CEO Mario Amschlinger erläutert im Interview mit diesem Magazin, wie Mehler Systems Qualität, Innovation und Nähe zu den Behördenkunden verbindet. Von der Testinfrastruktur in Fulda bis zum Wettbewerb auf internationalen Märkten.
ES&T: Herr Amschlinger, wie ist Mehler Systems heute aufgestellt und wo liegen die Schwerpunkte?
Amschlinger: Wir sind aktuell eine Unternehmensgruppe mit fünf Unternehmen und über 1.600 Mitarbeitern. Über Vertragsproduktion beschäftigen wir zusätzlich mehr als 5.000 Menschen. Wir sind in über 50 Ländern aktiv, mit sehr starker Marktpräsenz in Europa. Im Bereich Body Armor sind wir gemessen am Umsatz weltweit Marktführer. Wichtig sind uns drei Säulen. Kompromisslose Qualität. Sehr enge Nähe zu dem Endanwender, und kontinuierliche Innovation.

ES&T: Was heißt Nähe zum Endanwender im Alltag konkret?
Amschlinger: Unser Endkunde ist ein Polizist oder ein Soldat, oft Spezialkräfte. Im Bereich Body Armor machen wir zu 99,9 Prozent Behördengeschäft. Private Anfragen lassen wir nur nach sehr strenger Prüfung zu, etwa bei großen Sicherheitsunternehmen. Unser Credo ist klar. Wir sind verlässlicher Partner der Behörden.
ES&T: Der Krieg in der Ukraine hat die Nachfrage verändert. Wie haben Sie bei Mehler skaliert?
Amschlinger: Vor dem Krieg lagen wir über die Jahre verteilt im Militärbereich zwischen 15.000 und 20.000 Schutzsystemen jährlich. In den letzten drei Jahren haben wir über 300.000 Systeme an die Bundeswehr geliefert. Wir können heute 150.000 bis 200.000 Systeme allein im Militärbereich im Jahr produzieren. Das war eine Transformation vom klassischen Mittelstand hin zur industriellen Fertigung in großem Maßstab.
ES&T: Woran messen Sie Qualität, wenn es am Ende um Leben und Tod geht?
Amschlinger: Wir liefern Vertrauen. Wir testen ständig. Über Jahrzehnte haben wir knapp eine Million Schuss auf unsere Produkte abgegeben. Allein im letzten Jahr waren es intern fünfzehntausend Schuss, dazu zahlreiche externe Prüfungen und Zertifizierungen. Wir planen Qualität, wir hoffen nicht darauf. Wenn Vorfälle passieren, bekommen wir oft unmittelbare Rückmeldungen aus den Behörden. Für die Öffentlichkeit ist das unsichtbar. Für uns ist es Bestätigung.
ES&T: Sie sprechen oft vom Zwiebelprinzip. Was verbirgt sich dahinter?
Amschlinger: Erste Lage ist das Textil auf der Haut. Es muss klimatische Extreme aushalten, ergonomisch bleiben, Reibung vermeiden. Die Zweite Lage ist der ballistische Schutz gegen Schlag, Stich und Projektil. Die Dritte Lage sind Tragesysteme. Handschellen, Funk, Munitions- oder Multifunktionstaschen müssen gewichtsverteilt und zugriffsoptimiert angebracht werden.
Über den Körperschutz des Soldaten oder Polizeibeamten hinaus haben wir außerdem eine Plattform-Schutz-Ebene aufgebaut. Damit schützen wir Land- und Marineplattformen und Sensoren bis hin zu gedruckten Panzerstahlbauteilen für spezifische Geometrien.
ES&T: Welche Produktinnovationen sehen Sie als Gamechanger?
Amschlinger: Bei Polizeiwesten ist das schnelle Aufrüsten entscheidend. Unsere Lösung erlaubt es, hartballistische Platten in Sekunden einzusetzen, ohne den softballistischen Basisschutz auszuziehen. Für Motorradpolizisten integrieren wir Airbagsysteme in Westen. Für maritime Einheiten Schwimmkragen.
ES&T: Drohnenbedrohungen nehmen zu. Arbeiten Sie an Gegenmaßnahmen?
Amschlinger: Ja. Wir entwickeln Nahbereichssysteme, die sequenziell wirken und Schrotschüsse abgeben. Es geht um den unmittelbaren Schutz von Fahrzeugen und Stellungen, dort wo klassische Mittel nicht greifen. Solche Prototypen erproben wir unter realistischen Bedingungen.
ES&T: Der deutsche Polizeimarkt hat die Besonderheit einer langen Ballistikgarantie. Was bedeutet das für die Technik?
Amschlinger: Die deutsche Technische Richtlinie schreibt zehn Jahre Ballistikgarantie vor; in den USA sind es fünf, andernorts sieben. Um zehn Jahre sicherzustellen, müssen wir beim Material Sicherheitsreserven einplanen, typischerweise 20 bis 30 Prozent. Der Grund ist simpel: Neue Materialien haben zu Beginn keine belastbaren Langzeitdaten über zehn Jahre. Man kann Alterung zwar simulieren, aber eine Simulation ersetzt keinen realen Langzeittest, und deshalb greift der Markt bis dahin auf bewährte Werkstoffe zurück. Kürzere Garantiefristen, wie sie im internationalen Marktumfeld gängiger sind, ermöglichen den schnelleren Einsatz neu entwickelter ballistischer Materialien.

