Spätestens seit Veröffentlichung des Wargaming-Handbuchs der Bundeswehr und den begleitenden Worten des Generalinspekteurs ist Wargaming als machtvolles Werkzeug zur Vorbereitung auf zukünftige komplexe Herausforderungen und Entscheidungen auch in der Breite der deutschen Streitkräfte etabliert. Der große Vorteil: Militärische Entscheidungsträger können in kontrollierten, simulierten Szenarien strategische oder operative Entscheidungen treffen und deren Auswirkungen in einer sicheren Umgebung ohne Risiko erproben. Verschiedene Situationen werden aus unterschiedlichen Perspektiven kreativ durchdacht. Dies bietet die Möglichkeit sich selbst mit dem „Undenkbaren“ wie einem militärischen Konflikt auf deutschem Boden auseinanderzusetzen.

Kurzum: Das Komplexe wird greifbarer. Dabei verbirgt sich hinter dem Begriff Wargaming ein breites Spektrum von der spielerisch gelenkten Expertendiskussion über klassische analoge Brettspiele bis hin zu simulationsgestützten Wargames mit hohem analytischem Fokus.

Zielgerichtete Digitalisierung kann Wargaming maßgeblich voranbringen

Obwohl analoge Wargames wie zum Beispiel das OWS System der US-Marines eine immersivere Erfahrung bieten als klassiche Simulationen, stoßen auch sie an eine Komplexitätsbarriere. Wir nennen dies das Trilemma des Wargame-Designs zwischen Realitätsnähe, analytischer Auswertbarkeit und immersiver Spielerfahrung.

Mit dem Aufkommen modernster Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI), Big Data und erweiterten Simulationsplattformen ist das Potenzial vorhanden, dieses Trilemma zu reduzieren und Wargaming auf ein neues Niveau zu heben. Durch die gleichzeitige Einbeziehung aktueller, realer Daten und darauf basierender Echtzeitsimulationen oder Wahrscheinlichkeitsberechnungen und moderner Visualisierungstechnologien können Wargames räumlich und inhaltlich zugänglicher, effizienter auswertbar und analytisch besser nutzbar werden. Entscheidungen lassen sich so in realistischen Szenarien trainieren und präziser analysieren.

Natürlich bringt die Digitalisierung im Wargaming auch Herausforderungen mit sich. Gerade in sensiblen Bereichen mit hohen Sicherheitsanforderungen, wie VS-NfD und höher, stellt die Gewährleistung der Systemsicherheit eine besondere Herausforderung dar. Es gilt, Cyberangriffe und Datenlecks zu verhindern. Zudem besteht die Gefahr, dass Entscheidungen zu stark auf simulierten Ergebnissen basieren und die menschliche Intuition und Erfahrung vernachlässigen. Deshalb ist es wichtig, die Balance zwischen Technologie und menschlichem Urteilsvermögen zu wahren, um die besten Ergebnisse effizient zu erzielen.

Foto: :: NATO JSEC PAO, CIHBw

Die Beiträge der BWI – analog bis digital

Bei Bundeswehr und NATO werden auch bei der Entwicklung aktueller IT-Service-Projekte vermehrt Wargaming-Funktionalitäten mitgedacht. Als primärer Digitalisierungspartner der Bundeswehr wird die BWI ihrer Verantwortung gerecht und unterstützt die Bundeswehr dabei, Wargamingpotenziale zu heben und effektiv einzusetzen. Die Voraussetzungen dazu werden über den proaktiven Aufbau von Methoden- und Digitalisierungskompetenzen im BWI-Wargaming Team des Bereichs Digital Defense geschaffen. Die Erfahrung in der Digitalisierung von Wargames wird durch die erfolgreiche Umsetzung von Unterstützungsleistungen – wie zum Beispiel durch die Erweiterung der NATO-Logistik-Übung „Steadfast Foxtrot 24/25“ um XR oder digitale Visualisierungen eines NATO-Verteidigungsplanungs-Wargames – ausgebaut. Durch die BWI können die Streitkräfte die Vorteile der digitalen Anwendungen stärker für sich nutzen und sich proaktiv auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten.

Perspektivisch muss es nun darum gehen, die unterschiedlichen Wargaming-Kompetenzen in NATO, Bundeswehr und BWI über einen ganzheitlichen Ansatz und eine noch intensivere Orchestrierung der nationalen und internationalen Wargaming-Kompetenzen von Streitkräften, Wissenschaft und Industrie weiterzuentwickeln und so die Kriegstüchtigkeit der Streitkräfte weiter zu erhöhen.

Matthias Döring, Senior Consultant Digital Defense, BWI GmbH