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Nach der statischen Vorstellung bei der Future Artillery Conference in Paris im Mai haben KNDS Deutschland und General Dynamics European Land Systems (GDELS) die 155-mm-Radhaubitzen auf den Trägerfahrzeugen Boxer und Piranha Heavy Mission Carrier (HMC) dynamisch im scharfen Schuss vorgeführt. Auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow (50 km ostwärts von Magdeburg) haben die beiden Unternehmen einer geladenen Gruppe von potentiellen Nutzern und Experten die Waffensysteme erläutert und dann in kleinen Gefechtsausschnitten die Leistungsfähigkeit der Systeme demonstriert.

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Radhaubitzen Boxer RCH 155 und Piranha HMC AGM mit identischen unbemannten Artillerie-Geschütz-Modulen (AGM). (Foto: Gerhard Heiming)

Gemeinsam ist den beiden Radhaubitzen das identische unbemannte Artillerie-Geschütz-Modul (AGM), das seit mehr als 15 Jahren von KNDS Deutschland (damals noch Krauss-Maffei Wegmann, KMW) entwickelt worden ist und erstmals auf der Eurosatory 2008 zu sehen war. Damals stellte GDELS mit Ascod das Trägerfahrzeug. Das AGM ist eine Weiterentwicklung der 155-mm/L 52-Waffenanlage aus der Panzerhaubitze 2000, allerdings mit vollautomatischem Lader sowohl für das Geschoss als auch für die Triebladung. Damit konnte die Besatzung auf zwei Soldaten (Fahrer und Kommandant) zur Bedienung des Systems reduziert werden. Das AGM bietet die vollständige Autonomie des Gesamtsystems in Führung, Navigation und Feuerleitung sowie durch ihre systembedingte Stabilität vollkommen neue Einsatzoptionen, schreibt KNDS.

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Der 8×8-Boxer RCH 155 ist in Produktion und soll ab 2025 an die Ukraine ausgeliefert werden. (Foto: Gerhard Heiming)

KMW hat das AGM als Missionsmodul für den 8×8-Boxer ausgeführt. Mit der Integration auf das mittlerweile weitverbreitete Trägerfahrzeug unter der Bezeichnung Boxer RCH 155 konnte auch die Fähigkeit zum Schießen in der Bewegung realisiert werden. Während herkömmliche Radhaubitzen zum Feuern in eine Stellung einfahren müssen und das Geschütz beim Schuss abstützen müssen, muss die RCH 155 zum Schießen nicht anhalten. Das bringt die Zeit für den Feuerhalt „shoot-and-scoot“ auf Null, ein unschätzbarer Vorteil angesichts der wachsenden Bedrohung der Artillerie durch moderne Aufklärung. Unabhängig von der augenblicklichen Fahrtrichtung kann das Geschütz in jede Richtung feuern. Als Reichweite gibt KNDS bis zu 54 km an mit einer Kadenz von neun Schuss pro Minute. Damit kann die RCH 155 auch im MRSI-Verfahren (Multiple Rounds Simultanenous Impact) eingesetzt werden, bei dem mehrere Schüsse mit verschiedenen Rohrerhöhungen so abgeben werden, dass die Geschosse gleichzeitig im Zielgebiet aufschlagen.

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Der 10×10-Piranha HMC AGM steht im Wettbewerb um die Schweizerische Radhaubitze. (Foto: Gerhard Heiming)

Zusammen mit GDELS hat KNDS das AGM in nur einem Jahr Entwicklungszeit auf den 10×10-Piranha Heavy Mission Carrier (HMC) integriert. GDELS hatte den Piranha HMC im April erstmals öffentlich vorgestellt. Der HMC ist mit AGM zwar 1,18 m länger als das Fahrmodul des Boxer. Dank der Vier-Achs-Lenkung (die mittlere Achse ist ungelenkt) beträgt der Wendekreis weniger als 18 Meter, gegenüber 21 Meter beim Boxer. Das robuste 10×10 Multi-Link-Fahrwerk leitet die Kräfte beim Schuss in den Boden ab. Damit kann ebenso wie beim Boxer auf eine mechanische Abstützung bei der Schussabgabe verzichtet werden und das Feuern der Hauptwaffe aus der Bewegung ist möglich.