ES&T: Wie sieht es international aus, jenseits von Bundeswehr und Bundesländern?
Amschlinger: Wir beliefern viele Länder in Europa, unter anderem Großbritannien, die Nordischen Staaten, die Niederlande, Österreich und die Schweiz. In Asien sind wir unter anderem in Singapur und Japan aktiv. In den USA sind wir mit Bekleidung sehr gut unterwegs, beliefern Hunderte Spezialeinheiten. Der US-Polizeimarkt ist extrem fragmentiert. Viele Einheiten kaufen lokal. Ohne Präsenz in Vertriebskanälen kommen Sie schwer in den Markt hinein. Wir denken über Modelle nach, die nicht einfach nur eine Standardweste in den Shop legen, sondern echte Speziallösungen bieten.
ES&T: Sie haben die Fertigungstiefe in Europa betont, produzieren aber auch weltweit. Wie sichern Sie die Lieferkette ab?
Amschlinger: Ballistische Fertigung und Entwicklung sind in Deutschland, Textil steuern wir in Europa und – projektspezifisch – mit auditierten Partnern außerhalb Europas. Qualität sichern wir mehrstufig ab: eigene Schießkanäle und Prüfeinrichtungen in Fulda, tägliche Serien- und Prototypentests durch ein spezialisiertes Team sowie unabhängige Nachprüfungen bei externen Stellen wie TÜV-Dienstleistern.
Operativ fahren wir mehrere Lkw pro Woche zum Kunden. Diese Lieferungen durchlaufen bereits Zwischenabnahmen in der Kette, damit am Ende nichts zurückkommt. Parallel qualifizieren wir Zweitquellen und zusätzliche zertifizierte Textildruckereien, um Engpässe zu vermeiden. Entscheidend für uns bislang die enge Zusammenarbeit mit der Beschaffungsorganisation der Bundeswehr: In zweiwöchigen Lenkungsrunden haben wir Materialfreigaben, Qualifikationsläufe und Anlaufkurven frühzeitig geklärt. So bleibt die Linie lieferfähig. Qualität wird bei uns geplant, nicht erhofft.
ES&T: Personal ist ein Engpass. Wie gewinnen Sie Fachkräfte und Operator-Know-how?
Amschlinger: In Fulda arbeiten rund 500 Menschen, je nach Projekt zusätzlich Leiharbeitskräfte. Wir bilden kaufmännisch und technisch aus, auch dual. Ballistiker bekommt man nicht von der Uni, das ist Langstrecke. Deshalb setzen wir auf Tandems aus Entwicklern und ehemaligen Anwendern. In fast jeder Abteilung arbeiten frühere Polizisten oder Soldaten. So verbinden wir Materialwissen mit Einsatzrealität.
ES&T: Einheitliche europäische Standards würden vieles vereinfachen. Ist eine Konsolidierung ein realistisches Ziel?
Amschlinger: Ich sehe eher eine schrittweise Annäherung als eine komplette Vereinheitlichung. Bedrohungen, Budgets und Einsatzkulturen unterscheiden sich. Schon eine Harmonisierung von Schutzklassen wäre ein Fortschritt. Am Ende bleibt viel kundenspezifisch, von der Schutzfläche bis zu ergonomischen Details.

schwere Ausrüstung tragen müssen und gleichzeitig einen hohen ballistischen Schutz benötigen [Foto: Mehler Systems]
ES&T: Was erwarten Sie von der Politik, damit Kapazitäten erhalten bleiben?
Amschlinger: Schnelle Entscheidungen und Planungssicherheit. Langfristige Verträge, auch mit kleineren Mengen, damit wir unsere Ketten stabil halten können. Und Unterstützung im Export. Viele Märkte sind zugänglich, aber ohne politische Flankierung wird es schwer. Andere Nationen machen das sehr aktiv.
ES&T: Wo setzt Mehler Systems die nächsten strategischen Akzente?
Amschlinger: Wir bleiben beim Kern Schutz. Wir werden keine Waffenhersteller. Wir erweitern unser Portfolio um Lösungen, die dem Nutzer im Einsatz einen echten Vorteil geben. Dazu zählen neue Helme, signaturreduzierende Bekleidung, Wärmemanagement im Textil und gemeinsam mit einem kanadischen Partner ein Exoskelett für hochbelastete Einsatzszenarien. Dieses System trägt zusätzliche Schutzlast, ohne die Beweglichkeit zu zerstören. Es ist nichts für die Masse, eher ein Werkzeug für First Responder und Spezialkräfte.
ES&T: Ihr Ausblick für die nächsten fünf Jahre in einem Satz?
Amschlinger: Nah am Nutzer bleiben, Qualität nie relativieren und Innovation dort liefern, wo sie im Einsatz einen Unterschied macht.
Das Gespräch führte Jürgen Fischer.







