Die Gesellschaft ist nicht abwehrbereit, sie ist krisenmüde, kommentiert unser Chefredakteur. Wer verteidigen will, braucht Menschen, die ausgebildet und verfügbar sind. Nicht nur motiviert, sondern musterungsfähig.

Über die Rückkehr der „alten“ Wehrpflicht muss man keine Ersatzschlacht schlagen. Sie ist nicht abgeschafft, nur ausgesetzt. Ein Bundestagsbeschluss zum Spannungs- oder Verteidigungsfall, und der Hebel springt wieder auf „an“. Klar, dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Die ist rechnerisch möglich, praktisch jedoch unwahrscheinlich. Nicht wegen mangelnder Einsicht, sondern wegen politischer Thermik: Wer verschreckt schon vor der nächsten Umfrage freiwillig seine Wähler, wenn man auch eine Runde Signale senden kann.

Währenddessen rückt die Realität mit Krieg in Europa, Druck an NATO-Grenzen und Spannungen im Indopazifik näher heran. Berlin und Brüssel reagieren mit Milliardenprogrammen und dem beruhigenden Mantra, Europa müsse „mehr Verantwortung übernehmen“. Die Industrie fährt Kapazitäten hoch, die Auftragsbücher füllen sich. Doch Beschlüsse sind keine Bataillone, Budgets kein Gefechtswert. Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht auf Pressekonferenzen, sondern auf Übungsplätzen.

Der Verteidigungsminister wählt den weichen Anlauf

Die Umfragen zeigen, dass die Lage verstanden wird. Doch das Bild kippt, sobald aus der Überschrift ein eigener Termin wird. Verantwortung ja, aber bitte als Delegationsreise. Die Gesellschaft ist nicht abwehrbereit, sie ist krisenmüde. „Jeder Dritte würde verteidigen“ klingt ermutigend, ist aber vor allem ein Stimmungsbild. Ein Drittel Hoffnung ersetzt keine Struktur, keine Ausbildung, keine Reserve. Wer verteidigen will, braucht Menschen, die ausgebildet, verfügbar und wiederverwendbar sind. Nicht nur motiviert, sondern musterungsfähig. Nicht nur bereit, sondern belastbar.

Der Verteidigungsminister wählt den weichen Anlauf mit Freiwilligkeit in der ersten Reihe, Systemaufbau im Hintergrund. Das ist keine Feigheit, das ist Kalkül. Er will und muss liefern. Denn über Deutschland hängt eine dunkle Wolke, und sie kommt aus dem Osten. Parallel markiert der Generalinspekteur die Zieltafel, bis 2029 verteidigungsfähig und abwehrbereit zu sein. Dazwischen liegen eine Bundestagswahl, viele Haushaltsrunden und die nüchterne Arbeit am Unterbau wie Personalgewinnung, Unterkünfte, Gerät, Instandsetzung und Aufbau der Reserve.

Das Losverfahren – zuletzt erprobt in der Antike

Die Kommunikation der letzten Wochen hat geholfen. Vor allem dem Nebel. Mal „freiwillig“, mal „Auskunftspflicht“, dann „Los bei Unterdeckung“. Wer mitzählt, merkt, dass es zwar drei Etiketten sind, die Ladenhüter aber im gleichen Regal stehen. Dabei ist klar: Ohne Erfassung und ohne Musterung bleibt jeder Aufwuchs Theaternebel. Eine Reserve entsteht nicht aus einer Fußnote, sondern aus Jahrgängen, die durch die Ausbildung gegangen sind und verlässlich beordert werden können.

Besonders beliebt: das Losverfahren. Eine echte Innovation – zuletzt erprobt in der Antike. Es klingt nach Gerechtigkeit per Zufall und wirkt wie Kamillentee für die Politik. Praktisch ist es ein politisches Placebo für fehlende Kapazitäten. Denn das Los verteilt nur vorhandene Plätze. Ausbilder, Unterkünfte, Gerät und Lehrgänge zaubert es es nicht herbei.

Mitten im Jahrzehnt der Verteidigung

Der Pflichtfragebogen gilt manchem als Zumutung. Wo kämen wir hin, wenn plötzlich alles Pflicht würde? Genau dorthin, wo wir längst sind, nämlich mitten im Jahrzehnt der Verteidigung. Ehrlich wäre es, das laut zu sagen. Der größere Affront wäre jedoch der Selbstbetrug, man könne glaubwürdig abschrecken, ohne verlässliche Zahlen und ohne Tauglichkeitsatteste.

ES&T-Chefredakteur Jürgen Fischer. Foto: Maurizio Gambarini

Deutschland ist nicht Kriegspartei, aber der Krieg findet in Europa statt. Abschreckung wirkt nur mit Substanz, nicht mit Slogans. Am Ende zählen drei Zahlen, nicht drei Parolen: Wie viele Taugliche gibt es pro Jahr? Wie schnell sind diese ausbildbar? Wie zuverlässig können sie in der Reserve eingebunden werden? Wer dafür keinen belastbaren Pfad liefert, verfügt nur über Rhetorik, nicht über Fähigkeiten.

Wir kultivieren die Debatte wie einen Bonsai. Sorgsam beschneiden, regelmäßig begießen, nie verpflanzen. Sie passt auf jeden Konferenztisch, macht sich gut in Talkshows und tut niemandem weh. Währenddessen bleibt die Marschrichtung ein Pfeil auf dem Flipchart und Politik wird zum Endlos-Stuhlkreis mit eloquenten Wortmeldungen, tadelloser Choreografie, jedoch null Gefechtswert. Wir reden über das Reden, weil Reden einfacher ist als Entscheiden. Und wenn am Ende jemand fragt, wo die Fähigkeit bleibt, zeigen wir auf die Hoffnung und sagen: „Ein Drittel reicht.“ In der Stunde der Bewährung wird das aber nicht zählen.

Jürgen Fischer