Die russische Enklave Kaliningrad liegt an der Ostsee, zwischen Polen und Litauen. Die von NATO-Nationen umgebene kleinste Oblast der russischen Föderation bietet den baltischen Seestreitkräften den einzigen eisfreien Zugang zur Ostsee und ist auch sonst militärstrategisch von hoher Bedeutung für den Kreml. Das „Institute for the Study of War“ evaluierte Ende August, dass hybride Bedrohungen und militärische Aufklärung in den letzten Monaten von Kaliningrad aus intensiviert wurden.

Die Ostsee mit der zwischen Polen und Litauen eingekeilten russischen Exklave Oblast Kaliningrad (Grafik: mawibo-media)

Die aktuelle Evaluation des amerikanischen Thinktanks basiert hauptsächlich auf von der Agentur Bloomberg akquirierten Briefen, die die baltischen Staaten sowie Finnland, Schweden und Polen an die „ International Telecommunications Union“ und die „Civil Aviation Organization“ adressierten. Die Anrainerstaaten Russlands und Kaliningrads äußerten in diesen Briefen Sorge über die zunehmende Störung von Funk und GNSS-Navigation durch russische elektronische Kriegsführung. Laut Bloomberg seien 85 Prozent des estländischen Flugverkehrs von Signalstörungen betroffen. Litauen registrierte im Juli 2025 einen deutlichen Anstieg GPS-Jamming Aktivitäten, teils eine 22-fache Häufigkeit an Vorfällen im Vergleich zum Vorjahr. Die Zunahme dieser hybriden Aktionen gefährde die Sicherheit des See- und Flugverkehrs und störe die Kommunikation am Boden. Obwohl diese Kampagne in Sicherheitskreisen seit Längerem bekannt ist, illustriert die jüngste Verstärkung den zunehmenden Druck Russlands auf seine direkten Nachbarländer. Doch wie können derartige Störung von beispielsweise Kaliningrad aus technisch überhaupt umgesetzt werden?

Die meisten kleineren Grenzübergänge zwischen Litauen und Kaliningrad sind geschlossen, wie hier in der Ortschaft Vistytis. (Bild: Jannis Düngemann)

GNSS-Jamming: Ein Denial-of-Service-Ansatz

GNSS-Jamming stellt einen Denial-of-Service-Angriff (DoS) dar, dessen Ziel es ist, den Empfang von Satellitensignalen durch die gezielte Emission von Interferenz zu unterbinden. GNSS-Signale (Global Navigation Satellite System) weisen bei Ankunft an der Erdoberfläche eine extrem geringe Signalleistung auf und liegen oft unter dem thermischen Rauschen. Ein Jammer emittiert ein breitbandiges Störsignal auf den GNSS-Frequenzbändern, wodurch das lokale Signal-Rausch-Verhältnis drastisch verschlechtert wird. Fällt das SNR unter die Erfassungsschwelle des Empfängers, kann dieser die Signale der Satelliten nicht mehr verfolgen. Dies resultiert im Verlust der Synchronisation („Loss of Lock“) und folglich im Totalausfall der Navigationsfunktion. Die technologische Umsetzung reicht von simplen Low-Power-Störsendern bis zu militärischen High-Power-Systemen mit großem Wirkungsradius.

Dem Internetportal „Defense News“ zufolge konnte der Ursprung von Jamming-Aktivitäten unter anderem der Okunevo-Anlage in Kaliningrad zugeordnet werden. Neben der ansässigen Antennenanlage sollen dort auch elektronische Kriegsführungseinheiten stationiert sein, die beispielsweise das GT-01 Murmansk-BN System nutzen. Dabei kann das von Russland ausgehende Jamming teils auch defensiver Natur sein; denn GNSS gelenkte Waffensysteme verlieren durch Jamming ihre Zielfindung.

Gegenüber in Sowetsk, auf der russischen Seite der Memel, ist das 20. separate Aufklärungsbataillon der russischen Landstreitkräfte stationiert (Bild: Jannis Düngemann)

GNSS-Spoofing: Ein Manipulationsangriff

Im Gegensatz zum Jamming ist GPS-Spoofing ein fortgeschrittener Manipulationsangriff, der darauf abzielt, einen Empfänger zur Berechnung einer falschen, vom Angreifer kontrollierten Positions oder Geschwindigkeitsangabe zu verleiten. Anstatt den Empfang zu verhindern, generiert und sendet ein Spoofer inhaltlich falsche GNSS-Signale. Diese synthetischen Signale werden mit einer höheren Leistung als die authentischen Satellitensignale ausgestrahlt. Ein erfolgreicher Angriff kann für den Nutzer transparent erfolgen, da das Navigationssystem weiterhin eine plausible, jedoch inkorrekte Angabe anzeigt. Die Realisierung erfordert technologisch anspruchsvolleres Equipment, insbesondere Software-Defined Radios (SDRs), zur flexiblen und präzisen Generierung der komplexen Signalkomponenten in Echtzeit.

