Am 24. Juli hat Verteidigungsminister Boris Pistorius seinen französischen Amtskollegen Sébastien Lecornu Berlin empfangen. Von dort besuchten die Minister das Werk Unterlüß von Rheinmetall, in dem u.a. Kettenfahrzeuge und Munition produziert und Landsysteme entwickelt werden, und Osnabrück, die Heimatstadt von Pistorius.

Rheinmetall MGCS

In Unterlüß begrüßte Rheinmetall-CEO Armin Papperger die Politiker zum Austausch über das Main Ground Combat System (MGCS), das deutsche-französische Projekt zur Entwicklung eines vernetzten Landkampfsystems zur Ablösung der in den beiden Ländern genutzten Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc. Papperger zeigte Technologien aus dem Rheinmetall-Portfolio, die in dem Zukunftssystem benötigt werden. Dazu gehören neben den gepanzerten Gefechtsfahrzeugen und Munition u.a. Konnektivität und unbemanntes Fahren. Pappergers Angebot: „Wir wollen im Main Ground Combat System gemeinsam schneller werden, das will die Politik – aber auch die Industrie.“ Mit Blick auf die europäische Rüstungsbeschaffung unterstrich er: „Ich glaube, dass das nationalistische Denken überholt ist – wir müssen europäisch denken.“ Rheinmetall sei schon europäisch unterwegs und investiere Milliarden von Euros in fast allen europäischen Ländern, vor allem in Deutschland, Italien, Bulgarien und Rumänien.

Gespräche zum MGCS vor dem Hintergrund eines Leopard 2 A4: Minister Boris Pistorius, Rheinmetall CEO Armin Papperger und Minister Sébastien Lecornu. (Foto: Bundeswehr Rolf Klatt)

Osnabrück

In Osnabrück trug sich Lecornu in das Goldene Buch der Stadt ein und zog sich dann zu bilateralen Gesprächen mit seinem Amtskollegen zurück, in dem die Zusammenarbeit der Streitkräfte, gemeinsame Rüstungsprojekte und die aktuelle Lage in der Ukraine erörtert wurden.

Anschließend gaben sich die Minister zuversichtlich über den Status und die Zukunft der gemeinsamen Projekte.

FCAS

Das Luftkampfsystem der Zukunft (Future Combat Air System, FCAS) sei bewusst in Phasen angelegt worden, damit am Ende der Phasen der Sachstand festgestellt und bei Bedarf nachgesteuert werden könne. Für FCAS sei am Ende der Phasen 1A und 1B die Stunde der Wahrheit gekommen, sagte Lecornu. „Wir werden uns das Programm noch einmal anschauen und noch heute eine Reihe von Weisungen an unsere Beschaffungsbehörden geben.“ In der folgenden eher operativen Phase solle in dem komplexen System ein Demonstrator gebaut werden, in dem Flugzeug, Drohnen, Combat Cloud, Sensoren und Konnektivität zusammenpassen müssen.

Auftretende Probleme müssen gelöst werden. Das ist unsere Aufgabe als Minister und auch die des Staatspräsidenten und des Bundeskanzlers, die sich am Tag zuvor getroffen haben.

Pistorius wies auf die komplexe Struktur der beteiligten Industrie hin mit mehreren hundert großen und kleinen Unternehmen, die alle eigene Interessen hätten. Es sei nicht Ungewöhnliches, wenn die zwei Regierungen in den einzelnen Phasen genau hinschauen. „Wir wollen bis zum Ende des Jahres Klarheit schaffen. … Das ist eben kein Reset und das ist auch keine Revision. Das ist schlicht und ergreifend ein Check, wo stehen wir und welche Probleme gibt es.“

„Jetzt gehen wir in die nächste Phase. Wir beide haben nicht die geringsten Zweifel, dass die zweite Phase kommen wird. Aber bis dahin gibt es noch ein paar Fragen zu beantworten.“

MGCS

„Das Landkampfsystem der Zukunft soll ab 2040 an den Start gehen.“ Damit hält Pistorius an der Terminplanung des Projekts fest. „Wir haben die Arbeitsaufträge verteilt,“ stellte Lecornu fest. Wir haben uns die verschiedenen Pillars (Anmerkung: Auftragsbündel) angeschaut, in denen Arbeit auf die beteiligten Unternehmen KNDS Frankreich, KNDS Deutschland, Rheinmetall und Thales zu je 25 Prozent verteilt wird.

Wichtig sei für beide Minister, das MGCS und FCAS stehen für deutsch-französische Zusammenarbeit und Partnerschaft, stellte Pistorius fest. „Sie stehen nicht für nationale Egoismen. Wir wollen den gemeinsamen Fähigkeitsaufbau und wir stehen völlig eindeutig, eindeutig und einmütig sowohl zu FCAS als auch zu MGCS. Und wenn es Hürden gibt, und die gibt es gelegentlich, sind da keine dabei über die wir nicht hinüber kommen.“

ELSA

Die beiden Länder sind an dem europäischen European Long-Range Strike Approach (ELSA) beteiligt, mit dem seit 2024 ein bodengestützter Marschflugkörper mit einer Reichweite zwischen 1.000 und 2.000 Kilometer entwickelt werden soll. In dem Projekt soll Deutschland laut Pistorius eine führende Rolle bei der Umsetzung übernehmen. Zurzeit werden für ELSA die Fähigkeiten definiert, die das System abdecken soll, so Pistorius.

Laut Zeitplan sollen ab 2025 Industriepartner hinzugezogen werden und in 13 Entwicklungsbereichen Anteile erarbeiten. Dazu gehören u.a. MBDA, Safran und Thales. Ziel ist eine erste Einsatzreife ab 2030.

Pressekonferenz in Osnabrück nach Abschluss der Gespräche (Foto: Bundeswehr Twardy)

ODIN’s EYE

Seit 2021 läuft das von der EU geförderte Projekt ODIN’S EYE zur Entwicklung eines satellitengestützten Frühwarnsystems. Phase II wurde Mitte 2023 gestartet und mit 90 Millionen Euro aus dem European Defence Fund gefördert. Bis 2026 sollen Ergebnisse aus dem Konsortium von rund 40 Unternehmen aus 14-EU-Mitgliedstaaten vorliegen. Koordinator ist die deutsche OHB System AG.

Lecornu verwies auf deutsche Satellitentechnik und Infrarot-Sensoren und auf französische Radartechnik, die in das System eingebracht werden können. Ende August wolle man die Angebote den europäischen Mitwirkenden am Projekt vorlegen. Dabei sei es wichtig bezüglich der deutschen und der französischen Interessen zusammenzukommen.

Fazit

Wenig Konkretes förderte die kurze Zusammenkunft der beiden Minister zutage. Bedeutsam ist, dass beide fest zu den Projekten stehen und trotz der öffentlichen Diskussion die Realisierung weiter treiben. Allerdings sind die Interessen der Länder nicht immer ganz konform. Das betrifft vor allem die Beteiligung der Industrie. Schließlich sind alle Projekten mit einer immense Technologieentwicklung verbunden, die zu Aufträgen in Milliardenhöhe führen.

Gerhard Heiming