Ein russisches Forschungsschiff mit brisanter Vergangenheit verlässt nach sechs Wochen die Ostsee. Offiziell ozeanografische Mission – doch auffällige Routen und die Nähe zu kritischer Infrastruktur wecken Zweifel. Was steckt hinter den Manövern der „Admiral Vladimirskiy“?
Am Morgen des 17. März 2025 verließ die „Admiral Vladimirskiy“ den Großen Belt in nördlicher Richtung und damit die Ostsee. Die Nacht auf den 18. März verbrachte sie auf Reede in der Aalbaek Bucht. Unbestätigten Berichten zufolge soll sie eine Reise in die Karibik unternehmen. Ihr Abzug nach sechswöchigem Aufenthalt in der Ostsee ist bemerkenswert, da das Schiff in der Vergangenheit wiederholt durch seine Nähe zu kritischer westlicher Infrastruktur auffiel. Offiziell als ozeanographisches Forschungsschiff geführt, werfen ihr Verhalten, das wiederholte Abschalten des automatischen Identifikationssystems (AIS) sowie ihr besonderes Interesse an Windparks, Unterwasserkabeln und anderer unterseeischer Infrastruktur Fragen auf. Nachdem sie 2023 nahe englischer, belgischer und niederländischer Installationen für Aufmerksamkeit sorgte, blieb es 2024 aufgrund einer Werftliegezeit vergleichsweise ruhig. Ihr Auslaufen aus Kronstadt am 30. Januar 2025 fiel nahezu mit dem Beginn der NATO-Operation Baltic Sentry zusammen – einer Initiative zum Schutz kritischer Infrastruktur im Ostseeraum.

Hintergrund und Details
Die „Admiral Vladimirskiy“ wurde 1975 auf der Stettiner Werft im Rahmen des Projekts 852 erbaut und gehört zur Akademik-Krylov-Klasse. Benannt nach einem Admiral, der von 1921 und 1970 in den sowjetischen Streitkräften diente, war sie zunächst Teil der Schwarzmeerflotte. Nach einer Reparaturphase in Polen wurde sie der Baltischen Flotte mit Sitz in Kronstadt zugewiesen. Über Jahrzehnte hinweg absolvierte das Schiff zahlreiche Expeditionen – von Antarktisexpeditionen bis hin zu Einsätzen in den Gewässern des Indischen, Atlantischen und Mittelmeers.
Westliche Analysten vermuten, dass die „Admiral Vladimirskiy“ – wie andere russischen Aufklärungs- und Forschungsschiffe – der Glavnoye Upravlenie Glubokovodsk Issledovanii (GUGI) obliegt. Diese Direktion für Tiefseeforschung ist eine der geheimsten Abteilungen der russischen Marine und direkt dem Verteidigungsministerium unterstellt. Ihr Hauptsitz befindet sich in Sankt Petersburg, eine Marinebasis liegt in der Olenya-Bucht auf der Kola-Halbinsel. Seit ihrer Gründung in den 1960er Jahren hat sich GUGI zu einer der leistungsfähigsten Einheiten für Unterwasseroperationen entwickelt. Sie operiert mit spezialisierten U-Booten und ozeanographischen Forschungsschiffen wie der „Yantar“ (wir berichteten unlängst über ihren Einsatz) und wird mit Sabotageakten in Verbindung gebracht.
Eckdaten der „Admiral Vladimirskiy“:
- Abmessungen und Bau:
- Länge: ca. 147 m, Breite: 18,6 m, Tiefgang: 6,4 m
- Verdrängung: ca. 9.120 Tonnen
- Autonomie: bis zu 90 Tage
- Reichweite: ca. 18.000 -24.000 Seemeilen (unterschiedliche Angaben)
- Forschungsausstattung:
- 19 spezialisierte Labore
- Zwei hydrografische Vermessungsboote
- Weitere Ausrüstungsmerkmale:
- Ein 7-Tonnen-Kran sowie zwei 250-kg-Kräne
- Plattform und Hangar für einen Ka-25-Hubschrauber
- Eisverstärkter Rumpf
Die Ausstattung ermöglicht detaillierte ozeanographische Messungen und gestattet zugleich in verdeckten Operationen sensitive Daten über kritische Infrastrukturen zu sammeln.
