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Die Kieler Woche ist nicht nur ein Besuchermagnet für Marine-affine und Vergnügungssüchtige. Bis Ende letzter Woche waren im deutschen Einzugsgebiet der Ostsee ungewöhnliche Bewegungen der russischen Marine bzw. russischen Staatsschiffe zu beobachten.

Am 22. Juni 2024 hat der russische Produktentanker „Yaz“ zusammen mit der Korvette der Stergushichiy Klasse „Stoikiy“ den Fehmarnbelt in Richtung St. Petersburg passiert. Die „Yaz“ kam aus dem Mittelmeer. Über ihr Auslaufen Anfang Mai haben wir berichtet.

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Das Bild zeigt die zufällig das Aufklärungsschiff Vasiliy Tatishchev passierende MRC BELIZ. (Foto: Michael Nitz)

Im Mittelmeer wurde „Yaz“ am 12. Juni nördlich von Oran bei einem Rendezvous mit dem ‚anrüchigen‘ Handelsschiff „Ascalon“ beobachtet. Beide Einheiten wurden in Vergangenheit mit dem Transport militärischer Güter in Verbindung gebracht. Die „Ascalon“ ist ein Ro-Ro-Containerfrachter mit ca. 8.800 Tonnen Verdrängung bei knapp 127 Meter Länge. Sie war in der Vergangenheit im sogenannten ‚Syrien-Express‘ tätig, dem Nachschubweg aus dem Schwarzen Meer für die in Syrien eingesetzten russischen Kräfte.

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Die „Vasiliy Tatishchev“ bezieht Beobachtungsposten im nördlichen Außenbereich der Kieler Bucht. Foto: Michael Nitz

Nordwestlich Fehmarn, also vor der Haustür, hatte bereits am Morgen des 20. Juni eines der kapazitätsstärksten Aufklärungsschiffe der russischen Marine Position in internationalen Gewässern bezogen. Ihr wahrscheinlicher Auftrag: Beschattung der Teilnehmer des Großmanövers BALTOPS, die sich in der Kieler Bucht sammelten und sich für das Einlaufen in den Kieler Marinestützpunkt am Freitag vorbereiteten. Denn die „Vasiliy Tatishchev“ ist spezialisiert in der Signalerfassung. Sie ist in der Lage, Funkfrequenzen zu erfassen und aufzuzeichnen. Dazu gehören nicht nur normaler Verkehr zwischen Seefunkstellen, also Schiffen, sondern auch Mobilfunk. Mit Auslaufen der NATO-Einheiten aus Kiel verlegte das 91,5 Meter lange und 3.470 Tonnen verdrängende Schiff am späten Montagabend (24. Juni) ostwärts. Während der fünf Tage in unmittelbarer Nähe der NATO-Einheiten mag die „Vasiliy Tatishchev“ einige Erkenntnisse gesammelt haben.

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Die RFS Stoiky am 22. Juni 2024 (Foto: Michael Nitz)

Cave Canem oder Vigilans Esto

Die Bewegungen russischer Einheiten zogen die Aufmerksamkeit der NATO-Staaten auf sich. Trotz deaktiviertem Automatischen Informationssystems (AIS) blieben sie nicht unbemerkt und wurden von Marine-, Polizei- und Küstenwacheinheiten der Anrainerstaaten begleitet. Im Falle der „Yaz“ war es das Einsatzschiff „Bayreuth“ der Bundespolizei See. Die zeitliche Hauptlast der Beobachtung des russischen Aufklärungsschiffes nordwestlich von  Fehmarn oblag dem Einsatzschiff NEUSTADT der Bundespolizei See. Die BAYREUTH hatte später übernommen, als die NEUSTADT zur Kieler Woche verlegte.

Die „Vasiliy Tatishchev“ wurde abwechselnd von Einheiten der Bundespolizei und der Deutschen Marine „begleitet“. Dies muss nicht zwingend in Sichtweite erfolgen, sondern kann auch in einigem Abstand erfolgen. In der Ostsee werden die Informationen zwischen den beteiligten internationalen Dienststellen (NATO, Polizei, Küstenwache) ausgetauscht, womit sich eine nahtlose Überwachung der russischen Einheiten sichergestellt werden kann.

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Die „YAZ“ und die „Stokiy“ am 22. Juni 2024 (Foto: Michael Nitz)

Die Kräfte der Bundespolizei waren dieser Tage durch die starken Bewegungen der russischen Marine und anderer verdächtiger russischen Einheiten gefordert. Unter anderem auch am 13. Juni, als das russische Forschungsschiff „Akademik Mstislav Keldysh“ die Ostsee verließ. Sie tat das zwar über den Öresund, doch führte ihr Weg aus Kaliningrad durch die deutsche Ausschließliche Wirtschaftszone nordöstlich von Rügen.

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Die „YAZ“ und die „Stokiy“ am 22. Juni 2024 (Foto: Michael Nitz)

Die Überwachung des Schiffes, das aufgrund seiner Ausrüstung – es verfügt unter anderem über einen Kran für Unterwasserfahrzeuge bis 22 Tonnen – Manipulationen an kritischer Infrastruktur vornehmen könnte, wurde zur Beobachtung von deutschen an dänische Einheiten übergeben. Das bewährte Verfahren wurde auch bei der Überwachung der Chusovoy, GS 31 am 13. Mai angewandt (ES&T berichtete).

Hans Uwe Mergener und Michael Nitz