Vor hochrangigem Publikum, an der Spitze Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev, präsentierte KNDS an der Produktionsstätte in Kassel die erste Radhaubitze RCH 155 für die Ukraine. Dabei erfolgte die symbolische Übergabe des Gefechtsfahrzeugs durch KNDS-CEO Ralf Ketzel. Die Radhaubitze RCH 155 ist eine Kombination aus dem besten zweier Welten, wie Pistorius sagte: dem bewährte Fahrmodul des GTK Boxer und der leistungsstarke Waffenanlage der Panzerhaubitze 2000. Die Ukraine wird damit nach Deutschland, den Niederlanden, Litauen, Australien und Großbritannien der sechste Boxer-Nutzer. Für die Radhaubitze wird die Ukraine der erste Nutzer, noch vor Deutschland und Großbritannien, die ebenfalls Kaufabsichten für dieses System haben.

Verteidigungsminister Boris Pistorius beim Rollout der Radhaubitze Boxer RCH 155 bei KNDS in Kassel. (Foto: Bundeswehr Twardy)

2022 hatte die Ukraine 18 Radhaubitzen RCH 155, finanziert aus Mitteln der Ertüchtigungsinitiative der Bundesregierung, bestellt. Ein Jahr später wurde die Bestellung um 36 auf 54 Stück ausgeweitet. Auf Nachfrage nannte Pistorius eine Investitionssumme in Höhe von 890 Millionen Euro. Die Lieferungen werden sich über 2027 hinaus hinziehen.

Die jetzt übergebene Haubitze wird zunächst zur Ausbildung in Deutschland genutzt. Wie Ketzel erklärte, werden zusammen mit dem Boxer RCH 155 digitale Feuerleitanlagensysteme im Dingo und im Boxer RCT 30 ausgeliefert, die zusammen die Basis der Ausbildung bilden. Die Ausbildung soll ab März/April zum Teil bei KNDS und zum Teil an der Artillerieschule durchgeführt werden und etwa zwei Monate dauern. Erst danach kann das System in der Ukraine an die Truppe übergeben werden. In diesem Jahr sollen noch sechs Systeme folgen. Wieviel Feuerleitanlagensysteme im Dingo und im Boxer RCT 30 dabei sein werden, wurde nicht mitgeteilt.

In Summe erhalte die Ukraine die Ausstattung für drei Artilleriebataillone, stellte Pistorius fest. Dieses System trage damit wesentlich zur Fähigkeitsentwicklung der ukrainischen Streitkräfte bei. Er wies auch auf die Lieferungen von Panzerhaubitzen 2000 hin. Deutschland habe – neben elf Haubitzen von anderen Ländern – 14 Systeme aus Bundeswehrbeständen übergeben und 11 Systeme aus Industriebeständen finanziert. Ein weiteres Folge in Kürze. Damit konnte die Feuerkraft der ukrainischen Artillerie kurzfristig gesteigert werden. Bis Mitte 2027 sollen noch 18 neugebaute Panzerhaubitzen folgen. Auch diese summieren zu 54 Haubitzen auf, mit denen weitere drei Artilleriebataillone ausgestattet werden können.

Der Radschützenpanzer RCT 30 gehört mit zu dem Artilleriepaket für die Ukraine. (Foto: KMW)

Boxer RCH 155

Abgeleitet von der Panzerhaubitze 2000 hat KNDS (damals noch KMW) eine ferngesteuerte Haubitze mit der Waffe im Kaliber155 mm/L52 (Remote Controlled Howitzer, RCH 155) in ein Boxer-Missionsmodul integriert.

Mit Fernsteuerung, vollautomatischem Ladesystem für Geschosse und modularen Treibladungen sowie induktiver Programmierung der Zünder konnte die Besatzung auf zwei Personen reduziert werden. Die Waffenanlage wird elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung besteht aus maximal 30 bezünderten Geschossen und 144 modularen Treibladungen. Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integrierter Ballistikrechnung und Datenfunkanbindung zu einem Artillerieführungssystem unterstützt, der auf eine hochgenaue Navigationsanlage mit oder ohne GPS-Unterstützung zurückgreift.

Der Turm kann um 360° gedreht werden. Die Elevation des Rohres von -2,5° bis 65° erlaubt den Feuerkampf sowohl auf große Entfernung (z. B. bis 40 km mit Base Bleed, bis 54 km mit V-LAP) als auch im direkten Richten auf nahe Ziele. Die Nutzung endphasengelenkter Geschosse (Vulcano, Excalibur) ist vorgesehen. Das Schießen in alle Richtungen erfolgt ohne hydraulische Stützen. Dies ermöglicht das Schießen aus der Fahrt, das bei der RCH 155 weltweit erstmals realisiert werden konnte.

Makeiev nannte zudem als weitere bedeutende Fähigkeit MRSI (Multiple Rounds Simultaneous Impact). Dabei können aus einem Rohr mit verschiedenen Rohrerhöhungen Schüsse so abgegeben werden, dass sie gleichzeitig im Zielgebiet aufschlagen. Das erlaubt eine sehr effektive Zielbekämpfung mit wenige Haubitzen.

Boxer RCT 30

Der von Ketzel angesprochene Boxer RCT 30 steht als Radschützenpanzer auch auf der Beschaffungsliste der Bundeswehr. Kennzeichen des Fahrzeugs ist der Turm des Schützenpanzers Puma, der auf dem Boxer-Fahrmodul integriert worden ist. Der fernbedienbare Turm mit modernen Beobachtungsmitteln und vollstabilisierter automatischer 30mm-Rheinmetall-Kanone ermöglicht den Schutz der Artillerieeinheiten u.a. auch gegen Drohnen. Soweit bekannt, soll die Beschaffung der Boxer RCT 30 für die Bundeswehr noch im Januar nach Genehmigung der entsprechenden 25 Mio Euro-Vorlage eingeleitet werden.

Mittlere Kräfte

In der Bundeswehr werden mit den neuen Boxern die Mittleren Kräfte aufgebaut. Neben den hier beschriebenen Radhaubitzen und Radschützenpanzern gehören dazu noch der Schwere Waffenträger und der Skyranger 30, deren Beschaffung angelaufen ist, und zahlreiche neue Boxervarianten wie Brückenleger und Berge- und Kranfahrzeug.

Gerhard Heiming