Mit seiner Meldung, Deutschland plane die Beschaffung von zusätzlichen 1.000 Kampfpanzern Leopard 2 und 1.500 geschützten Transport Kraftfahrzeugen GTK Boxer, hat das Nachrichtenportal Bloomberg am 4. Juli die Defence-Community aufgeschreckt. Das Beschaffungsvolumen wurde auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Ziel sei es, den Grundstock für die von der NATO geforderten Kampfbrigaden zu beschaffen.
Seit der Bereitstellung des Sondervermögens Bundeswehr im Jahr 2022 hat die Bundeswehr nach jahrzehntelangem Stillstand begonnen, Ausrüstung der Streitkräfte zu modernisieren und wieder auszubauen. Dazu gehören auch die eingeleiteten Beschaffungen von Kampfpanzern Leopard 2 und GTK Boxer in verschiedenen Versionen. Zur gleichen Zeit gingen aus anderen NATO-Staaten zahlreiche Bestellungen bei der Industrie ein. Die vereinbarten Zeitlinien orientieren sich vor allem an den Produktionskapazitäten der Industrie, die in absehbarer Zeit nicht im erforderlichen Umfang gesteigert werden können.
Leopard 2 und Boxer werden von KNDS Deutschland und Rheinmetall und dem dahinter stehenden Netzwerk europäischer Industrie gebaut. Auch wenn neue Anbieter – etwa aus der Automobilindustrie – in den Rüstungsmarkt drängen, stoßen viele Zulieferer an strukturelle Grenzen, insbesondere bei der Verfügbarkeit kritischer Rohstoffe.

Kampfpanzer Leopard 2
In Zeiten des kalten Krieges wurden in der Spitze mehr als ein Leopard 2 pro Tag produziert. Allerdings war der Panzer damals weit weniger komplex und der Vorlauf von Auftragserteilung bis Auslieferung betrug fünf Jahre.
An der Spitze der Kampfpanzertechnik in Europa steht derzeit der Leopard 2 A8, der mit rund 500 Stück von mehreren Ländern, allen voran Deutschland, bestellt worden ist. Zwischen Auftragserteilung und Beginn der Auslieferung liegen aktuell mehr als zwei Jahre. Damit sind die vorhandenen Kapazitäten bis 2030 annähernd vollständig ausgelastet.
Zielpunkt der Neuentwicklung ist das deutsch-französische Main Ground Combat System (MGCS), das ab Mitte der 2040er Jahre in Produktion gehen soll. Bis dahin sind Übergangslösungen geplant, die zurzeit mit Studien vorbereitet werden. Neben Studien in Deutschland fördert die EU bis 2026 die Studienvorhaben MARTE (Main Armoured Tank of Europe) und FMBTech (Future Main Battle Tank Technologies), die Grundlagen für einen europäischen Kampfpanzer liefern sollen.
Wenn sich der Blick auf vermutete russische Übergriffe ab 2029 richtet, ist es fraglich, ob bis dahin ein nennenswerter zusätzlicher Aufwuchs bei Kampfpanzern erreicht werden kann.
GTK Boxer
Zusätzlich zu dem Bestand von rund 500 Boxern hat die Bundeswehr im vergangenen Jahr 123 schwere Waffenträger Boxer bestellt, von denen die ersten Serienexemplare bis Jahresende erwartet werden. Noch in diesem Jahr sollen rund 150 weitere Rad-Schützenpanzer Boxer bestellt werden. Auf der Liste stehen u.a. Boxer für die Luftverteidigung und andere Varianten. International sorgen Aufträge aus Australien, Großbritannien, Litauen und perspektivisch den Niederlanden dafür, dass die fünf Boxer-Produktionsstätten in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Australien stark ausgelastet sind.
Auch beim Boxer richten sich die vereinbarten Zeitlinien für die Auslieferung eher an der Kapazität der Industrie aus als an verfügbaren Finanzmitteln.
Personal und Infrastruktur
Unzureichende Personalumfänge und fehlende Infrastruktur sind an vielen Stellen schon als Hinderungsgründe für den Aufbau neuer Strukturen beschrieben worden. Das BMVg plant zwar, den Umfang der Bundeswehr deutlich anzuheben. Das ist aber schon seit Jahren nicht erfolgreich. Ob dieses Ziel durch geplante Dienstverpflichtungen oder gar eine Wiederbelebung der allgemeinen Wehrpflicht erreicht werden kann, wird vielerorts bezweifelt.
Kasernen müssen neu gebaut werden. Dazu hat das BMVg erste Vereinbarungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) getroffen. Die damit verbundenen Bauvorhaben dürften auch mehrere Jahre beanspruchen.
Kritische Bewertung
Die genannten Größenordnungen von 1.000 Leopard 2, 2.500 Boxer und 25 Milliarden Euro können möglicherweise den Rahmen für eine Langfristplanung setzen. In absehbarer Zeit ist allerdings nicht zu erwarten, dass die Kapazität der Industrie so erhöht werden kann, dass zeitnah größere Mengen an Kampffahrzeugen produziert werden können. Im Übrigen ist die Bundeswehr dafür auch nicht aufnahmefähig, selbst wenn man die Beschaffungen als Umlaufreserve deklarieren würde. Es fehlt schlicht das Personal.
Die 25 Milliarden Euro dürften angesichts der Lockerung der Schuldenbremse nicht das Problem sein. Im Übrigen steht das Signal, das mit der Planung eines solchen Umfangs an schwerem Gerät gesetzt wird, im Widerspruch zu den neuen Beschaffungsschwerpunkten der Bundesregierung: Cyber und Digitalisierung, Luftverteidigung und Drohneneinsatz.
Gerhard Heiming















