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„Es gibt keine Alternative zu hoher Einsatzbereitschaft, Entschlossenheit und Verlässlichkeit“, betont der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, im Interview mit der Zeitschrift ESuT.

 

Sehr geehrter Herr General, welche Bedeutung hat die ILA für die Luftwaffe? Wo liegen dieses Jahr Ihre Schwerpunkte?

Die ILA ist die einzige Plattform in Deutschland, auf der die Luftwaffe ihr gesamtes Fähigkeitsspektrum darstellen kann. Die Bundeswehr ist der größte Einzelaussteller, allein das unterstreicht die Bedeutung dieser Ausstellung. Für uns ist es der zentrale Ort, um mit unseren Partnern aus der Wirtschaft und der Wissenschaft in einen fachlichen Austausch zu kommen. Genauso suchen wir den Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern und natürlich zu den Bürgerinnen und Bürgern.

Der Erfolg der ILA steht auch für die Faszination von der dritten Dimension. Die wollen wir nutzen, um junge Menschen zu motivieren, dass sie Teil unseres Teams Luftwaffe werden. Wir spüren, dass jenseits der allgemeinen Faszination das Interesse für die Luftwaffe deutlich gewachsen ist. Wenn wir in diesem Jahr einer luft- und raumfahrtbegeisterten Öffentlichkeit moderne Waffensysteme präsentieren, erfolgt das in dem klaren Verständnis, dass reaktionsschnelle und moderne Streitkräfte notwendig sind, um die Sicherheit Europas zu garantieren. Einer unserer Schwerpunkte lautet: die Zeitenwende greifbar machen. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine haben wir unseren Fokus wieder stärker auf Lan- des- und Bündnisverteidigung gerichtet. Anfang 2022 hat die Bundesregierung ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro eingerichtet, um die Ausrüstung der Bundeswehr zu verbessern. Wie genau das geschieht und in welche Systeme wir investieren, das wollen wir den Besucherinnen und Besuchern der ILA greifbar näherbringen. Wir stehen hier Seite an Seite mit der Industrie und mit Partnernationen – ohne die könnten wir unsere Aufträge nicht bewerkstelligen.

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Generalleutnant Ingo Gerhartz ist seit 2018 Inspekteur der Luftwaffe. (Foto: Luftwaffe)

Über welche neuen Fähigkeiten wird die Luftwaffe zukünftig verfügen?

Die Luftwaffe erfährt dank des Sondervermögens einen wesentlichen Zuwachs in ihren Kernkompetenzen. Gerade im vergangenen Jahr haben wir wichtige Beschaffungen in Gang gebracht, die die Zukunft der Luftwaffe nachhaltig prägen werden. Mit dem neuen Tarnkappenjet F-35 werden wir ab 2026 einen großen Schritt nach vorn gehen. Mit einem Kampfflugzeug der fünften Generation werden wir dann weiter unsere nukleare Teilhabe sichern.

Das Rückgrat der fliegenden Luftwaffe bleibt weiterhin der Eurofighter, er wird seine Zuverlässigkeit bei unserer multinationalen Verlegung „Pacific Skies“ in diesem Sommer erneut unter Beweis stellen. Die Bedeutung unserer Eurofighter wird noch einmal gesteigert mit dem Beschluss, dass wir beginnen, sie für den elektronischen Kampf zu befähigen. Der Eurofighter ist in kontinuierlicher Evolution, und wir stehen in der Pflicht, die Zukunft nach dem Ende der sogenannten Tranche 4 nicht aus dem Auge zu verlieren.

Eine weitere Weiche ist mit der Entscheidung für die CH-47 gestellt. Die Chinook wird ab 2027 unsere 50 Jahre alte CH-53 ablösen. Durch ihre Fähigkeit zur bewaffneten Suche und Rettung wird dieser schwere Transporthubschrauber auch eine Fähigkeitslücke schließen. Bei den fliegenden Waffensystemen war uns besonders wichtig, dass sie auf dem Markt sind und relativ schnell einsetzbar. Zeitenwende heißt schließlich auch, dass wir unseren Auftrag jetzt erfüllen können, nicht erst in zehn Jahren.

