
„Libyen-Express“ statt „Syrien-Express“: Russlands Suche nach neuen Stützpunkten
Michael Nitz und Hans Uwe Mergener
Russlands „Syrien-Express“ scheint auszulaufen –jüngste Entwicklungen deuten auf strategische Neuausrichtung. Der mögliche Aufbau eines Stützpunkts in Libyen könnte Moskau seine Präsenz im Mittelmeerraum sichern. Was bedeutet dieser Kurswechsel für Russlands Einfluss in der Region?
Eine Analyse der geopolitischen Neuorientierung Moskaus in der MENA-Region.
Der Fall der „Ursa Major“ hat Schlagzeilen gemacht. Am 23. Dezember 2024 sank das russische Frachtschiff nach einer Explosion im Maschinenraum in internationalen Gewässern im Mittelmeer zwischen Spanien und Algerien. Die Ursache ist noch unklar, allerdings unterstellt Moskau, dass es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt habe. Das Schiff, das unter US-Sanktionen stand, war den Informationen des Automatic Identification Systems (AIS) zufolge auf dem Weg von St. Petersburg nach Wladiwostok. Es transportierte zwei Kräne. Internationale Beobachter gehen davon aus, dass das Schiff als Teil einer Mission zur Evakuierung russischer Stützpunkte in Syrien gewesen war und ihr eigentlicher Bestimmungshafen in Libyen lag. Ihre Ladung sollte zum Aufbau eines Stüttzpunktes in dem nordafrikanischen Land genutzt werden.
Die „Ursa Major“, die früher als „Sparta III“ bekannt war, wurde 2009 in Deutschland gebaut und mehrfach umbenannt, wie wir bereits im März berichtet haben. Der Schwerguttransporter befand sich in Begleitung des RoRo-Transportschiffes „Sparta“. Beide passierten in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 2024 den Fehmarnbelt. Auf ihrem weiteren Weg begegneten sie wiederum der aus dem Mittelmeer zurückkehrenden „Sparta IV“, die am 17. Dezember die Brücke über den Großen Belt südwärts gehend passierte, um am 20. Dezember in St. Petersburg einzulaufen. „Sparta IV“ ist ein für seine Waffen- und Munitionstransporte bekannter Klient. Sie machte sich im sogenannten „Syrien-Express“ zwischen Syrien und Russland einen Namen (ES&T berichtete).
Am Morgen des 25. Dezember passierten zwei andere aus dem „Syrien-Express“ bekannte zivile Einheiten Bornholm mit Ziel Ostseeausgänge. Die „General Skobelev“, ein Öltanker, und das Containerschiff „Sparta II“. Beide Schiffe wurden von der „Soobrazitelniy“, einer Fregatte der Steregushchiy-Klasse, eskortiert. Die drei russischen Einheiten standen unter Beobachtung der dänischen Marine (HDMS P521) und der deutschen Bundespolizei See („Bamberg“).
Bei der „Sparta II“ handelt es sich um einen 122 Meter langen und 19 Meter breiten, in Novorossiysk registrierten RoRo-Containercarrier, der im Jahr 2000 in Dienst gestellt worden ist. Zwischen 2017 und 2022 hat das Schiff 26 Hafenaufenthalte in Tartus (Syrien) durchgeführt. Eine aus öffentlich zugänglichen Quellen erstellte Bewegungs-Statistik der letzten zwölf Monate belegt den Einsatz primär in russischen Häfen zwischen St. Petersburg und Baltiysk. „Sparta II“ befindet sich ebenso wie „Sparta“ und „Sparta IV“ auf der Sanktionsliste der USA.
Die „General Skobelev“ verkehrte bisher ebenfalls regelmäßig im „Syrien-Express“ zwischen St. Petersburg und Tartus. Zuletzt wurde sie am 25. November in die Ostsee einlaufend beobachtet (wir berichteten). Öffentlich zugänglichen Quellen zufolge führte der Tanker in den vergangenen zwölf Monaten ausschließlich Einsätze auf der Strecke zwischen Russland und Syrien durch.
Russlands Mittelmeerstrategie: Vom Rückzug in Syrien zur Expansion in Libyen?