Ergänzend zu den Waffensystemen präsentierte KNDS einen Lösungsvorschlag für das Aufmunitionieren des AGM. 30 Schuss und 144 Treibladungen müssen in möglichst kurzer Zeit aus der logistischen Bereitstellung in das Geschütz geladen werden. Beim Geschossgewicht von 46 kg lässt die Körperkraft schnell nach. In einem Standard-Container wird die Munition zugeführt. Zum Handling sind Tragevorrichtungen für zwei Personen, ein Kran und weitere Hilfsmittel für das Aufmunitionieren vorhanden. Damit kann ohne große Ausbildung das AGM von zwei Personen in weniger als zehn Minuten beladen werden.

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Der Beladecontainer ermöglicht schnelles taktisches Aufmunitionieren mit reduzierter körperlicher Belastung. (Foto: Gerhard Heiming)

Im ersten Schießabschnitt demonstrierten die Radhaubitzen nacheinander die Schussabgabe über den gesamten Azimut: nach vorn, nach hinten, zur Seite und zur Seite aus verkanteter Position. Dazu fuhren sie aus gedeckter Aufstellung in die Feuerstellung, hielten kurz an und gaben nach wenigen Sekunden den Schuss ab. Im zweiten Schießabschnitt erreichten beide Radhaubitzen die Feuerstellung gleichzeitig und gaben die Schüsse aus verschiedenen Positionen des AGM synchron ab. Das Highlight war der dritte Schießabschnitt, in dem der Boxer RCH 155 und der Piranha HMC mit AMG langsam durch die Feuerstellung fuhren und gleichzeitig während der Fahrt in das Zielgebiet feuerten. Die Schussentfernung betrug in allen Fällen rund sieben Kilometer.

Die Demonstration machte deutlich, dass das vollautomatische AGM eine neue Ära für die Artillerie einläuten kann: Die Schussgabe kann ohne Vorbereitung, in jedem Winkel und sogar aus der Fahrt erfolgen. Damit ist die Verfügbarkeit des Systems so hoch, dass damit die Kapazität mehrerer konventioneller Geschütze dargestellt werden kann. Um gleiche artilleristische Wirkung zu erzielen, werden weniger Systeme benötigt, weil sie schneller schießen können und wegen ihrer Beweglichkeit weniger gefährdet sind. Zudem wird weniger Personal benötigt. Die Technologie ist da, um die Einsatzgrundsätze der Artillerie zu modernisieren.

Beide vorgestellten Systeme sind serienreif. Der Boxer RCH 155 ist in Produktion. Die Ukraine hat insgesamt 54 RCH 155 bestellt, deren Auslieferung sich nach neuesten Erkenntnissen bis ins erste Quartal 2025 verzögern wird. Im Raum steht eine gemeinsame Beschaffungsinitiative Deutschlands und Großbritanniens. Das Volumen wird auf 400 Systeme für die British Army und rund 160 Systeme für die Mittleren Kräfte des Deutschen Heeres geschätzt.

Den Piranha HMC mit AGM haben GDELS und KNDS für den Bedarf der Schweizer Armee konzipiert. Das System ist ein Wettbewerber um die zukünftige Radhaubitze der Schweiz. In dem Tender soll Mitte 2025 eine Auswahlentscheidung getroffen werden. Nach Vertragsverhandlungen und parlamentarischer Zustimmung könnte die Radhaubitze in das Rüstungsprogramm 2026 aufgenommen werden. Das Beschaffungsvolumen wurde mit rund 50 Systemen beziffert.

Gerhard Heiming