In der bodengebundenen Luftverteidigung werden wir mit der Anschaffung des weitreichenden israelischen Systems Arrow eine anerkannte Fähigkeitslücke in Europa, aber auch international schließen. Wir können damit Flugkörper in über 100 Kilometern Höhe abfangen, also bevor sie überhaupt in die Erdatmosphäre eintreten. Für den Nah- und Nächstbereich schaffen wir das deutsche Flugabwehrsystem IRIS-T SLM an. Und mit der Modernisierung des Systems Patriot erhalten wir unsere Reaktionsfähigkeit in den unteren Abfangschichten. Nicht zuletzt werden wir mithilfe des Sondervermögens auch unsere Fähigkeiten in der Dimension Weltraum ausbauen. Noch in diesem Jahr bekommen wir ein eigenes Radarsystem, mit dem man zum Beispiel feststellen kann, wann ein Satellit in die Atmosphäre eintritt. Außerdem werden Teleskope beschafft, die noch weiter in die Ferne schauen können. Und wir investieren in neue Fähigkeiten, um Bedrohungen und Angriffe fremder Satelliten im Orbit abwehren zu können.

Wie wird die Luftwaffe damit in der Zukunft kämpfen und operieren?

Zunächst werden wir all diese Fähigkeiten nie allein einsetzen. Wir werden immer gemeinsam mit unseren Partnern und Verbündeten operieren, also im Rahmen von NATO, EU oder VN. Mit der F-35 erhalten wir nicht nur das modernste Kampfflugzeug der Welt, das durch seine besondere Stealth-Technik stark davor geschützt ist, von fremden Flugabwehrsystemen entdeckt und angegriffen zu werden. Wir erhalten auch einen Kampfjet, der weltweit einsatzerprobt ist und zu einem Standard-Modell in der NATO werden wird. Gleiches Kooperationspotenzial bietet auch die CH-47. 20 weitere Nationen nutzen diesen Hubschrauber, er hat von Afghanistan bis Mali fast alles gesehen. Die Chinook erlaubt es uns, in puncto Transportfähigkeiten künftig das gesamte Spektrum abzudecken – von humanitärer Hilfe bis hin zu Krise und Krieg.

Zur territorialen Flugkörperabwehr: Mit den beiden Systemen Arrow und IRIS T-SLM sowie mit einer modernisierten Patriot- Plattform verbessern wir erstens deutlich unsere Führungsfähigkeit durch standardisierte Schnittstellen. Zweitens sind wir erstmals in der Lage, alle Höhenbereiche in der integrierten Luftverteidigung der NATO abzudecken. Die deutsche Flugabwehr ist bereits seit 1960 Teil der integrierten NATO-Luftverteidigung und operiert seitdem durchgängig und ausschließlich im gemeinsamen Verbund. Und der russische Angriffskrieg in der Ukraine führt uns die Notwendigkeit einer funktionierenden Luftverteidigung täglich vor Augen. In die zusätzlichen Fähigkeiten in der Domäne Weltraum investieren wir, um künftig autarker zu sein im Sinne der Refokussierung auch auf die Landesverteidigung. Bisher stützen wir uns hier stark auf Daten auf Geräte unserer Verbündeten.

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Mit der F-35 soll die nukleare Teilhabe gesichert werden. (Foto: Luftwaffe)

Anfang April hat der Bundesminister der Verteidigung eine Strukturreform für die Bundeswehr verkündet. Was bedeutet das für die Luftwaffe?

Mit seinen Strukturentscheidungen hat der Minister seinen Plan für eine handlungs- und reaktionsfähige Bundeswehr im gesamten Einsatzspektrum bekanntgegeben. Für uns bedeutet das, dass wir Aufgaben der Zulassung und Nutzung militärischer Luftfahrzeuge sowie des militärischen Flugbetriebs der Bundes- wehr bei uns bündeln werden, damit die Verantwortung dafür unter einem Dach verortet ist.

Zum einen wird das Luftfahrtamt der Bundeswehr – zuständig für Verkehrssicherheit, Lufttüchtigkeit von Luftfahrzeugen und -geräten, aber auch für regulative Aspekte – mir als Inspekteur direkt unterstellt. Zweitens stellen wir in der Luftwaffe eine so- genannte Continuing Airworthiness Management Organisation der Bundeswehr auf, die CAMOBw. Diese soll den technischen Zustand der Luftfahrzeuge überwachen, aber auch Maßnahmen steuern und verantworten.