Nach Open Source Intelligence (OSINT)-Experten legen neuere Satellitenbilder des russischen Luftwaffenstützpunkts Khmeimim und des Hafens von Tartus in Syrien nahe, dass Moskau Vorbereitungen für einen Abzug eingeleitet hat. Mitte Dezember wurde an den beiden russischen Stützpunkten in Syrien eine ungewöhnliche Konzentration von militärischem Gerät ausgemacht. Während das gesamte Ausmaß der Bewegungen unklar bleibt, weisen verstärkter Flugverkehr und andere logistische Maßnahmen nach Einschätzung von Beobachtern auf eine koordinierte Evakuierung hin.
Zurückhaltung ist hinsichtlich der Folgerung geboten, inwieweit dies auf einen großen strategischen Schwenk hinausläuft. Tatsache ist, dass Moskau seine Rolle in Middle East and Northern Africa (MENA) neu definieren muss. Will der Kreml sein mutmaßlich langfristig angelegtes Engagement in Afrika aufrechterhalten, wird ein Ersatz für die Versorgungspunkte in Syrien, das auch für die russischen Einsätze in Afrika als logistische Basis diente, fällig.
Russland nutzte Syrien als Drehkreuz für seine Söldneroperationen in Afrika. Vordem wurde mit einer Marinebasis im Roten Meer (Port Sudan) spekuliert. In Libyen soll Tobruk ein möglicher Stützpunkt sein. Moskau unterstützte dort Khalifa Haftar durch den Einsatz von Söldnern, die Lieferung von Waffen und Ausbildungsunterstützung. Analysten sind sich einig, dass eine Marinebasis im Mittelmeer für Russland weiterhin von strategischer Bedeutung ist. Bisher war das syrische Tartus der einzige Flottenstützpunkt außerhalb des russischen Festlandes. Wie auch von dem Militärflugplatz Khmeimim aus, konnte Moskau von hier seine Kräfte ins Mittelmeer projizieren und so seine geopolitischen Interessen in der Region wahren. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass Libyen als Ersatz für Syrien in Betracht gezogen wird. Die russische „Sparta“ wurde am 28. Dezember im zentralen Mittelmeer gesichtet, wobei ihr südöstlicher Kurs auf libysche Hafenstad Benghasi im Nordosten des Landes hindeutete. Genauere Informationen fehlen jedoch, da die AIS-Daten als unzuverlässig gelten.
Noch weitergedacht: Ob und wie die für Russland heikle Lage in Syrien Auswirkungen auf den Krieg in der Ukraine haben wird, bleibt abzuwarten und erfordert weitere Beobachtung. Dem gegenüber werten Washingtoner Kreise, dass die bei den afrikanischen Partnern als Untätigkeit wahrgenommene russische Reaktion auf die Machtübernahme der HTS in Syrien zu einem Vertrauensverlust und einer Schädigung des russischen Ansehens führe.
Hintergrund:
General Skobelev: Der 13.000 Tonnen verdrängende Produktentanker mit einer Länge von 150 Metern, einer Breite von 17 Metern und einem Tiefgang von 7 Metern, befindet sich im Besitz von Pal Shipping Trader Three Co. Ltd. (La Valletta, Malta), wird von Palmali Shipping (Sitz in Istanbul) betrieben und operiert unter der Flagge der Russischen Föderation. Sie ist registriert in Taganrog, Таганрог, Rostov.
Das Schiff wurde 2008 von der Werft Krasnoye Sormovo, Nischni Nowgorod, Russische Föderation, mit der Baunummer 19619-09 gebaut und lief bis 2021 unter dem Namen „Agsu“. Eigentümer war die Pal Shipping Trader Three, Betreiber Palmali Shipping. 2021 wurde sie auf „General Skobelev“ umgetauft. Bis dahin war das Schiff wegen des Verdachts auf Verstöße gegen Umwelt- bzw. Sicherheitsbestimmungen mehrfach auffällig geworden. Im Januar 2018 wurde das Schiff 16 Tage im dänischen Kalundborg festgehalten. Ihre Charakteristika legen darüber hinaus die Vermutung nahe, dass das Schiff auch mit der sogenannten „dunklen Flotte“ Russlands in Verbindung gebracht werden könnte.
Michael Nitz und Hans Uwe Mergener