Verdächtige Muster
Internationale Berichte legen nahe, dass das Verhalten der „Admiral Vladimirskiy“ nicht rein wissenschaftlicher Natur ist:
- Manipulation des AIS und gezielte Routenführung:
Recherchen von James D. Roxford (Substack) und der BBC dokumentieren, dass das Schiff wiederholt sein automatisches Identifikationssystem (AIS) über längere Zeit abgeschaltet hat. Dies erschwert die Rückverfolgung seiner Bewegungen und deutet auf eine gezielte Verschleierung hin. Gleichzeitig führt die „Admiral Vladimirskiy“ immer wieder Kursänderungen durch, die sie in die Nähe strategisch wichtigen Anlagen wie Offshore-Windparks, Unterseekabeln und Gaspipelines bringen. - Aktivitäten in kritischen Wirtschaftszonen:
Laut marineschepen.nl heilt sich die „Admiral Vladimirskiy“ 2023 über eine längere Zeit in den ausschließlichen Wirtschaftszonen (EEZ) der Niederlande auf, bevor sie in die Ostsee zurückkehrte. Die Anwesenheit in den Hoheitsgewässern eines NATO-Mitgliedsstaates ist ungewöhnlich und lässt vermuten, dass das Schiff dort gezielt Informationen über kritische Infrastruktur sammelte. - Befürchtungen vor Unterwasser-Sabotage:
Skandinavische Berichte warnen, dass russische Spionageschiffe – darunter die „Admiral Vladimirskiy“– zur Auskundschaftung und möglicher Sabotage von Unterwasserinfrastrukturen eingesetzt werden. Experten sehen ein ernstzunehmendes Risiko für strategische Versorgungsnetzen wie Unterseekabeln und Gaspipelines. - Auffälliges Routenmuster und Loitering:
Die „ArcGIS StoryMap“ zeigt, dass sich die Kursverläufe der „Admiral Vladimirskiy“ regelmäßig in der Nähe sensibler Infrastrukturen bewegen. Roxford beschreibt zudem in einem „Substack“-Artikel, dass das Schiff in bestimmten Zonen auffällig lange verweilt – ein Muster, das als gezieltes Datensammlung interpretiert wird.
Auftauchen parallel zur NATO-Operation Baltic Sentry
Das Auslaufen der „Admiral Vladimirskiy“ aus Kronstadt nahezu zeitgleich mit dem Beginn der NATO-Operation Baltic Sentry könnte eine zufällige Koinzidenz sein. Die zeitliche Überschneidung verstärkt jedoch den Verdacht, dass die aktuellen Aktivitäten des Schiffes in einen größeren strategischen Kontext eingebettet sind. Sein bisheriges Verhalten legt nahe, dass es besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Während ihrer Passage durch die deutsche Einflusszone wurde die „Admiral Vladimirskiy“ vom Einsatzschiff „Bamberg“ der Bundespolizei begleitet, später übernahmen dänische Einheiten die Beobachtung.
Die dokumentierten Beobachtungen deuten darauf hin, dass das Schiff trotz seines offiziellen Status als Forschungsschiff für verdeckte nachrichtendienstliche Operationen genutzt wird. Die wiederholte Abschaltung des AIS, gezielte Manöver nahe strategischer Infrastruktur und das Verlassen der Ostsee im Zusammenhang mit Baltic Sentry werfen Fragen auf. Welche konkreten Absichten Moskau mit der „Admiral Vladimirskiy“ verfolgt, bleibt offen. Angesichts ihres bisherigen Verhaltens und der aktuellen geopolitischen Lage ist jedoch besondere Aufmerksamkeit geboten.
Hans-Uwe Mergener und Michael Nitz