Aufklärung und Überwachung

Von Kaliningrad werden jedoch nicht nur aktive Maßnahmen wie Jamming und Spoofing koordiniert, auch steht die passive Aufklärung und Überwachung von NATO-Gebiet im Fokus. So berichtete das ISW parallel zu den Störungen über die Auswertung von Satellitenbildern des pro-ukrainischen Internetportals Tochnyi. Sie soll die Konstruktion einer Circularly Disposed Antenna Array (CDAA) Anlage in der Stadt Tschernjachowsk, Kaliningrad belegen. Diese kreisförmige Anordnung von Antennen wird zur Triangulation von Funksignalen genutzt. Die sich noch im Bau befindliche Anlage soll einen Durchmesser von 1,6 km haben und nach Fertigstellung Russland in die Lage versetzten, NATO-Kommunikation effektiver zu überwachen und die eigene Kommunikation mit Unterseesystemen sowie die passive Informationsbeschaffung zu verbessern. Eine so fortschrittliche Aufklärungsmöglichkeit wäre für Russland besonders im spannungsgeladenen Ostseeraum eine wichtige Fähigkeitserweiterung. Mithilfe dieser konventionellen Aufklärung in Verbindung mit unkonventionelleren Methoden wie jüngste Spionage durch Drohnenüberflüge könnte sich Russland ein detaillierteres Lagebild über beispielsweise die Unterstützungsleistungen für die Ukraine bilden.

Die Grenze ist auch auf der litauischen Seite von Überwachungstürmen geprägt. Einen durchgehenden Grenzzaun sucht man jedoch aufgrund des trennenden Flusses Memel vergeblich. (Bild: Jannis Düngemann)

Spürbare Auswirkungen der Militarisierung

Die militärische Doktrin, die die Haltung Russlands in Kaliningrad am besten beschreibt, ist die der Anti-Access/Area Denial (A2/AD). Dieses Konzept zielt darauf ab, einem potenziellen Gegner den Zugang zu einem bestimmten Gebiet (Anti-Access) und die Bewegungsfreiheit innerhalb dieses Gebiets (Area Denial) zu verwehren oder erheblich zu erschweren. Kaliningrad wurde systematisch zu einer der am stärksten militarisierten Zonen in Europa ausgebaut, die als Kernstück der russischen A2/AD-Fähigkeiten im Ostseeraum dient. Bei Reisen durch das Baltikum und an der Ostseeküste entlang der Enklave lässt sich diese abstrakte militärischen Doktrin am eigenen Leib erfahren.  Bei Autofahrten mit Navigationssysteme wie Google Maps, die mit GPS-Signalen arbeiten, kommt es bei zunehmender Nähe zu russischem Staatsgebiet zu Störungen, Ausfällen oder kurzzeitigen falschen Standortangaben.

Auch die intensive Aufklärung an der hochmilitarisierten Grenze zwischen Litauen und Kaliningrad, entlang der Memel, lässt sich mit bloßem Auge beobachten. Die russische Ortschaft Sowetsk, die an der Memel gegenüber dem litauischen Panemune liegt, beheimatet nach Informationen des Thinktanks „Georgian Foundation for Strategic and International Studies“ das 20. separate Aufklärungsbataillon der russischen Landstreitkräfte. Ein Aufklärungsbataillon auf Divisionsebene ist eine hochspezialisierte Einheit, deren Hauptaufgabe die Gewinnung von nachrichtendienstlichen Informationen über den Feind und das Operationsgebiet ist. Das Aufgabenspektrum umfasst Tiefen, Gefechtsfeld und Zielaufklärung. Nachts lassen sich von der litauischen Seite regelmäßige Intervalle von Lichtblitze beobachten, die wahrscheinlich von militärischen Übungen des Aufklärungsbataillons in Sowetsk emittiert werden. Dabei kann es sich beispielsweise um den Einsatz eines militärischen Laser-Zielmarkierers oder Infrarot Stroboskops handeln, der trotz des unsichtbaren Infrarot Lichtspektrums mit atmosphärischen Partikeln interagieren. Auch könnte es sich um sichtbare Lichtblitze zur Funktionskontrolle von solchen Positionsmarkierungen handeln.

Jannis Düngemann