Im Südchinesischen Meer ist es erneut zu einem gefährlichen Zwischenfall zwischen chinesischen und philippinischen Schiffen gekommen. Nach Angaben der philippinischen Küstenwache (PCG) kollidierten am 11. August ein Zerstörer der chinesischen Marine (PLAN) und ein Korvetten-Schiff der chinesischen Küstenwache (CCG). Der Zusammenstoß ereignete sich, während beide Schiffe versuchten, ein philippinisches Versorgungsschiff in der Nähe des umstrittenen Scarborough-Riffs abzudrängen.

Bei den chinesischen Schiffen handelte es sich um den Lenkwaffenzerstörer „Guilin“ (Typ 052D) und die CCG-Korvette „3104“. Aufnahmen, die von der Besatzung des philippinischen Patrouillenschiffs BRP „Suluan“ gemacht wurden, zeigen, wie die Korvette in den Bug des Zerstörers fährt, als dieser versuchte, dem philippinischen Schiff den Weg abzuschneiden. Laut dem PCG-Sprecher, Kommodore Jay Tarriela, erlitt das chinesische Küstenwachschiff erhebliche Schäden am Bug.

Dieser Screenshot eines vom Sprecher der philippinischen Küstenwache veröffentlichten Videos zeigt den Moment der Kollision. (Bild: X/ Jay Tarriela)

Die PCG war vor Ort, um das zivile Versorgungsschiff MV „Pamamalakaya“ zu eskortieren, das im Rahmen einer Regierungsinitiative Vorräte an philippinische Fischer in der Region lieferte. Vor der Kollision soll die chinesische Küstenwache zudem versucht haben, das philippinische Boot mit Wasserwerfern abzudrängen.

Unterschiedliche Darstellungen des Vorfalls

Die chinesische Seite bestätigte einen Zwischenfall, erwähnte die Kollision jedoch nicht. Peking warf den Philippinen vor, „gewaltsam in chinesische Gewässer eingedrungen“ zu sein. Der Einsatz der eigenen Küstenwache sei „professionell, standardisiert, rechtmäßig und legal“ gewesen.

Die philippinische Darstellung zeichnet ein anderes Bild. Kommodore Tarriela sprach von einem „riskanten Manöver“ der chinesischen Schiffe. Man sei besorgt über den Zustand der Besatzung der beschädigten chinesischen Korvette, da ein Hilfsangebot der philippinischen Seite unbeantwortet geblieben sei. Außerdem entschied sich die philippinische Küstenwache die Besatzung des Patrouillenschiffs „Suluan“ mit Tapferkeitsmedaillen auszuzeichnen. Die Zeremonie wurde tags darauf, am zwölften August in Manila abgehalten.

Marinesoldaten bei der Verleihung der Tapferkeitsmedaillen in Manila (Bild: X/PCG)

Scarborough Riff: Teil der philippinischen Wirtschaftszone, kontrolliert von China

Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie zunehmend aggressiveren Vorgehens Chinas im Südchinesischen Meer. Das Scarborough-Riff liegt innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Philippinen, wird aber seit 2012 von China kontrolliert. Peking beansprucht fast das gesamte Südchinesische Meer für sich und ignoriert dabei ein Schiedsspruch des Ständigen Schiedshofs in Den Haag aus dem Jahr 2016, der diese Ansprüche für unrechtmäßig erklärte Wie bereits in früheren Analysen zur sicherheitspolitischen Lage im Indopazifik dargestellt, ist dieses Vorgehen Teil einer umfassenderen chinesischen Strategie. Peking setzt auf eine Politik der vollendeten Tatsachen und die schrittweise Normalisierung seiner militärischen Präsenz, um seine völkerrechtswidrigen Hoheitsansprüche durchzusetzen. Doch diese Ansprüche bleiben nicht unbeantwortet.

Übungen, wie das gemeinsame Manöver zwischen Japan und den Philippinen im Juni, die U-Boot-Abwehr und die Sicherung eines „freien und offenen Indopazifiks“ zum Ziel hatten, zeigen die Bemühungen der Anrainerstaaten, gemeinsam Stärke zu zeigen. Der aktuelle Vorfall unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit einer verstärkten Kooperation für die Philippinen. Das südostasiatische Land hat seine militärische Zusammenarbeit zudem nicht nur mit traditionellen Partnern wie den USA und Japan vertieft, sondern zuletzt auch eine gemeinsame Patrouille mit der indischen Marine durchgeführt.

Jannis Düngemann