Helsing setzt bei seinem „Loitering Munition“-System auf hohe Automatisierung und robuste Zielerfassung. In einem Exklusivgespräch erklärt das Rüstungs-Start-up aus München, wo seine Drohnen den Ansprüchen der Bundeswehr aus seiner Sicht gerecht wird.

Die Bundeswehr erprobt Kamikaze-Drohnen („Loitering Munition“) von drei deutschen Herstellern unter einsatznahen Bedingungen. Für die Modelle von Stark („Virtus“) und Helsing („HX-2“) laufen bereits seit April realitätsnahe Tests und entsprechende Vorverfahren. Fragezeichen gibt es derweil rund um die Drohne „Raider“ von Rheinmetall. Das Modell ist offenbar in einem frühen Entwicklungsstadium und konnte bislang nicht präsentiert werden.

Doch auch die bisherigen Feldversuche werfen Fragen auf. Die Tests hätten „von den Firmen eingeräumte technische Herausforderungen und Defizite“ gezeigt, wie Medien aus internen Papieren des Beschaffungsamts zitieren.

Die Firma Helsing hat vor diesem Hintergrund zu einem exklusiven Gespräch eingeladen, um über Erkenntnisse der Erprobungsphase und Verbesserungen ihrer Produkte zu informieren. Zu dem Kreis gehörte auch die „Europäische Sicherheit & Technik“. Im Fokus der Tests haben nach Angaben des Rüstungs-Start-ups Robustheit, präzise Endanflüge und die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Aufklärungsmitteln gestanden. Dabei sei es darum gegangen, Zielkoordinaten als Missionspaket zu übergeben, die der Effektor selbstständig wiederfindet und bekämpft.

Die Bundeswehr hatte die Kamikaze-Drohnen im Oktober auf einem Truppenübungsplatz Munster in der Lüneburger Heide getestet. Auf dem Programm der Probeflüge standen Aufrüsten, Start von der Schiene, Live-Zielaufklärung und der Anflug auf Zielattrappen. Die britische „Financial Times“ berichtete über den Verlauf der geheimen Übung. Demnach habe die Stark-Drohne ihr Ziel zweimal verfehlt, eine sei unkontrolliert über bewaldetem Gebiet niedergegangen. Das Start-up zeigte sich auf ES&T-Anfrage zu den Erprobungen „zuversichtlich, bereits vor 2027 ein zertifiziertes deutsches Loitering-Munition-System liefern zu können“.

Helsing präsentiert in mehreren Ländern „Loitering Munition“

Helsings Drohne HX-2 hat nach Informationen dieser Redaktion bei dem Feldtest in Munster besser abgeschnitten. Entsprechend zufrieden zeigten sich Vertreter des Verteidigungsunternehmens während des Exklusivgesprächs über die eigenen Ergebnisse, vor allem mit der Präzision und Automatisierung des Produkts.

Helsing hatte in den vergangenen Wochen in mehreren Ländern seine „Loitering Munition“ unter realitätsnahen Bedingungen vorgeführt. Nach Firmenangaben bedienten vor allem Soldaten die Systeme. „Früher steuerte der Bediener die Drohne aktiv als Pilot-in-the-Loop“, erklärte Niklas Köhler, Mitgründer und Chief Product Officer von Helsing. „Heute verschiebt sich seine Rolle zum Operator-on-the-Loop. Er überwacht, bestätigt oder bricht ab, während die Mission automatisiert abläuft.“ Grundlage dafür sei eine GNSS-unabhängige Navigation – GNSS steht für „Global Navigation Satellite System“ – mit terraingestützter Ortung und anschließender automatisierter Zielbestätigung.

Verbesserungen erfolgen primär in Software und Payload

Für die Wirkung im Ziel verwies Helsing während des Gesprächs auf modular integrierbare Hohlladungs-Gefechtsköpfe, darunter Varianten aus der AT4-Familie sowie ein bereits marktetabliertes spanisches Produkt, so dass auf neue, zeitaufwendige Zulassungsverfahren verzichtet werden könne. Nach Unternehmensangaben werden Penetrationsleistungen bis etwa 800 mm RHA angeboten. RHA steht für „Rolled Homogeneous Armour“ und dient als Vergleichsmaß für die Durchschlagsleistung gegen Panzerstahl. Damit liege das angebotene Leistungsniveau über früheren Zielwerten um 550 mm RHA und decke aktuelle Anforderungen der Panzerabwehr ab.

HX-2 im Zielanflug: Die „Loitering Munition“ kurz vor dem Einschlag in die Zielattrappe auf dem Testgelände. Foto: Helsing

Beim Trägersystem selbst sieht Helsing seine HX-2-Drohne in einem robusten, breit erprobten Reifezustand. Künftige Verbesserungen würden voraussichtlich primär im Bereich Software und Payload erfolgen: Anpassungen von Anflugwinkeln, Taktiken gegen Gegenmaßnahmen, Sensor-Upgrades und Datenlinks können in die Missionslogik einfließen, ohne die Flugplattform grundlegend verändern zu müssen. Der „Airframe“ bleibe für die geforderte Reichweite und Nutzlast weitgehend konstant.

Digitaler Zwilling spart Hunderte Testflüge

Helsing koppelt jeden Realtest direkt an eine Simulationsumgebung: Telemetrie und Videodaten fließen in einen digitalen Zwilling, der die Autopilot- und Terminalalgorithmen über die gesamte „operational domain“ kalibriert. Der Effekt: Statt Hunderte bis Tausende Wiederholungsflüge für jede Konfigurations- oder Wettervariante durchzuführen, werden die Anflüge massenhaft virtuell berechnet. Die Genauigkeit wird im Simulator erarbeitet. Die Realflüge liefern die Datenbasis und den Gegencheck.

Für das Trefferverhalten unter schwierigen Bedingungen setzt Helsing auf robuste Automation: Nebel, Böen, Temperaturunterschiede und wechselnde Umgebungen werden in der Simulation gezielt variiert und anschließend im Feld verifiziert. So bleibt der Endanflug auch bei schlechter Sicht und starkem Wind reproduzierbar, ohne GNSS-Abhängigkeit.

Rheinmetall verfügt über umfangreiche Drohnen-Expertise

Rheinmetalls Modell fehlte bei dem Drohnentest der Bundeswehr in Munster. Auf Nachfrage gab das Unternehmen mit dem Hinweis auf vereinbarte Vertraulichkeit keinen Kommentar dazu ab. Rheinmetall verfügt bei der Drohnentechnik und als langjähriger Munitionshersteller und -lieferant über umfangreiche Expertise in beiden Fachgebieten.

Der genaue Charakter der kolportierten drei 300-Millionen-Euro-Aufträge an Helsing, Stark und Rheinmetall ist noch unbekannt. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat weitere Prüfungen vor Abschluss von Verträgen angekündigt. Sicher ist, dass die Verträge einer parlamentarischen Billigung bedürfen. Es ist davon auszugehen, dass Rahmenverträge abgeschlossen werden mit Höchstsummen, was die zu beschaffenden Kampfdrohnen und die Finanzmittel angeht.

Zunächst werden die Unternehmen Vorserienexemplare liefern müssen, die einer integrierten Nachweisführung unterzogen werden. Zu den Prüfpunkten gehört die Einhaltung der Regularien für den sicheren Umgang mit Munition sowohl in der Logistik als auch bei den einsetzenden Truppenteilen. In Abhängigkeit von dem Ergebnis können dann aus dem Rahmenvertrag Kampfdrohnen abgerufen werden.

Jürgen Fischer und Gerhard Heiming