aufweichen.

Fujian hat jedoch auch Schwächen
Trotz des Fortschritts weisen Analysten auf verbleibende Herausforderungen hin. Sicherheitsexperten schätzen, dass die Fujian mindestens ein weiteres Jahr benötigen wird, um die volle Einsatzfähigkeit zu erreichen. Jüngste Aufnahmen von den Erprobungen zeigten J-15-Jäger, die unbewaffnet von den Katapulten starteten, was auf eine frühe Testphase hindeutet. Darüber hinaus ist die Fujian wie ihre Vorgänger dieselbetrieben und verfügt nicht über die globale Reichweite nukleargetriebener US-Träger. Die volle Reichweite der Fujian wird auf circa 18.500 Kilometer geschätzt.
Doch die Rolle der Fujian liegt wahrscheinlich nicht in einer global operierenden Flotte, sondern vor den Küsten Chinas, speziell im Bereich der ersten und zweiten Inselkette. Für darüberhinausgehende Operationen ist bereits der nächste Schritt in Arbeit: Ein viertes Schiff, der sogenannte Typ 004, befindet sich seit 2024 im Bau und wird Gerüchten zufolge über einen Nuklearantrieb verfügen und könnte bis zu 100 Luftfahrtzeuge fassen.
Jannis Düngemann




