Mit beiden Schritten werden wir operativer, effizienter, schneller in den Prozessen – und damit kriegstüchtiger in der Dimension Luft. Verfügbarkeit und Einsatzbereitschaft sind die Basis für eine glaubhafte Abschreckung und, wenn nötig, die erfolgreiche Verteidigung unseres Landes und unserer Verbündeten. Dazu muss auch die übrige Struktur der Luftwaffe passen. Ausgangs- punkt unserer Überlegungen ist unser Auftrag im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung: das Erringen und Erhalten der Luftüberlegenheit und die Nutzbarkeit des Weltraums. Wir untersuchen im Moment verschiedene Optionen mit dem nötigen Tempo, aber auch mit der gebotenen Gründlichkeit.

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Während der Übung „Rapid Pacific 22“ fliegen zwei japanische F-2 (oben) und zwei deutsche Eurofighter von Singapur nach Japan, vorbei am Mount Fuji. Im Cockpit des Eurofighters mit der Sonderfolierung (Mitte) sitzt der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz. (Foto: Luftwaffe)

Welche Schwerpunkte gibt es in der Zusammenarbeit innerhalb von NATO und EU, zum Beispiel bei verschiedenen Rüstungsprojekten, aber auch bei EMAR/DEMAR?

Multinationale Kooperationen sind seit jeher Kern unseres Handelns, sie bilden die DNA der Luftwaffe. In NATO und EU werden in verschiedensten Formaten gemeinsame Fähigkeiten entwickelt, damit die Systeme der einzelnen Staaten miteinander operieren und auch gemeinsam eingesetzt werden können. Aus aktuellem Anlass fällt mir da zuerst die deutsch-französische Lufttransportstaffel in Évreux ein: Zwei unserer Hercules- Maschinen C-130J waren im März und April vorübergehend in Jordanien stationiert, um von dort aus Hilfsgüter über dem Gazastreifen abzuwerfen. Vor Ort wurden sie von französischen Kameraden abgefertigt. Durch dieses Teamwork konnten wir den notleidenden Menschen im Kriegsgebiet umgehend helfen. Das war praktische und einsatzorientierte Kooperation par excellence. Weitere erfolgreiche Beispiele sind unsere Kooperation mit den anderen drei Eurofighter-Nationen Großbritannien, Italien und Spanien oder die Entwicklung des Future Combat Air Systems, die wir gemeinsam mit Frankreich und Spanien betreiben.

Einen weiteren wesentlichen Beitrag zur Verbesserung unserer Interoperabilität erreichen wir durch die Nutzung EU-weit abgestimmter Standardverfahren zur Aufrechterhaltung der Lufttüchtigkeit unserer militärischen Luftfahrzeuge, die sogenannten European Military Airworthiness Requirements. Diese EMAR sind aus der zivilen Praxis abgeleitet und werden durch das Luftfahrtamt der Bundeswehr in nationales Recht überführt; bei uns heißen diese Dokumente dann DEMAR, das steht für German Military Airwothiness Requirements. Die Umsetzung dieser Regeln in den jeweiligen Nationen erleichtert die Zusammenarbeit bei der gemeinschaftlichen Entwicklung und Herstellung, aber auch beim Betrieb von Luftfahrzeugen. Der neuen CAMOBw kommt hier eine zentrale Rolle zu. Sie wird künftig für alle militärischen Luftfahrzeuge – Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen – sicherstellen, dass die Anforderungen im täglichen Dienstbetrieb zentral aus einer Hand überwacht und eingehalten werden. Damit werden wir erstmals die Fähigkeit haben, die auf europäischer Ebene vereinbarten Zulassungsregeln vollständig umzusetzen.

Welche großen Projekte und Übungen mit anderen Nationen außerhalb Europas, zum Beispiel im Indopazifik, stehen dem- nächst auf dem Programm?

