Im vierten Jahr des russischen Überfalls verteidigt die Ukraine weiterhin ihre Existenz. Neben dem militärischen Drohnen-Patt an der Frontlinie leidet die ukrainische Zivilbevölkerung unter den steten Angriffen reichweitenstärkerer Flugkörper, schreibt unser Kolumnist Hans-Peter Bartels. Mit Drohnen ist auch bei der Verteidigung des Bündnisgebiets zu rechnen.

1916: Die neuen Soldaten kannten den Unterschied zwischen Artillerie und Minenwerfern oft nicht. Wer überleben wollte, musste lernen herauszuhören, was kommt. Denn vor den Minen konnte man weglaufen, schreibt Erich Maria Remarque in seinem epochalen Weltkriegsroman „Im Westen nichts Neues“.

Hans-Peter Bartels, früherer Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags. Foto: GSP / Peter E. Uhde

2025: Über den gegenwärtigen Krieg im Osten hat jetzt Szczepan Twardoch, der polnische Bestsellerautor, einen in gewisser Weise vergleichbaren Roman geschrieben: „Die Nulllinie“ (Rowohlt Berlin). Da verfolgen einen an der Front kleine ferngesteuerte FPV-Drohnen, sie können durch Fenster- und Türöffnungen eindringen. „Wenn du dich in den Keller wirfst, kriegst du die Platte nicht rechtzeitig zu, sie werden hinter dir reinfliegen, die päderussischen Soldaten sind scheiße, denkst du, vielleicht schafft der erste die Kurve nicht, bleibt am Zünderdraht hängen und kracht runter, dann habt ihr vielleicht eine Chance, den Eingang zu verschließen, damit sie nicht reingeflogen kommen (…) Vielleicht gelingt es mir, sie abzuschießen bevor sie mich erreicht (…) Ich will nicht sterben in diesem Schlamm, Gewehr hochgerissen, das gelingt nie, manchmal gelingt es (…) Ich beginne zu rennen.“

Anders als bei Remarque hat Twardochs Geschichte kein Ende. Der Krieg geht weiter. Drohnen beherrschen das Schlachtfeld. Die NATO kennt dieses Szenario bisher nicht, es ist ein ziemlich neues Kriegsbild – und gleichzeitig ein anachronistisches: Man kann vor der digital gesteuerten Sprengladung weglaufen.

Es kann nicht immer um „Abschießen“ gehen

Im vierten Jahr des Überfalls verteidigt die Ukraine weiterhin ihre Existenz. Neben dem militärischen Drohnen-Patt an der Frontlinie leidet die ukrainische Zivilbevölkerung unter den steten Angriffen reichweitenstärkerer Flugkörper auf Wohngebäude, Schulen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und Energieanlagen. Allein im September wurden 5.635 Drohneneinflüge registriert, ein Drittel mehr als im August. 87 Prozent davon konnte die Luftverteidigung abwehren. Vollständiger Schutz scheint fast unmöglich.

Mit Drohnen ist auch bei der Verteidigung des Bündnisgebiets gegen den militärischen Revisionismus und Imperialismus Moskaus also zu rechnen, zunächst vor allem mit Spionage-UAVs. Im Frieden oder Nicht-Krieg haben hier die Polizeien der Länder und des Bundes mit erweiterten Befugnissen und zusätzlichen technischen Mitteln für Sicherheit im Luftraum zu sorgen. Gegen bewaffnete Einflüge müsste die Bundeswehr vorgehen.