Ein zentraler Termin und Höhepunkt in unserem Terminkalender ist die multinationale Verlegeübung „Pacific Skies 24“, die kurz nach der ILA beginnt. Die Luftwaffe fliegt dann quasi einmal um die Welt. Von Ende Juni bis Mitte August werden sechs unserer Verbände mit europäischen Partnern üben. Neben Frankreich, Spanien und Großbritannien beteiligen sich auch die USA, Australien, Japan und Indien. In unterschiedlichen Übungen werden Tiefflug, Luftangriff und Luftbetankung trainiert. Wir beginnen in Alaska, dann geht es weiter nach Japan. Anschließend teilt sich unsere Flotte. Ein Teil unserer Eurofighter fliegt nach Australien und nimmt dort an der Übung „Pitch Black“ teil. Ein anderer Teil wird sich vor beziehungsweise über Hawaii gemeinsam mit der Marine am US-Großmanöver „Rim- pac“ beteiligen. Zum Schluss nehmen wir erstmals an einer Übung in Indien teil. Mit „Pacific Skies 24“ zeigen wir ein europäisches Gesicht in einer Region, die für uns alle sehr wichtig ist. Und wir beweisen nach „Rapid Pacific 22“ zum zweiten Mal, dass wir neben unseren Daueraufgaben in Deutschland und den Bündnisverpflichtungen an der NATO- Ostflanke im Krisenfall auch schnell und flexibel in anderen Regionen der Welt präsent sein können. Für mich trägt das Vorhaben den Titel „Partnerschaften in der Zeitenwende“.

Ein großes Thema für die gesamte Bundeswehr ist derzeit die Frage der Durchhaltefähigkeit bei einem länger andauernden Konflikt, zum Beispiel bei Ersatzteilen und Munition. Wie sieht es da bei der Luftwaffe aus?

Eins vorweg zu unserer Einsatzbereitschaft: Die hat sich – wie unsere Ausrüstung – in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Bei unseren fliegenden Systemen ist sie seit 2018 von 35 Prozent auf aktuell gut 80 Prozent gestiegen. Das haben wir unter anderem durch eine engere Kooperation mit der Industrie erreicht.

Weniger sichtbar, aber genauso bedeutend für unsere verlässliche Auftragserfüllung ist die vorausschauende Beschaffung von Munition und Ersatzteilen. Wir arbeiten im Moment mit Hochdruck daran, entsprechende Lager aufzubauen und Vorräte auch für hochintensive Einsätze anzulegen. Dazu brauchen wir natürlich ausreichend Lagerflächen. Auch hier haben wir immer die Interoperabilität mit unseren Verbündeten im Blick. Die Kriege und Konflikte, die wir aktuell erleben, sind real, die Vorwarnzeiten gering, die Unberechenbarkeit ist groß und unsere Prognosefähigkeit schwach. Es gibt keine Alternative zu hoher Einsatzbereitschaft, Entschlossenheit und Verlässlichkeit.

Auf der ILA werben Sie ja auch für Personal. Wie bewerten Sie die Personallage der Luftwaffe und wie wollen Sie dauerhaft genügend qualifiziertes Personal gewinnen?

Die Bundeswehr insgesamt muss jedes Jahr etwa 20.000 Menschen neu einstellen, allein um den Regenerationsbedarf zu decken. Das schaffen wir, und das schafft sonst kaum ein Arbeitgeber in Deutschland. Qualifiziertes Personal zu finden, ist eine dauernde Herausforderung für alle Streitkräfte, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Da wir in der Luftwaffe viele technik-lastige Berufe haben, stehen wir besonders in Konkurrenz mit zivilen Unternehmen. IT-Spezialisten und Techniker werden überall gebraucht. Trotzdem haben wir keinen Grund zur Sorge. Das liegt sicher daran, dass wir ein interessantes Gesamtpaket bieten können: Wir haben topmoderne Waffensysteme und hochprofessionelle Ausbildung, zum Beispiel werden unsere Kampfjetpiloten in den USA trainiert. Gerade im fliegerischen Dienst sind wir offenbar ein sehr attraktiver Arbeitgeber für viele junge Menschen. Zwar scheitern in diesem Bereich auch viele an den hohen Anforderungen – lassen sich dann aber trotzdem weiter für die Luftwaffe begeistern.

Darauf ruhen wir uns natürlich nicht aus. Wir müssen heute viel proaktiver auf die jungen Menschen zugehen als früher, um die Luftwaffe für sie erlebbar und greifbar zu machen. Das versuchen wir zum einen, indem wir neue Kommunikationskanäle nutzen; seit Anfang des Jahres ist „Team Luftwaffe“ zum Beispiel auch auf Instagram aktiv. Das versuchen wir aber auch auf der ILA: Die Luftwaffe ist hier zum Ansprechen, Anfassen, Begehen und Einsteigen.

Sehr geehrter Herr General, vielen Dank für die interessanten Informationen!

Die Fragen stellte Burghard Lindhorst.